Die Rache ist nicht immer süß

Kultur / 30.09.2016 • 19:04 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Friedrich AniNackter Mann, der brennt222 SeitenSuhrkamp

Friedrich Ani

Nackter Mann, der brennt

222 Seiten

Suhrkamp

Friedrich Ani wechselt in die Täter-Rolle und Fil Tägert wirft einen Blick zurück in seine Berliner Jugend.

Roman. Friedrich Ani ist ein Vielschreiber. Kein deutscher Krimiautor scheint so besessen zu sein, und dennoch bleibt er ein Garant qualitativ hochwertiger Stoffe. Stellte er 2015 mit Jakob Franck im Roman „Der namenlose Tag“ eine neue Ermittlerfigur vor, die in einer dunklen sowie hochliterarischen Geschichte in einem Mord an einer Schülerin ermittelt, schlüpft er in seinem aktuellen Roman „Nackter Mann, der brennt“ in die Rolle des Verbrechers. Ludwig Dragomir geht nach Jahrzehnten in sein Dorf zurück um den sexuellen Missbrauch an seinen Freunden und an sich zu rächen. Jahrelang schwieg er, musste er schweigen, doch plötzlich tauchten die misshandelten und gestorbenen Kinder in seinem Kopf auf. Dragomir bringt nun einen Täter nach dem anderen um. Dazu verfasst der Autor auch die Lebensgeschichte des Gepeinigten. Seine wüste Zeit in Hamburg oder Berlin ist Teil der Geschichte, Teil des Leidensgangs.

Der grobe Holzschnitt

Friedrich Ani zu lesen fällt einem nie leicht, am ehesten noch seine Tabor-Süden-Reihe. In seinen Romanen schlüpft er in die Rolle des großartigen Erzählers, der zum einen Momente verdichten kann, aber auch ein sehr präzises Ausleuchten der menschlichen Seele betreibt. Als ob das nicht schon reichen würde, fängt er auch noch wunderbar die Atmosphäre ein. Zu all diesen Eigenschaften versucht er nun, sich als Hard-boiled-Krimi-Autor zu beweisen. Literatur also, die im groben Holzschnitt beheimatet ist. Friedrich Anis Bücher liest man immer gerne zu Ende, aber ob dieser sehr eindeutige Wurf die wahre Qualität des Meisters ist, kann durchaus bezweifelt werden. Zu wenig kommt hier der Blick hinter den Kulissen durch, zu hastig bleiben die Züge der Charaktere. Es wird jedoch nur eine Frage der Zeit sein, bis Ani wieder zu seinen alten Qualitäten zurückkehrt.

Der Hamburger

Nach Friedrich Ani ist es tatsächlich nicht schwer, zu etwas Heitererem zu kommen. „Mitarbeiter des Monats“ von Fil Tägert ist tatsächlich so ein Roman. Auffallend viele Bücher erscheinen zurzeit unter dem Motto: „Ich werde in Ost-Berlin oder in West-Berlin erwachsen und beschreibe nun diese Zeit. Hilfe!“ Warum eigentlich? Die Storys sind doch sehr ähnlich.

Das Interessanteste an diesem Roman bleibt die Biografie des Autors im Klappentext. Der Typ scheint ein ziemlich wilder Hund zu sein. Auch noch lesbar sind die Bereiche, in denen der Autor über die damalige Jugendszene spricht, die Marotten der Jugendkultur sind wirklich greifbar, bis hin zu der schnöden Beziehung zu seinem Freund, die ein bisschen wie MTVs „Beavis and Butthead“ funktioniert.

Trotzdem bleibt fraglich, warum sich der Autor ausgerechnet den Job in einer bekannten Hamburger-Braterei aussucht. Es gab in den letzten 15 Jahren eine beträchtliche Anzahl an Autoren, die miese Jobs in Fastfood-Ketten als Ausdruck des Zeitgeists inklusive Kapitalismuskritik literarisch verwerteten. Fil Tägert bleibt im Vergleich belanglos.

Fil TägertMitarbeiter des Monats301 SeitenRowohlt

Fil Tägert

Mitarbeiter des Monats

301 Seiten

Rowohlt