Entfaltung einer schön ausgebildeten Stimme

Kultur / 03.10.2016 • 22:24 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Tenor Michael Heim mit seinem langjährigen, verlässlichen Klavierpartner Hans-Udo Kreuels auf Falkenhorst. Foto: JU
Tenor Michael Heim mit seinem langjährigen, verlässlichen Klavierpartner Hans-Udo Kreuels auf Falkenhorst. Foto: JU

Der Tenor Michael Heim sang erstmals Schuberts Zyklus „Die schöne Müllerin“.

THÜRINGEN. Im stimmig adaptierten Dachgeschoß der Villa Falkenhorst, wo von einem Verein mit viel Hingabe Kunst gepflegt wird, kann man vieles aufführen, am wenigsten allerdings Schubert. Der international tätige Tenor Michael Heim wollte in einem „Heimspiel“ im Kulturtempel seiner Heimatgemeinde den Gegenbeweis antreten und sang am Wochenende dort partout die erste „Schöne Müllerin“ seines Lebens, den von Sängern aller Preisklassen ob seiner Anforderungen gefürchteten Schubert-Liederzyklus. Ein spannender Kampf gegen fehlende Konzertakustik und die eigene Nervosität, aus der der Sänger gemeinsam mit seinem Klavierpartner Hans-Udo Kreuels schließlich als strahlender Sieger hervorging.

„Daheim, vor Verwandten und Freunden, ist die Anspannung immer am größten“, gesteht ein erleichterter Michael Heim nach dem Konzert im VN-Interview. „Ich hab´ vorher aus dem Fenster geblickt und meinen ehemaligen Kindergarten entdeckt, wo ich die ersten Lieder geträllert habe und Sänger werden wollte. Und jetzt singe ich hier die ‚Müllerin‘ – da hat man schon Schmetterlinge im Bauch!“ Das Lied als Möglichkeit zu Tiefe im Ausdruck und Mittel zur Stimmpflege hat der Sänger vor einem Jahr hier mit der „Winterreise“ entdeckt. Zuvor waren das leichte Mozartfach mit dem Tamino in der „Zauberflöte“ als Vorstudie dazu und die Operette sein Hauptgebiet. Heute reicht seine Bandbreite von Udo-Jürgens-Liedern, die er für eine Biografie von TV-Redakteurin Lisbeth Bischoff gesungen hat, bis neuerdings ins schwere Fach eines Walther in Wagners „Tannhäuser“ oder eines Narraboth in Strauss´ „Salome“.

In Richtung Heldentenor

Die Statur dafür besitzt Heim mit seiner imposanten Erscheinung, auch die Stimme geht in Richtung Heldentenor. Hier aber gilt es nun, das große Organ auf die feinen Töne zurückzunehmen, und das ist nicht ganz leicht in einem total „trockenen“ Raum, der überfüllt und damit aufgeheizt ist.

Doch es ist bewundernswert, wie Michael Heim dank spürbarer Routine und Gesangstechnik mit dieser Situation zurechtkommt. Er hat sich bald freigesungen und kann erstmals in der „Ungeduld“ seine schön ausgebildete Stimme auch im vollen Volumen entfalten. Dass er sich unter diesen Umständen zuvor in der Hälfte der 20 Lieder eine sonst unübliche Pause erbeten hat, akzeptiert man gerne, ebenso das Notenpult als Sicherheitsnetz bei der Premiere. Nicht einzusehen dagegen ist das Fehlen eines Abendprogramms mit den Liedtexten, das heute als Standard gilt und diesmal nur wegen der überaus deutlichen Aussprache des Interpreten zu verschmerzen ist.

Die Erholung in der Pause tut gut, danach ist Michael Heim wirklich er selbst, so, wie man ihn von früheren Auftritten her kennt. Man leidet nun nicht mehr mit dem Sänger und dessen Unbilden, sondern wirklich mit dem Müllerburschen, mit dem sich der Tenor immer intensiver und differenzierter identifiziert.

Sorgsam getragen

Die anfängliche Hoffnung auf die Liebe der Müllerin („Mein!“) erweist sich als trügerisch, auch wenn der Nebenbuhler markant in die Schranken gewiesen wird („Der Jäger“). Eindrücklich gelingen Heim die letzten Lieder wie „Trockne Blumen“, die resignierend auf das letale Ende hinzielen: „Des Baches Wiegenlied“ wird zum wunderbar lyrischen Abschiedsgesang. Ein Sieg des Geistes über die Materie. Sorgsam getragen wird der Sänger von seinem langjährigen Klavierpartner Hans-Udo Kreuels, der dafür vom neuen Wohnort Passau an seine frühere Wirkungsstätte zurückgekehrt ist. Das Auditorium feierte beide Künstler lange und herzlich.

Nächstes Konzert in der Villa Falkenhorst: 16. Oktober, 17 Uhr – „Junge Künstler stellen sich vor“ (Lea Müller, Mezzosopran, Luca de Grazia, Klavier)