„Unter Druck setzt mich das nicht“

Kultur / 14.10.2016 • 22:53 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Die Vorarlberger Schriftstellerin Eva Schmidt ist mit „Ein langes Jahr“ für den deutschen Buchpreis nominiert. Foto: Lisa Mathis
Die Vorarlberger Schriftstellerin Eva Schmidt ist mit „Ein langes Jahr“ für den deutschen Buchpreis nominiert. Foto: Lisa Mathis

Fünf Enkel und eine Familie mit Hund hat Eva Schmidt, Preisanwärterin ist sie.

Christa Dietrich

Bregenz. Für Preise nominiert zu sein und sie auch zu erhalten, ist für die Vorarlberger Schriftstellerin Eva Schmidt (geb. 1952) an sich nichts Ungewöhnliches. Allerdings liegen die Erscheinungsdaten der Werke, für die sie Förderungspreise oder den Rauriser Literaturpreis erhielt, weit zurück. „Ein Vergleich mit dem Leben“, „Reigen“ oder „Zwischen der Zeit“ lauteten die Titel, beinahe zwanzig Jahre hat sie so gut wie nichts publiziert. Vor einigen Monaten erschien der Roman „Ein langes Jahr“, den die Juroren auf die Shortlist und somit unter die sechs Anwärter auf den renommierten Deutschen Buchpreis reihten. Am kommenden Montagabend wird er in Frankfurt am Main vergeben. Seit einem guten Jahrzehnt erfolgt die Preisverleihung am Vorabend der Eröffnung der Buchmesse nach dem Oscar-Verfahren. Wem der Preis zuerkannt wird, das wird erst im Festsaal verlautbart.

Kein Schutzschild mehr

„Nehmen Sie ein paar Kleidungsstücke mehr mit“, hat man ihr vom Verlag geraten (der Roman erschien bei Jung und Jung), die Verleger und Autoren schicken nicht nur die oder den Preisträger auf Lese- und Interviewtour, auch mit den Nominierten will man Werbung für das Buch bzw. das Lesen machen. Für Eva Schmidt keine lästige Sache. „Ich trete die Reise absolut entspannt an“, sagt sie. Die Frage nach Chancen habe sie sich erst gar nicht gestellt. Der Trubel, den sie schon seit einigen Wochen zu spüren bekam, ist zwar nicht ihre Sache, „aber, was soll’s, ich verstehe, wie die Verlage agieren, obwohl für mich der Grundsatz gilt, dass der Autor an sich hinter dem Buch verschwinden sollte, am besten gar nicht in Erscheinung tritt. Irgendwie verliert man da als Autorin einen Schutzschild. Andererseits bin ich aber ja auch an Autoren-Biografien interessiert, ich lese gerade jene über Patricia Highsmith von Joan Schenkar.“ Eine bereits erfolgte Lesung im Literaturhaus in Frankfurt, zu der alle Nominierten eingeladen waren, hat sie sehr gut in Erinnerung, das sei ein sehr angenehmer Abend gewesen. Bevor der Trubel mit der Nominierung losging, hatte sie in Bregenz aus ihrem Buch gelesen. Viele Interessierte waren anwesend, im Bregenzerwald waren es dann allerdings nicht einmal ganz ein Dutzend. So läuft das mit dem Interesse. Aber das war, wie Eva Schmidt meint, ein „wunderbarer Abend“. Man habe es sich an einem Tisch gemütlich gemacht.

So einfach macht man es ihr nun nicht mehr. Von der Familie, vor allem von den fünf Enkelkindern, die sie immer wieder gerne umsorgt, und vom Hund, der auch im Roman eine Rolle spielt, wird sie sich nun gelegentlich losreißen müssen. Warum aber gab es überhaupt die lange Schreibpause? Familiäre Verpflichtungen, die ihr „sehr, sehr wichtig“ sind, und die sie auch haben wollte, sowie eine Krankheit, die es durchzustehen galt, seien ausschlaggebend gewesen. Außerdem braucht die Bregenzerin, die – wie die älteren Theaterfreunde wissen – einmal Sekretärin bei Impresario Bruno Felix am Theater für Vorarlberg war, Ruhe beim Schreiben. Dass „Ein langes Jahr“ ein über 200 Seiten starkes Buch werden sollte, war gar nicht geplant. Nach der Abgabe der Kurzgeschichte „Das Steckdosenhaus“ verlangte der Agent jedoch nach mehr, er wollte wissen, wie es weitergeht.

Es geht weiter

„Die Arbeit war eine gute Erfahrung“, sagt sie nun. In den letzten Monaten habe sie bereits einen neuen Text zu schreiben begonnen. Das Thema will sie nicht verraten, denn es könnte ja sein, dass sie alles wieder verwirft. „Ich darf beim Schreiben nicht gestört werden, in einem Kaffeehaus oder im Zug geht es schon gar nicht und wenn die Enkel im Haus sind, natürlich auch nicht.“ Die Arbeiten an den ersten Geschichten des Buches seien ziemlich schwierig gewesen, irgendwann sei es dann aber flüssiger geworden und dann sei auch die Erinnerung da gewesen an eine intensive Zeit. „Eva Schmidt erzählt vielstimmig von der Traurigkeit, die einem langsam den Hals hinaufkriecht, von Wünschen und Verlust, von verpassten Chancen und auch von ein klein wenig Hoffnung. Vor allem aber erzählt sie einfühlsam vom Leben, das geglückt oder eben nicht geglückt sein kann und dennoch weitergeht; sie erzählt von Menschen, die schauen, beobachten, urteilen, die Kaffee trinken und viele Zigaretten rauchen, in Gärten, auf Balkonen und an anderen Orten; sie erzählt von Hunden, die Hemingway heißen und ihre kalte Schnauze auf den Oberschenkel legen“, schrieb Bernd Schuchter in seiner äußerst positiven Rezension für die Vorarlberger Nachrichten. Leser von „Ein langes Jahr“ hegen zu Recht die Vermutung, dass einige der Texte auf Beobachtungen basieren. Die Autorin versichert, dass niemand aus ihrem Umfeld oder nach Begegnungen direkt charakterisiert wurde. Sie sei keine Voyeurin, obgleich natürlich nicht von der Hand zu weisen sei, dass es ganz ohne Voyeurismus auch nicht geht.

Eva Schmidt war übrigens dabei, als vor Jahrzehnten der Vorarlberger Autorenverband gegründet wurde. Damals, in den frühen 1980er-Jahren, war das ein wichtiger Akt. Hubert Dragaschnig, Monika Helfer und Michael Köhlmeier waren da. Man fuhr zum Schriftstellerkongress, inszenierte ein Happening „in einer absolut konkurrenzlosen Situation“. Als Literatur Vorarlberg ist die Vereinigung immer noch sehr aktiv. Wolfgang Mörth habe in deren Rahmen ungemein viel im Bereich der Autorenförderung getan, betont sie. Sie selbst hat junge Autoren allerdings auch inspiriert und animiert.

Die Arbeit an diesem Buch war eine gute Erfahrung. Ich habe wieder etwas zu schreiben begonnen.

Eva Schmidt
Die Vorarlberger Schriftstellerin Eva Schmidt ist mit „Ein langes Jahr“ für den deutschen Buchpreis nominiert. Foto: Lisa Mathis
Die Vorarlberger Schriftstellerin Eva Schmidt ist mit „Ein langes Jahr“ für den deutschen Buchpreis nominiert. Foto: Lisa Mathis

Nominierte

» Reinhard Kaiser-Mühlecker: „Fremde Seele, dunkler Wald“

» Eva Schmidt: „Ein langes Jahr“

» Bodo Kirchhoff: „Widerfahrnis“

» André Kubiczek: „Skizze eines Sommers“

» Thomas Melle: „Die Welt im Rücken“

» Philipp Winkler: „Hool“

Die Verleihung des Deutschen Buchpreises 2016 findet am 17. Oktober in Frankfurt/Main statt.