Kinder sprechen über einen tödlichen Exportschlager

01.11.2016 • 19:06 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
„Feuerschlange“ von Philipp Löhle wurde am Schauspiel Stuttgart uraufgeführt. Foto: Theater/Mirbach
„Feuerschlange“ von Philipp Löhle wurde am Schauspiel Stuttgart uraufgeführt. Foto: Theater/Mirbach

„Feuerschlange“, ein wahres Märchen über die Verharmlosung der Grausamkeit.

Christa Dietrich

Stuttgart, Bregenz. Sagt Ihnen „Wir sind keine Barbaren“ etwas? Das ist jenes Stück eines aus Ravensburg stammenden Autors, das das Bregenzer Theater Kosmos vor einigen Monaten auf dem Spielplan hatte. Subtil, mit leichtem, aber noch nicht gefährlichem Hang zum seichten Humor, behandelt er, wie sich Menschenverachtung, Rassismus und Vorverurteilung auch in gebildeten Schichten breit machen. Während Ferdinand Schmalz, jener Österreicher, den die Kosmos-Leiter Augustin Jagg und Hubert Dragaschnig schon 2014 präsentierten, nun einen Text nach dem anderen am Burgtheater platzieren kann, hat der Deutsche Philipp Löhle in seiner Heimat längst reüssiert. Das Schauspiel Stuttgart beauftragte ihn mit einem Werk, das auf einem Polit- und Wirtschaftsskandal basiert, der immer wieder für Schlagzeilen sorgt.

Mechanismen dargestellt

Dabei geht es schlicht und ernüchternd darum, dass eines der erfolgreichsten Exportprodukte der Bundesrepublik Deutschland ein handliches Schnellfeuergewehr ist, das nachweislich auch in jenen Krisengebieten zum Einsatz kommt, in die Lieferungen vom Gesetz her verboten sind. Erzeugt wird es in Baden-Württemberg. Die komplexe Thematik in einem Theaterstück abzuhandeln, ist eine enorme Auflage, gerade weil sich Löhle mit einer Anklagesuada, der Repetierung der sattsam bekannten Rechtfertigung von Waffenexporten und der Verkünstlichung von Gesetzestexten der Kritik ausliefert, erhöht sich die Relevanz des Unterfangens. Während man auf der Homepage des Unternehmens Heckler & Koch umgehend darüber informiert wird, dass „die Einhaltung von Recht und Gesetz absolute Priorität“ genieße, lassen Löhle und sein Regisseur Dominic Friedel quasi im Kabarettstil jene Mechanismen durchdeklinieren, mit denen Gesetze gebrochen werden. Wenn in einer Inszenierung, die zwischen Gruselmärchen und Puppenspiel changiert, und die einen Bogen vom Wilhelminischen Zeitalter bis ins Heute spannt, schließlich Kinder auftreten, um in filmischer S/W-Ästhetik Anklage zu erheben, verliert die Geschichte von den schwäbischen Buben, die sich später als Terrorist und Soldat mit einem deutschen Exportschlager in dem Land erschießen, aus dem andere nach Deutschland geflohen sind, jegliche Plakativität. Es ist so einfach grausam.

Weitere Aufführungen, Schauspiel Stuttgart ab 3. November, Theater, Stücktexte im Verlag Rowohlt.