Unterwegssein mit Angela

Kultur / 02.11.2016 • 20:13 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Neben der Herbststimmung spielt die Zeit eine wesentliche Rolle.
Neben der Herbststimmung spielt die Zeit eine wesentliche Rolle.

In den von Daiga Grantina gestalteten KUB-Billboards tun sich Fenster und Räume auf.

Bregenz. Einer jüngeren Generation vorbehalten, ist mit den Arbeiten der lettischen Künstlerin Daiga Grantina das vierte und letzte Projekt der diesjährigen KUB Bill­board-Reihe in der Freiluftgalerie an der Bregenzer Seestraße zu sehen.

Letztmalig von Eva Birkenstock kuratiert, handelt es sich bei den aktuellen Arbeiten wohl um die abstraktesten und am stärksten ortsspezifischen Werke in der Reihe. Die 1985 in Riga geborene, in Paris lebende Daiga Grantina mäandert in ihrem Schaffen zwischen Medien, Materialitäten und Referenzsystemen. Hat die Künstlerin, die an den Akademien in Hamburg und in Wien bei Heimo Zobernig Malerei studiert hat, in einer früheren Arbeit alte Super-8-Filme digital neu zusammengeschnitten und als abstrakt scheinende, vorbeihuschende Farbflächen auf Aluminiumplatten projiziert, so geht sie in ihrer aktuellen Arbeit bei den Betonkörpern der Billboards just den umgekehrten Weg. Der Bewegung der Betrachter geschuldet, die an diesem eigentlichen Un-Ort für die Kunst, zwischen Straße und Schiene, zumeist rollend, bestenfalls an der Ampel haltend, unterwegs sein werden, hat Daiga Grantina ihre Arbeiten filmisch konzipiert. Den Ausgangspunkt bilden zweidimensionale Piktogramme, die ihrerseits auf Skulpturen zurückgehen. Als grafische Ableitungen, als Verflachungen, haben sie sich nun in Bregenz verselbstständigt und eröffnen einen illusorischen Raum. Betreten erwünscht, zumindest in der Vorstellung: In diesem Raum, der sich über die Mobilität des Betrachters dynamisiert und perspektivisch verändert, treffen verschiedene Prozesse, Bewegung, Farbe, Licht, Material, aufeinander.

Positive Verwirrung

Dazu hat die Künstlerin die bedruckten Leinwände mit Entwurfscharakter weiteren Überarbeitungen unterzogen. Silbrig reflektierendes Isolationsmaterial, aufcollagierter Stoff, Fäden, die etwas Organisches haben, die gestisch-expressiv aufgetragenen Neonfarben der Straßenmeisterei: Sie habe auf den monumentalen und durch das Material und die Bearbeitung doch so fragilen Leinwänden mit Unikatcharakter, die sich im Lauf der Zeit durch Witterungseinflüsse verändern werden, alles gemacht, was man eigentlich nicht machen sollte, so Daiga Grantina. Malerei oder Skulptur? Sowohl als auch, der Prozess bleibt im Sinne einer positiven Verwirrung auch für die Künstlerin offen. Eine weitere wichtige Komponente für die Wahrnehmung dieser Arbeit bildet die Zeit. Neben der Jahreszeit, die unterschiedlichste Hintergründe liefern wird, spielt die Dimension Zeit in der filmischen Konzeption eine Rolle. Nicht auf einen Blick zu erfassen, gereiht und angeordnet wie ein Filmstreifen in der Landschaft, legt sich über diese visuelle Spur zusätzlich auch noch eine akustische Spur, sofern man gewillt ist, sich mit der im KUB erhältlichen Tonspur ausgerüstet auf den Weg zu machen. Mehr Narration denn Soundtrack, mehr Atmosphäre denn Audioguide, erzählt Mary Rinebold, mit der Grantina bereits früher zusammengearbeitet hat, darin die Geschichte von Angela, einer Stadtflaneurin. Ohne direkte Bezugnahme definiert jeder Betrachter für sich, gehend, sehend, hörend das nicht-lineare Verhältnis von Text und Bild.

Daiga Grantina hat die neuen Billboards gestaltet. Fotos: VN/Hartinger
Daiga Grantina hat die neuen Billboards gestaltet. Fotos: VN/Hartinger

Eröffnung am 3. November, 19 Uhr, im KUB. Zu sehen bis 15. Jänner an der Seestraße in Bregenz.