Teuflisch angereichert, gut hör- und sehbar

Kultur / 04.11.2016 • 21:33 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Attla Ayan und Mandy Fredrich in „Faust“. Foto: Oper/Aurin
Attla Ayan und Mandy Fredrich in „Faust“. Foto: Oper/Aurin

Bestens gesungen, hat dieser triebgesteuerte „Faust“ auch französische Geschichte im Gepäck.

Stuttgart. (VN-cd) Nein, erdrückt wird die Geschichte nicht von den Assoziationen, die Frank Castorf in seiner ersten Inszenierung in Stuttgart, wo auf dem klassizistischen Gebäude der Schriftzug „Opernhaus des Jahres“ prangt, Bild werden lässt. Während der Vorarlberger Reinhard von der Thannen das Werk aus dem späten 19. Jahrhundert gerade erst für die Salzburger Festspiele von allen Grand-opéra-Zutaten entrümpelt hatte, packt Castorf nicht nur zahlreiche Paris-Klischees rein, sondern auch seine Anmerkungen zur Geschichte Frankreichs von damals bis nach dem Algerien-Krieg. Mit Gounods „Faust“ lässt sich vieles anstellen. David Pountney, der einstige Intendant der Bregenzer Festspiele, hatte das Publikum an der Münchner Staatsoper, wo er einmal den bösen Umgang der Gesellschaft mit dem armen Gretchen von Puppen kommentieren ließ, gewaltig gegen sich aufgebracht, die Stuttgarter haben zur deutschen Dichtung ein entspanntes Verhältnis, dass Goethe kaum noch erkennbar ist, störte am Premierenabend kaum. Dirigiert von Marc Soustrot, wurde die erste Neuinszenierung der Spielzeit heftig gefeiert. Viele Gründe lieferten vor allem die durchwegs in ihren Rollen debütierenden Sänger. Atalla Ayan (Faust) mit ungemein warmer, kultivierter Tenorstimme, Gezym Myshketa (Valentin) mit leuchtendem Bariton und Adam Palka (Mephisto) mit einem Bass, der ihn nicht nur als Biest par excellence ausweist, auch mit den Videopassagen (ein Markenzeichen von Castorf) hat er keinerlei Probleme. Mit der Mimik eines Charakterdarstellers sorgt er dafür, dass die Partie selbst dann niemals verulkt erscheint, wenn er Voodoo-Meister, Zauberkünstler, Gentleman und auch Diavolo mit Klumpfuß sein muss. Als Siebel begeistert Josy Santos und als Marthe hat Iris Vermillion nicht nur das entsprechend dunkle Timbre, ganz Castorf-Figur, hält sie beinahe stets Erbauungsliteratur in den Händen, obwohl ihr der Sinn nach Vergnügen – gerne auch merkantiler Art – steht. Mandy Fredrich, die das Bregenzer Festspielpublikum in „Hoffmanns Erzählungen“ schätzen gelernt hat, braucht etwas Anlauf, um zu stimmlichem Glanz zu finden. Während Gounod an sich die bedauernswert Verführte in den Mittelpunkt stellt, hat die Cabaret-Tänzerin im Paris der 1960er-Jahre hier noch nicht recht mitgekriegt, was Emanzipation heißt. Weder gerichtet, noch gerettet, versetzt sie den Champagner selbst mit einer tödlichen Dosis – doch dann fällt der Vorhang.

Spannungssteigerung

Und Faust? Gewiss nicht philosophierend, sondern triebgesteuert, ist er kaum fassbar und vermittelt dennoch den Kern der Inszenierung, die mit ein wenig viel teuflischem Getöse, von menschlicher Unzulänglichkeit handelt. Bühnenbildner Alexander Deni‘c liefert dafür nicht nur drehbare Paris-Versatzstücke vom Bistro bis zu Notre Dame und den Boulevards, von der Stalingrad-Metro-Station bis zur schäbigen Clochard-Behausung. Kapitalismuskritik gibt’s nicht nur über hinzugefügte Zitate, an verfremdeten Firmenlogos, Plakaten und hingemalter Agitation, kann der Zuschauer ablesen, was alles schiefläuft. Damit das nicht zu plakativ wird, steuert der Chor Momente kommunalen Lebens bei. „Horror Chamber of Dr. Faustus“ steht an einer Wand. So arg ist es nicht, Castorfs Ästhetik, die Besuchern der Berliner Volksbühne oder des Bayreuther „Rings“ bestens vertraut ist, verträgt Gounods „Faust“, bei dem sich der Schöpfer ohnehin zu oft dem damaligen Geschmack der Operngeher beugte, nicht nur sehr gut, sondern auch im Sinne einer Spannungssteigerung.

Nächste Aufführung am 6. November und zahlreiche weitere. www.oper-stuttgart.de