Von Blumen, Tieren, Menschen und erdigem Material

Kultur / 27.12.2016 • 18:53 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Emil Nolde: „Feriengäste“, 1911 aus dem Brücke-Museum.
               Foto: Nolde-Stiftung, VN/Dietrich

Emil Nolde: „Feriengäste“, 1911 aus dem Brücke-Museum.

Foto: Nolde-Stiftung, VN/Dietrich

Mit Emil Noldes Eintauchen in Farbe zu beginnen, ist ein durchaus guter Weg.

Christa Dietrich

Ravensburg. Wer sich vorwiegend mit Gegenwartskunst beschäftigt und einzelne jener Künstler gerne in Erinnerung behält, die auf der Biennale Venedig, der immer noch bedeutendsten internationalen Kunstschau, groß präsentiert werden, der wird sich ein Datum bestimmt vormerken: Von Mitte März bis Mitte Juni präsentiert das Kunstmuseum in Ravensburg nämlich Arbeiten des Niederländers Herman de Vries (geb. 1931). Seit Jahren mit Naturmaterialien arbeitend, zelebrierte er im Holland-Pavillon auf der letzten Biennale auch ein olfaktorisches Erlebnis. Der Rosenduft, den ein Blütenobjekt im ganzen Raum verbreitete, unterstrich die Erfüllung der Erwartungen. Auch in Ravensburg, wo vor einigen Jahren ein markanter Bau nach Plänen des Architektentrios Lederer, Ragnarsdóttir und Oei errichtet wurde, werden nicht einfach ein paar Arbeiten platziert, De Vries, der in seinem Atelier Tausende Erdproben aus aller Welt bewahrt, hat zwischen der Stadt Ulm und dem Bodensee verschiedene Erden gesammelt und wird damit Bilder gestalten.

60 Arbeiten

Eigens geschaffene Kunst hin oder her, mit Emil Nolde zu beginnen bzw. schon vorher einen Blick auf eine Schau zu werfen, die noch bis 5. Februar in Ravensburg läuft, vermittelt Basiswissen. Im deutschen Maler (1867–1956) einen Vorläufer des Informel, also der nicht geometrischen abstrakten Kunst zu sehen, ist ein wenig hoch gegriffen, einem Expressionisten, der das Eintauchen in Farbe oder die Intuition voranstellte, ist allemal zu begegnen. Rund 60 Arbeiten sind zu sehen. Das Schaffen wird mehr oder weniger in der Gesamtheit nachvollziehbar. Und das im Grunde genommen sogar in etwas größerer Dichte, als es vor zweieinhalb Jahren im Städel-Museum in Frankfurt der Fall war, wo man mit ungemeiner Fülle und zahlreichen Blumenmotiven nach Opulenz trachtete.

Auf die Anziehungskraft von Nolde hat auch das Stadtmuseum in Lindau gesetzt, wo man – ein Phänomen in der gesamten Ausstellungsszene – mit einer jeweils kleinen Auswahl von Arbeiten bekannter Meister des 20. Jahrhunderts pro Sommer bis zu 50.000 Besucher erreicht. 2017 widmet man sich übrigens Paul Klee, und auf Nolde zurückblickend, darf festgehalten werden, dass man es in Lindau mit dem Werdegang des Malers bzw. mit einem besonderen Fall aus der deutschen Kunstgeschichte sehr genau nahm. In Ravensburg kommt der Verweis auf Noldes Anbiederung an das Nazi-Regime und auf seinen schriftlich dokumentierten Antisemitismus etwas zu kurz. Nur weil er letztendlich nicht das schuf, was die Nationalsozialisten goutierten und seine Werke als „entartet“ gebrandmarkt wurden, darf nicht übersehen werden, dass der Künstler Deutschtümelei und Führer-Gefolgschaft dezidiert guthieß. Man streifte die Thematik aber immerhin im Rahmenprogramm mit einem Vortrag jenes Fachmanns, der vor vielen Jahren das Ausstellungsprogramm in Ravensburg mitverantwortete und Nolde mit Bildern berücksichtigte, die während seiner inneren Emigration in den 1940er-Jahren entstanden. Eine hervorragende Möglichkeit, in Landschaftsbildern und Porträts den in Farbwahl und Duktus individuellen Expressionismus zu erkunden, bietet die aktuelle Ausstellung allemal. Übrigens: Ab 1. Juli bis Mitte Oktober 2017 sind Tiere das Thema, und zwar ausgehend von Hans Baldung Grien bis in die Gegenwart.

Geöffnet im Kunstmuseum Ravensburg bis 5. Februar, Di bis So,
11 bis 18 Uhr, Do bi 19 Uhr:
www.kunstmueum-ravensburg.de