Ein Herkules und der blaue Schirm

Kultur / 30.12.2016 • 18:07 Uhr / 12 Minuten Lesezeit

Ein Mann wie ein Kleiderschrank, grobschlächtig und laut, seit mindestens 30 Jahren Aussteiger, geht mit großen Schritten durch die Straßen Feldkirchs, als wäre er beschäftigt.

Wenn er bei den Containern vor dem Kaufhaus sein Bier trinkt und Eva erblickt, ruft er mit ungemein lauter Stimme: „Geh’n ma einkaufen, ja? Wie geht’s denn so beim Einkaufen, was?“ Sie hat in angefaucht, er soll sie gefälligst in Ruhe lassen. Das tut er daraufhin meistens.

Im gleichen Haus wie Eva wohnt ein Pensionist, der Herkules manchmal zu sich in die Wohnung lässt. Öfter aber steht er wild gestikulierend bei der Klingel, doch der alte Herr öffnet nicht immer. „Mach mir die Haustür auf“, bettelt Herkules Hausbewohner an, die ein- und ausgehen. Eva sagt energisch, dass er nicht hinein kann, wenn der Freund von sich aus nicht aufmacht. Dann geht er schimpfend und drohend, dass er allen die Polizei auf den Hals hetzen wird, weg. Heute steht Mathilda, eine Mitbewohnerin, eingeschüchtert in der Ecke vor dem Eingang, sie ist desorientiert, manchmal fragt sie Eva, ob sie ihren Bund Wohnungsschlüssel genommen habe.

Nun geht Eva forsch auf Herkules zu und sagt, wenn sein Freund nicht da ist, muss er gehen. Hausbewohner kommen vom Einkauf, Mathilda wagt sich ebenfalls herein, deswegen geht Herkules schimpfend „Die Polizei schick ich euch . . .“ weg. Er nimmt den blauen Schirm, der auf der Ablage liegt, mit. Mathilda klagt, dass der Schirm ihr gehöre. Eva läuft Herkules nach, der bleibt stehen und gibt ihr den Schirm mit den Worten: „Von mir aus, da hast ihn halt.“

Am nächsten Vormittag geht Eva von der Schattenburg die steile Straße, die heute mit nassem Herbstlaub bedeckt ist, in Richtung Montforthaus hinunter. Vor ihr biegt gerade Herkules um eine Kurve; er fuchtelt mit den Armen und schreit: „Pass auf.“ Eva denkt: „. . . du drohst mir nicht . . .“, sie kommt um die Kurve, er steht noch da; jetzt versteht sie, was er schreit: „Pass auf, es ist rutschig.“

Eine weiche Seele, denkt sie gerührt und bittet ihn in Gedanken um Nachsicht, weil sie ihn immer wieder grob angefasst hat. Nun sieht sie, wie er von einem parkenden Auto verdeckt wartet, ob sie unversehrt heruntergekommen ist. Als sie sich bedanken will, ist er schon mit Riesenschritten weitergeeilt.

Im Haus angekommen, begegnet ihr der Freund von Herkules, er sagt, dass jener gestern sehr um seinen blauen Schirm gejammert habe, den er seit zwei Jahren mit sich herumgetragen hat. Er war das Geschenk einer Frau.

Bist du angekommen?

Eva geht seit Langem das erste Mal wieder über „Maria Grün“, von Feldkirch durchs Reichenfeld über die steile Duxgasse, nach Maria-Grün bis zur Felsenau und weiter nach Feldkirch. Für den Weg benötigt sie meist eine Stunde Gehzeit.

Als sie die Straße zum Schwimmbad Felsenau überquert, überholt sie einen jungen Menschen, dunkler Typ, vermutlich Asylant, er spielt mit seinem Handy.

Nach wenigen Schritten eine Stimme, die sagt, sie möge entschuldigen . . . Eva bleibt stehen, sieht dem Fremden ins Gesicht. Entschuldigen Sie, können Sie mir sagen, wo der Parkplatz ist? Parkplätze gibt es viele, antwortet sie. Er zeigt ihr das Handy, jetzt kann sie eine Adresse entziffern. Das ist gleich hier, gibt sie Auskunft: „Felsenau Nr 1.“ Ein Auto hält, ein Fremder steigt aus, ruft den Fremden mit einem Namen, den sie nicht versteht. Der Fahrer übergibt dem Angesprochenen eine kleine Packung, Eva geht weiter. Sie denkt, das könnte Rauschgift sein. Hier macht sie sich besser auf und davon! Auf dem Weg nach Feldkirch holt er sie ein, er spricht sie erneut an, lächelt, offensichtlich möchte er ein Gespräch beginnen.

Woher er komme, wie lange er in Österreich ist, will Eva wissen. Er gibt in gutem Deutsch Antwort; sie macht ein Kompliment, weil er gut Deutsch spricht.

Er ist in der Schule, um die Sprache zu lernen, und anschließend Hauptschule. Nachher einen Beruf? Ja, sagt der Fremde. Er ist seit acht Jahren allein, ohne Familie. Er ist nie in die Schule gegangen, dumm, antwortet er. Ich bin allein überlebend aus meiner Familie. Ob er allein geflohen ist? Ja. Sie sagt, wie viel Mut, so große Gefahr bis hierher in ein fremdes Land mit fremder Sprache, anderer Kultur, zu kommen, nicht aufzugeben!

Er sagt, dass er wegen der Sprache gerne Menschen von hier anspricht. Eva erwidert, dass sie gern mit fremden Menschen spricht, und: Respekt! Er hat ihre Hochachtung.

Er wird im Kinderdorf Arbeit bekommen, ist ihm zugesagt. „Kinder betreuen, aufpassen, mit ihnen sprechen. Ich liebe Kinder, wie die im Kinderdorf. Ich kenne ihre Trauer und ihren Schmerz, ohne Familie und ohne Eltern. Sie sind wie ich.“ (Zitat des syrischen Autors Aymann Jindi)

Nach dem Park, ehe sie in die Straße zu ihrer Wohnung einbiegt, sagt er, er habe hier „ein Mädel“. Dieses Wort Mädel klingt aus seinem Mund fremd, aber wie „angekommen“.

Sie verabschieden sich mit Handschlag.

Guter Kuchen, danke.

Zum Geburtstag bekam Eva von Freundinnen selbstgebackene Kuchen. Wer sollte die Herrlichkeiten essen?

Im Haus arbeiten junge Menschen aller Nationen, die Firma hat sie als Arbeitsmigranten aus dem Iran, Spanien und aus Polen hergeholt. Eva fragt nach im Büro, das ihrer Wohnung am nächsten liegt, sie würde gern Kuchen und Kaffee spendieren. Aber niemand hatte Zeit für eine Kaffeepause in Evas Wohnung. Auf Anraten von Armin geht sie in das Büro von Nazli, sie möge die Kuchen in Empfang nehmen und sie an die Kollegen verteilen. Auf dem Bildschirm, vor dem die junge Frau sitzt, sieht Eva arabische Schriftzeichen. Nazli ist also Korrespondentin für den arabischen Raum.

Tage später ruft ihr der Spanier, mit dem sie noch nie ein Gespräch hatte, zu, er winkt mit beiden Händen: „Guter Kuchen, danke!“ Ja, gerne, lacht Eva und fragt sich, ob er seine Kollegen gefragt hat, mit welchen Worten er sich bedanken soll; und ob es ihm schwerfiel, aus seiner Sprache den Sinn der Worte abzuleiten.

Besondere Verbundenheit

Redakteur und Autorin treffen sich in Wien. Er gestaltete vor zwölf Jahren eine Rundfunksendung über ein Buch von ihr. Die Verbindung blieb bestehen, weil sie sich meldet, wenn sie nach Wien kommt.

Er schenkt ihr beim letzten Treffen seinen neuen Lyrikband von auserlesener Qualität, was Inhalt und Aufmachung betrifft. Eine Edition mit kleiner Auflage und Offsetlithographien höchster Sensibilität.

Wieder daheim, bedankt sie sich: Lieber Freund, ich bin so randvoll Freude über unsere Begegnung, über unsere Vertrautheit und dass du gekommen bist . . . „Sie sind gekommen, sind ganz einfach gekommen . . .“ von Exupéry, aus „Begegnungen einer Freundschaft“. Deine kostbare Lyrik, die Widmung!

Verliebt bin ich in das Gedicht: Chagall; in die letzten zwei Strophen:

„Beim Wegfahren

sahen wir

eine Bewegung am Fenster

Der weiße Vorhang

flatterte kurz auf

Der Flügelschlag

eines Vogels

So beschenkt

von der Ahnung eines Blickes

fuhren wir

zurück ans Meer“

So leise, so innig. Während der Zugfahrt habe ich diese Seite 13 aufgeschlagen gelassen. Deine Lyrik ist vollendet.

Liebe Eva, ich danke dir! Unsere Begegnungen haben eine vertraute, innige Herzlichkeit, die mich immer wieder aufs Neue berührt. Ich freue mich, dass dich meine Gedichte erreichen. Es sind stille, konzentrierte Texte. Da fühle ich mich ganz bei mir, Gedichte sind mir wohl beim Schreiben das Liebste.

Wien und die Wälder

Eva ist eingeladen, in Wien bei einer Veranstaltung über die Pflegesituation alter Menschen eine von ihr verfasste Geschichte zu lesen.

Genau neun Jahre vorher, am Tag vor dem heiligen Abend, schickte sie ihr Manuskript mit Erinnerungen aus ihrer Kindheit an den Lektor der Doku-Lebensgeschichten.

Die Antwort damals kam postwendend, die Autorin bekam es mit der Angst vor dem eigenen Mut zu tun und riet dem Herrn in Wien, er möge doch an den Weihnachtstagen lieber „in den Winterwald“ gehen, als ihre Geschichte zu lesen. Er aber war der Meinung, dass der Winterwald warten könne.

Eine intensive Phase gemeinsamer Arbeit – Missverständnisse wechselten ab mit Übereinstimmung – begann und fand einen guten Abschluss mit einem Buch, das viel Aufmerksamkeit erlangte.

Viele Jahre später, kurz nach ihrem achtzigsten Geburtstag, die Einladung nach Wien zur Lesung zum Thema Pflegesituation in Österreich. Diese Veranstaltung leitete ebenfalls der Leiter der Dokumentationsstelle. Eva war sich der Ehre bewusst, die Freude, Reise und Auftritt zu schaffen, einige treue Freunde aus früheren Jahren zu treffen, motivierte ihre Lebensgeister, sie waren neu erwacht und aktiviert.

Nach intensiven Tagen und feinen Begegnungen, traf sie sich am Tag vor der Heimfahrt mit dem langjährigen Begleiter ihrer literarischen Aktivitäten, sie gingen im Campus spazieren. Er zeigte ihr die Wirkstätten historischer Gebäude, sie achtete zu wenig auf die Unebenheit des Bodens und stolperte.

Ein Rettungsauto brachte die alte Dame in ein Krankenhaus. Keine Ohnmacht, keine Gehirnerschütterung, ansprechbar von der ersten Minute im Rettungswagen, wo sie sogleich versicherte, dass sie ihre e-card dabei habe.

Von dem untersuchenden Arzt nach der Ursache des Sturzes befragt, antwortete sie, dass sie so gelacht hat und deshalb gestolpert ist. Nach Schädelröntgen, Wunden desinfizieren und verkleistern sah sie aus wie ein Zombie. In ihrer Freude, so glimpflich davongekommen zu sein, sagte sie zu den Ärzten, dass sie sich seit Jahren nicht mehr so stark wie heute geschminkt hätte.

Das ist egal, war die launige Antwort, ist doch schon bald Halloween.

 

Zu Halloween waren die Zeichnungen und Schwellungen aus Gesicht und Hand fast verschwunden. Dies teilte sie ihrem vertrauten Bekannten mit, der gewohnt cool antwortete:

„Schön, dass du die Farbenpracht langsam wieder den Wäldern überlässt.“

Ihre Antwort:

„Wieviel Poesie ist in den Metaphern ‚Wald‘.

Der Winterwald 2007,

Die Herbstwälder 2016

Wie viel Poesie – und wie viel Kraft!“

Zur Person

Elisabeth Amann

Geboren: 1936 in Altenmarkt, seit 1955 in Vorarlberg

Tätigkeit: in verschiedenen sozialen Berufen, Autorin, als „Artist in Residenz“ wird Elisabeth Amann sowie der syrische Autor Ayman Jndi das Programm des Theaters am Saumarkt in Feldkirch ein Jahr lang schriftstellerisch begleiten.

Publikationen: „Dieses bisschen Glück“, „Mit bloßen Füßen Kind sein“, „Frühere Hände“, „Mandala“

Familie: verwitwet, sechs Kinder