Fatale bauliche Fehlentwicklung

Kultur / 04.01.2017 • 19:40 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Architekten fordern Diskussion zur geplanten Seestadtverbauung.  Foto: VN/Hartinger, Rendering: Amt der Landeshauptstadt
Architekten fordern Diskussion zur geplanten Seestadtverbauung.  Foto: VN/Hartinger, Rendering: Amt der Landeshauptstadt

Auch wenn man mit dem Begriff der Jahrhundertchance sparsam umgehen sollte (zu inflationär bemühen wir Superlative) – das Seestadtareal ist tatsächlich eine Jahrhundertchance. Immerhin handelt es sich um eine Fläche, die in puncto Größe, Lage und Potential mit dem Kornmarktplatz vergleichbar ist. Dieser zentrumsnahe Bezirk eröffnet der ganzen Stadt fantastische Impulse und offeriert Entwicklungschancen, für die jede Stadt viel tun und geben würde.

» Hart an der Grenze zum Zentrum ermöglicht das Seestadtareal eine Ausweitung und Abrundung des historischen Stadtkerns.

» Die durch See und Pfänder in ihrer Entwicklung höchst limitierte Stadt ließe sich nach innen erweitern, um fehlende Elemente ergänzen und kräftig beleben.

» Der derzeit noch isoliert stehende Bahnhof könnte gleich seinem Vorgänger angebunden und wieder Teil des städtischen Gefüges werden.

» Entsprechend der wachsenden Wichtigkeit des öffentlichen Verkehrs und damit der Bedeutung von Bahn- und Busbahnhof könnte die Stadt von dieser Seite ihren Zugang neu bestimmen.

» Und nicht zuletzt ließen sich über ein gelingendes Seestadtprojekt die Beziehungen der Festspielstadt Bregenz zum See ausbauen und damit die Identität dieser Stadt festigen.

Mit Blick auf das aktuelle, zur Disposition stehende Projekt muss man allerdings feststellen, dass von den hier dargelegten Chancen und Möglichkeiten keine einzige genutzt wird. Was der Name „Seestadt“ verheißt und erwarten lässt, wird nicht annähernd eingelöst. Die Stadt selbst wird nicht aufgewertet, erfährt keine Belebung und ihre Bande zum See werden geschwächt. Als Ausgangspunkt haben die dem Wettbewerb zugrunde liegenden Ziele auf gänzlich anderes als den heutigen Projektstand verwiesen.

Baublock statt Stadtteil

Anstatt eines neuen Stadtteils, mit neuen Bauten, mit Plätzen, Wegen und Straßen, setzt das aktuelle Projekt auf eine einzige Baumasse. In ihrer Dimension und Hermetik sprengt dieser Körper den örtlichen Maßstab und die strukturellen Gegebenheiten. Das Umfeld dieses Volumens generiert Restflächen statt differenzierter, lebenswerter, Begegnungen stimulierender und damit die Stadt aufwertender Stadträume. An die Stelle des erhofften Weiterbauens an der Stadt wird dieser ein völlig fremdes, unstädtisches Element aufgezwungen. Denn anstatt dem „Stadthaus“, dem bis heute unübertroffenen Grundbaustein der europäischen Stadt zu folgen, wird mit dem vorliegenden Entwurf der Versuch unternommen, einen gänzlich unurbanen, selbst in den Peripherien nur selten erfolgreichen Bautypus an denkbar ungeeignetster Stelle zu implementieren.

Innen statt außen

Das Projekt bemüht sich im Bauinneren eine Passage zu füllen und wird damit den öffentlichen Raum von Passanten entleeren. Das ist eine (zum Scheitern verurteilte) Geschäftsidee und kein Konzept im Interesse einer Stadtaufwertung. Diese Form der Introvertiertheit setzt sich über die Stadt hinweg und stellt einen unduldbaren Projektegoismus dar. Als Strategie zeugt diese Haltung von einem gewaltigen Unverständnis gegenüber einer Stadt von der Größe von Bregenz und verkennt die Charakteristik urbaner Passagen und Arkaden in europäischen Großstädten zur Gänze. Letztere entlasten eine Stadt in ihren dichtesten und bereits gestressten Zentren, indem sie sie um zusätzliche Geschäftsfronten erweitern. Und immer verbinden diese Passagen auch relevante Wegziele. Die für Bregenz vorgeschlagene Passage setzt an beliebiger Stelle an und führt nach nirgendwo.

Barriere statt Boulevard

Mehr als Entfernung und Meter das je könnten, unterbindet die geschlossene Baumasse den Austausch zwischen Stadt und See. Aufgrund mangelnder Durchlässigkeit und Differenziertheit der Gebäudefront wird die Seeseite dem Verkehr geopfert. Analog jedem in die Enge getriebenen, von Verzweigungen und Widerständen entleerten Strom wird auch der Verkehrsstrom der Seestraße beschleunigt wirken und für Passanten unüberwindbar. Gleicht die Seestraße zwischen Postamt und Sparkassenplatz einem großzügigen Boulevard mit Aufenthalts- und Erlebnisqualitäten, so gestaltet der Seestadtentwurf deren Fortsetzung zu einem Fluchtraum. Ein derartiger Unort raubt der Stadt einen wesentlichen Teil und treibt nach dem Bauriegel einen zweiten Keil zwischen Stadt und See.

Investment minus Architektur

Gestalterisch stellt das Seestadtprojekt das Gegenteil einer Stadtbereicherung dar. Schematisch, unakzentuiert und banal tritt es auf. Jeglicher Formwille scheint einem ökonomisch kurzsichtigen Pragmatismus geopfert. Im Falle einer Realisierung würde diese Architektur als lieblose Routine auf ihre Umgebung wirken. Ein solcher Mangel an Qualität erscheint unfassbar angesichts der architektonischen Standards in diesem Land. (Fast) jedes neuere Gemeindezentrum, jede Schule und jeder Kindergarten (in Bregenz wie in Dörfern der weiteren Umgebung) liegt weit über dem Niveau der vorliegenden Stadtvision. Dass der im volkstümlich „Leberkäse“ genannte Bau, der die Kaiserstraße gegen den See verriegelt, kein Ruhmesblatt der Stadtbaukunst ist, wissen inzwischen ziemlich alle. Und doch scheint sich die Seestadt an diesem zu orientieren anstatt an Postgebäude, an Kunsthaus, Landestheater oder Landesmuseum. Weiterhin werden allein diese Bauten vom See aus für die Silhouette von Bregenz stehen müssen. Und das Seestadtprojekt ist gezwungen, auf eine dichte Bepflanzung in den Seeanlagen zu hoffen, damit es hinter einer Naturkulisse verschwinden kann.

Und zuletzt, den Stadtzugang aus der Richtung von Bus- und Zugbahnhof betreffend: So sieht eine Lieferrampe und Lkw-Zufahrt aus und nicht ein Entree zu einer (Kultur)Hauptstadt! Diese notwendigen Funktionen sind schlicht und einfach falsch positioniert.

Fazit ist, würde das zur Diskussion stehende Projekt realisiert, wäre die bedeutendste städtebauliche Entwicklungschance von Bregenz vertan und der Stadt ein irreversibler Schaden zugefügt. Dabei waren die mit der Wettbewerbsausschreibung deklarierten Ziele vielversprechend. Wie ist eine solche Richtungsänderung möglich?

Waren Kreativität und Kapital nach zwei höchst aufwendigen und teuren, im Grundwasser stehenden Tief- und Garagengeschossen erschöpft? Oder ist hier während des Planungsverlaufs immer wieder jemand, ohne Blick für das Ganze, mit geänderten Ansprüchen und Optimierungsforderungen auf den Plan getreten?

Mir darf an dieser Stelle die Frage gestellt werden, wieso ich mich erst jetzt zu Wort melde. Die Antwort ist einfach: Ich habe den handelnden Akteuren vertraut! Aus den zahlreichen Fehlentwicklungen vor dem Ende der 80er-Jahre schien die Stadt gelernt zu haben. Vor dem Hintergrund des landesweiten baukulturellen Aufschwungs während der vergangenen Jahrzehnte habe ich ein Projekt von der Beschaffenheit des vorliegenden nicht mehr für möglich gehalten. Erst recht nicht an einem für die Entwicklung der Landeshauptstadt strategisch derartig entscheidenden Ort. Und als Zweites: Das Wettbewerbsergebnis ließ etwas völlig anderes erwarten, einen feingliedrigen und differenzierten Stadtteil und kein die Stadtstruktur und den Maßstab sprengender Bauteil.

Schon einmal haben sich Architekten geschlossen gegen fatale architektonische und städtebauliche Fehlentwicklungen formiert. Das liegt allerdings dreieinhalb Jahrzehnte zurück. Die Bregenzer Stadtpolitik hat den Widerstand dazumal niedergewalzt und den Weg für eines der grauenhaftesten Bauensembles des Landes geebnet. In der privilegiertesten Lage Vorarlbergs sind in der Folge das Festspielhaus, das Hotel Mercure mit Spielkasino und der heutige Bahnhof entstanden. Gleichzeitig wurde der alte Bahnhof (der noch heutigen Größenansprüchen genügen würde) und die »Gulaschbrücke« (eines der denkmalwürdigsten Beispiele der Ingenieurbaukunst) zum Abbruch freigegeben. Beim Festspielhaus wurde das Unheil mit einer gekonnten Transformation und Erweiterung behoben. Das Mercure scheint uns erhalten zu bleiben und der »Bau- und Kulturschaden« Bahnhof wird demnächst (nach nur 35 Jahren!) Geschichte sein. So viel zur jämmerlich verspielten Jahrhundertchance anno 1980.

Müssen wir in unmittelbarer Nachbarschaft dieses folgeschweren Politversagens demnächst mit einer Wiederholung rechnen? Die Stadt hätte das nicht verdient, auch ihre BürgerInnen nicht. Und die aktuellen Stadtakteure sollten für ihren Nachruf besser sorgen. Dass sie einen solchen verdienten, beweisen die Neugestaltungen von Kornmarkt, von Hafenareal- und Festspielquartier.

Zur Person

Roland Gnaiger

Geboren: 1951 in Bregenz

Ausbildung: Studium Akademie der bildenden Künste in Wien, Technische Universität Eindhoven

Tätigkeit: Architekt (zahlreiche Bauten und Umbauten in Vorarlberg), Architekturkritiker, Professor an der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung in Linz