Eine Freimachung von Schatten

Kultur / 13.01.2017 • 20:50 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Ein weiterer Saal der Elbphilharmonie wurde eröffnet.
Ein weiterer Saal der Elbphilharmonie wurde eröffnet.

Kleiner Saal der Elbphilharmonie wurde mit Werk von Georg Friedrich Haas der Bestimmung übergeben.

Hamburg, Bregenz. Mit der Eröffnung des Kleinen Saales am Donnerstagabend ist die Hamburger Elbphilharmonie nun offiziell im Vollbetrieb. „Momentan wären wir auch mit kammblasenden Putzfrauen im Großen Saal ausverkauft“, zeigte sich der österreichische Intendant Christoph Lieben-Seutter glücklich über die Nachfrage. Dennoch griff man für die Inauguration des Kleinen Saals nicht auf das Personal zurück. Stattdessen wurde der Abend vom Ensemble Resonanz gestaltet, einer Avantgarde-Kammerformation, die sich seit einiger Zeit mit ihrem Standort „Resonanzraum“ in einem Hamburger Bunker einen Namen gemacht und nun im 550 Personen fassenden Kleinen Saal als Residenzorchester ihren Zweitwohnsitz gefunden hat. Dieser ist anders als sein großer Bruder nicht nach dem Weinberg-Prinzip, sondern in klassischer Schuhschachtelform gestaltet und mit französischem Eichenholz vertäfelt. Ein wenig erinnert das Ganze an eine Tiroler Bauernstube, deren Wände Blasen schlagen, die aber einen wohligen Duft ausstrahlt und eine solide Akustik aufweist.

Auftragswerk „Release“

Deren Möglichkeiten stellte mit Georg Friedrich Haas der momentan erfolgreichste, im Montafon aufgewachsene österreichische Komponist unter Beweis, der seine ersten Erfolge im Rahmen der Bregenzer Festspiele feierte. Sein Auftragswerk „Release“ ist dabei durchaus im Doppelsinn zu verstehen, nicht nur als „Veröffentlichung“, sondern auch „Befreiung“. Dies gilt nicht nur für die Form des Werks, das die Musiker zunächst auf die Technikertribüne in lichte Höhen und erst allmählich auf die Bühne führte, sondern auch als rückgespiegelte Umschreibung für Haas’ persönlichen Werdegang der vergangenen Jahre. So wird „Release“ zur Kulmination einer Entwicklungsphase im Leben des Komponisten, die zuletzt von der Offenbarung der NS-Vergangenheit seiner Familie, die seine Jugend überschattete, gekennzeichnet war. In dieser persönlichen Freimachung von Schatten der Vergangenheit steigen wabernde Blasenteppiche aus einer Basslinie auf. Darauf kratzen die Streicher in einem extrem verlangsamten Glissando an jenen feinen Überlappungen der Dissonanz. Immer wieder kommt die ganze Maschinerie wie beim Ausrollen eines Autos zum Stillstand, um sich sogleich zu wilder Kakophonie aufzuschwingen. Ein wildes Unisono, das dann doch wieder auseinanderstrebt.

Neben dem Werk von Haas interpretierte das Ensemble Resonanz als „kreativen Unruhepol“ (O-Ton Bürgermeister Olaf Scholz) unter Emilio Pomarico mit Alban Bergs „Frühen Liedern“ gleich noch einen zweiten Österreicher, bevor Bela Bartoks „Musik für Saiteninstrumente und Schlagzeug“ den Abend beschloss.

Aber auch wenn die beiden Eröffnungskonzerte nun erfolgreich über die Bühne gebracht sind, hört man in Hamburg noch lange nicht mit dem Feiern auf.

Der österreichische Komponist Georg Friedrich Haas. AfP, APa
Der österreichische Komponist Georg Friedrich Haas. AfP, APa

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