Die Musikwelt aus den Angeln gehoben

20.01.2017 • 18:19 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Der Trepak aus Tschaikowskys „Nussknacker“-Suite wird zum Rausschmeißer eines denkwürdigen Meisterkonzerts unter Currentzis. Mathis
Der Trepak aus Tschaikowskys „Nussknacker“-Suite wird zum Rausschmeißer eines denkwürdigen Meisterkonzerts unter Currentzis. Mathis

Dirigent Currentzis und Geigerin Kopatchins­kaja sind Revoluzzer der Klassik.

BREGENZ. Da haben sich beim Meisterkonzert der Wiener Symphoniker im Festspielhaus diesmal zwei gefunden, deren Anliegen es zu sein scheint, die verkrustete Welt der Klassik auf den Kopf zu stellen. Teodor Currentzis (44), griechischer Shootingstar der jüngeren Dirigentengeneration, der bei den Festspielen 2010 „Die Passagierin“ geleitet hat, und die hier bereits des Öfteren aufgetretene moldawische Geigerin Patricia Kopatchinskaja (40), wollen reformieren. Diesmal ist Tschaikowsky dran, dem alle Schwülstigkeit, jedes Pathos ausgetrieben wird. So radikal, dass nicht alle im Publikum mitgehen. Der Abend beginnt damit, dass die Geigerin ihre Schuhe auszieht. Man kennt das: Barfüßigkeit für bessere Bodenhaftung ist ihr Markenzeichen. Dann hebt sie an, Tschaikowskys seidig glattes Violinkonzert aus den Angeln zu heben, verstörend und faszinierend. Auf einem spielerischen Niveau, das keinerlei Grenzen nach oben zu kennen scheint, und mit einer Körpersprache, die alle denkbaren Ausdrucksmöglichkeiten bereit hält. Ihre Kadenz garniert sie augenzwinkernd mit allerlei Ungehörigkeiten, wie ein aufmüpfiges Mädchen. Und schenkt zwischendurch noch Konzertmeister Florian Zwiauer ein Lächeln. Niemand wagt zu atmen.

Respekt

Currentzis, der oftmals wie elektrisiert die Wiener Symphoniker wild vor sich her peitscht, bevorzugt eine Lesart weitab von herkömmlichen Hörgewohnheiten. Tempo, Dynamik, Agogik werden von ihm bis aufs Äußerste ausgereizt, in überstrapazierter Rauschhaftigkeit am Ende des 1. Satzes und dem oft kaum mehr existenten, fahlen Andante im Duett der Solistin mit der Soloflöte. Bei Currentzis gibt es kein „entweder – oder“, sondern nur ein „alles oder nichts“. Und die Wiener Symphoniker, dieses Traditionsorchester, das über Jahrzehnte Tschaikowsky so gespielt hat, wie man eben Tschaikowsky spielt, gehen diesen neuen Weg mit, in voller Überzeugung und offen für alles, was ihnen da von diesem jungen Maestro abverlangt wird. So modern und entspannt, so ausgeflippt im besten Sinne, hat man unser Hausorchester noch kaum einmal zuvor erlebt. Respekt! In ihrer Zugabe bricht Kopatchinskaja dann noch eine Lanze für die Neue Musik, auf einem eilends herbeigekarrten Klavier mit Györgi Kurtágs „Hommage an Tschaikowsky“, die nur aus Clustern besteht, und einem Duett von Darius Milhaud mit dem Klarinettisten Gerald Pachinger.

Der Zufall will es, dass man Tschaikowskys „Vierte“ bereits zum dritten Mal innerhalb eines Monats bei uns hört, nach „Dornbirn Klassik“ und SOV. Hier kann das Orchester nun auch seine volle Schönheit im Klang ausleben, sein Urmusikantentum unter Beweis stellen. Currentzis betont natürlich, wie zu erwarten, knallig und laut vor allem den martialischen Charakter des Werkes mit dem strahlenden Blech im ersten und letzten Satz samt erneutem Temporausch. Er macht aber die mittleren, verhaltenen Teile mit wunderschönen Bläsersoli und klangvollem Pizzicato der Streicher zu Kostbarkeiten. Aber: Currentzis und Kopatchinskaja polarisieren und für manchen war vieles überzogen.

Nächstes Bregenzer Meisterkonzert, 18. März, Festspielhaus: BBC Philharmonic Orchestra, Dir. Juanjo Mena, Julia Fischer, Violine (Carl Maria von Weber, Benjamin Britten, Edward Elgar)