Glitzernden Sternenrotz greifbar nahegebracht

Kultur / 20.01.2017 • 18:48 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Installation des österreichischen Künstlers Thomas Feuerstein in der Galerie „allerArt“ in der Remise Bludenz.  Foto: VN/Steurer
Installation des österreichischen Künstlers Thomas Feuerstein in der Galerie „allerArt“ in der Remise Bludenz. Foto: VN/Steurer

Nicht nur Science-­Fiction-Fans müssten in der Galerie „allerArt“ in der Remise ihre ­Freude haben.

Bludenz. (VN-cd) Wenn sich viele Menschen in einem Raum befinden, erhöht sich dort die Luftfeuchtigkeit. Die Konsumation von Alkohol beispielsweise könnte die Bereitschaft zur Kommunikation steigern, was die chemischen Prozesse beschleunigt. Nachdem Materie verschiedener Art im erweiterten Skulpturenbegriff des aus Tirol stammenden Künstlers Thomas Feuerstein (geb. 1968) einen Platz hat, könnten die Menschen somit selbst Objekte schaffen. Eben aus winzigen Wasserpartikeln bestehend oder aus einem Schleim, dessen Form sich verändert. Nachdem er bereits mehrstöckige Kunsthallen wie etwa den Kunstverein Frankfurt oder Galerieräume in Innsbruck regelrecht in Labors verwandelt hat, ist Feuerstein nun mit Schläuchen und Gefäßen in der Galerie „allerArt“ in der Bludenzer Remise so zugegen, dass sich nicht nur Menschen, die sich mit wissenschaftlichen oder kunsttheoretischen Fragen beschäftigen, ihre Freude haben, sondern auch die Science-Fiction-Freunde.

Allerdings sei diesen gesagt, dass das, was so aussieht, als hätte es den Boden der Realität verlassen (also mit Schläuchen verbundene Reaktionsgefäße mit Flüssigkeiten in spacigen Farben oder Bilder, auf denen aus amorphen Formen kleine Monsterfratzen blicken) auf der Auseinandersetzung mit Naturwissenschaftlern basiert. Der Schleim ist nicht einfach bildhauerisches Material, sondern ein Nebenprodukt bei der Herstellung von Dopamin aus Pilzen und Algen, also eine psychoaktive Substanz. Während wir uns damit auseinandersetzen, dass ein an sich banaler Stoff imstande ist, unser Glücksempfinden zu erhöhen, vergrößert sich die aus dem Beiprodukt bestehende liquide Skulptur, die wir zurzeit, also eine Woche nach der Ausstellungseröffnung, als Fäden und Klumpen wahrnehmen. Sie vergrößern sich einerseits bei Ingangsetzung des Prozesses, und sie würden sich auch bei Einnahme jener daraus filtrierten psychoaktiven Substanz verändern, die Feuerstein „Psilamin“ nennt, und die unsere Wahrnehmungsfähigkeit beeinflusst.

Warum aber „Sternenrotz“, um auf den Ausstellungstitel zu kommen? Die Antwort ist recht einfach, nicht zu erklärende Naturphänomene schleimiger Art bezeichnete man schon im Mittelalter, in der Annahme, dass sie irgendwie vom Himmel auf die Erde geschleudert wurden, gerne als Sternenrotz.

Videodokument

Ganz und gar ohne Waberndes und Schwaflerei, nämlich höchst informativ und durchaus unterhaltsam gestaltete sich jüngst ein Abend mit dem Vorarlberger Konzeptkünstler und Bildhauer Gottfried Bechtold und dem mit dem „Sternenrotz“ präsenten Tiroler Thomas Feuerstein. Während Letzterer die wissenschaftliche Basis seiner künstlerischen Arbeit erläuterte und somit für eine Erweiterung des Skulpturenbegriffs im Bezug auf die Fülle des dazu verwendbaren Materials steht, bezog sich Bechtold unter anderem auf einen besonderen Akt der Aneignung. Sein Signieren der Silvretta-Staumauer zählt zu den bekanntesten Arbeiten dieser Art. Abgesehen davon, dass die Galerie „allerArt“, die nach Alfred Graf nun von Andrea Fink geleitet wird, die Videoaufzeichnung dieses aufschlussreichen Gesprächs nicht nur bewahren, sondern den Besuchern zur Kenntnis bringen sollte, sei auf ein Detail verwiesen. Als Bechtold die Signatur präsentierte, wurde unter anderem auch an die Tatsache erinnert, dass das Bauwerk, von dem Vorarlberg profitierte, von zahlreichen Zwangsarbeitern errichtet wurde. Der Künstler, dem einst Anmaßung vorgeworfen wurde, hatte neben der breiten Diskussion über den Skulpturenbegriff allerdings auch bewirkt, dass das Gedenken an die Menschen, denen in den späten 1930er- bzw. 1940er-Jahren Unrecht und Grausamkeit widerfuhr, nun im Montafon sichtbar gemacht wird.

Die Ausstellung ist in der Galerie „allerArt“ in der Remise Bludenz bis 5. März geöffnet, Mi bis So, 15 bis 18 Uhr.