Seerosen, Sex und Schnelligkeit

20.01.2017 • 18:18 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Philippe Piguet, Urenkel von Claude Monet (im Bild mit Beyeler-Chef Sam Keller), war zur Eröffnung anwesend und sprach auch über die Auto-Leidenschaft des Malers.
Philippe Piguet, Urenkel von Claude Monet (im Bild mit Beyeler-Chef Sam Keller), war zur Eröffnung anwesend und sprach auch über die Auto-Leidenschaft des Malers.

Monet, dem Maler zwischen Impressionismus und Moderne, ist grandios zu begegnen.

Christa Dietrich

Basel. Was ein Familienmitglied sagt, muss wohl stimmen. Philippe Piguet, Urenkel des Malers Claude Monet (1840–1926), stellte beim ersten Abschreiten der Ausstellungsräume in der Fondation Beyeler in Basel-Riehen nicht nur fest, dass er selbst als ausgewiesener Fachmann ein paar Arbeiten entdeckte, die ihm nicht geläufig waren, beim Erzählen vom Urgroßvater waren auch Liebesgeschichten und eine weitere Leidenschaft ein Thema.

Der Maler der weltberühmten Seerosenbilder bzw. grandioser Fluss-, Garten- und Uferlandschaften war nicht nur um den Erhalt der Natur besorgt, er war nahezu ein Autonarr, besaß kurz nach 1900 bereits ein Fahrzeug und genoss es, in großer Geschwindigkeit reisen zu können. Dass Monet zu seiner Frau Alice Hoschedé eine Beziehung unterhielt, während diese noch mit ihrem ersten Mann verheiratet war, davon geht die Nachwelt aus. Man tauschte sich, wie man weiß, aber auch intellektuell aus. Die gebildete Dame dürfte somit großen Einfluß darauf gehabt haben, dass Monet eine Fülle von Werken hinterließ, die Millionen Betrachtern in aller Welt Anregung und Kontemplation bieten.

Ein Jubiläum

Insgesamt 62 Arbeiten sind nun in der Sonderschau zusammengefasst. Knapp über 30 stammen aus Museen in Europa, Asien und Amerika, etwa 15 sind Leihgaben aus renommierten Privatsammlungen, und der Rest ist ohnehin im Besitz der Beyeler-Stiftung, die in gewisser Weise mit dem Werk des französischen Malers in Verbindung steht. Eines der Seerosenbilder, ein absolutes Spätwerk, das zwischen 1917 und 1920 entstand und bereits ungemein stark in die Abstraktion weist, hat zum Bau des Museums in Basel-Riehen nach Plänen von Renzo Piano geführt, das vor 20 Jahren eröffnet wurde und auf einer Seite von einem echten Seerosenteich begrenzt ist. Das Jubiläumsjahr mit Monet zu feiern, hat somit einen guten Grund.

In Vorarlberg darf man sich nicht nur vergegenwärtigen, dass exakt im selben Jahr das von Peter Zumthor errichtete Kunsthaus eröffnet wurde, der Schweizer Stararchitekt plant nun den Erweiterungsbau des Museums in Basel-Riehen und wird dort – wie man bislang weiß – als Naturfreund, als der er in Bregenz mit viel Glas auf den Bodensee reagierte, auf die Parklandschaft im Grenzgebiet zu Deutschland und Frankreich Rücksicht nehmen.

Das Meer, London, Seerosen

Eine Monet-Ausstellung chronologisch zu gliedern, wäre nicht besonders ergiebig, man widmet sich in Basel getreu der Manier des Malers den einzelnen Motiven. Von der Kathedrale in Rouen, die Monet in sämtlichen Lichtstimmungen eines Tages malte, besitzt man nur ein Werk. Dass das Eingangsportal geheimnisvoll leuchtet bzw. dass sich der Betrachter geradezu hineingezogen fühlt, darauf brauchte Kurator Ulf Küster nicht eigens hinzuweisen. Das Werk eignet sich bestens als Entrée, um im Anschluss nicht nur darzulegen, dass man in der Lage war, ganze Serien an Pappelbildern aus aller Welt zusammenzutragen, auch die Seine- und Strand-Darstellungen legen dar, worum es Claude Monet ging, nämlich um sein Bild von der Natur, und vor allem um das Bild selbst, um die Darstellung des Malaktes, der sich am besten nachvollziehen lässt, wenn man beispielsweise die Bilder von einem Küstenabschnitt bei Pourville miteinander vergleicht.

Einmal ist das Meer, in dem sich der Fels spiegelt, ruhend, einmal ist es aufgewühlt. Das eine Bild stammt aus Kopenhagen, das andere aus dem Cleveland-Museum. Man wird nicht so schnell wieder Gelegenheit haben, beide Werke nebeneinander bzw. im selben Raum betrachten zu können. Dasselbe gilt auch für die Felsen im nordfranzösischen Etretat, an die er sich einmal so nah heranwagte, dass ihn sein Ehrgeiz fast das Leben kostete. Eine Welle sei über ihn hereingebrochen, berichtete er seiner Frau und bedauerte, dass er dabei das schon bemalte Blatt verloren geben musste. „Ich bin verrückt nach dem Meer“, hielt er ein anderes Mal fest. Und auch die Seine hatte ihn nie losgelassen: „Sie ist für mich immer neu“, heißt es in einem der schriftlichen Dokumente, in denen auch über seine Faszination für London nachzulesen ist: „Ohne den Nebel wäre London keine schöne Stadt. Es ist der Nebel, der London seine wunderbare Weite gibt.“

Er hat sie gemalt, die Themse und die Brücken. Er hat viele Jahre mit den Seerosenbildern verbracht, die ihn heute als einen Brückenpfeiler zwischen dem Impressionismus und der Moderne ausweisen. Und schon vor der Jahrhundertwende entstand eines jener Bilder von einem Heuschober, das Wassily Kandinsky (1866–1944) so beeindruckte, dass er kaum davon lassen konnte.

Der Rebell, der sich im Maler Monet zeigt, bestimmte übrigens auch seine Haltung zur Politik. Die Kaisertreue des Vaters war ihm so weit zuwider, dass er finanzielle Nachteile auf sich nahm. Später war er mit dem Politiker Georges Clemenceau befreundet und vermachte der Republik Frankreich bedeutende Werke.

Zu sehen sind insgesamt 62 nach Motiven geordnete Gemälde von Claude Monet aus zahlreichen Museen und Privatsammlungen. FotoS: VN/Dietrich, Beyeler Fondation, aP
Zu sehen sind insgesamt 62 nach Motiven geordnete Gemälde von Claude Monet aus zahlreichen Museen und Privatsammlungen. FotoS: VN/Dietrich, Beyeler Fondation, aP

Die Ausstellung in der Fondation Beyeler in Basel-Riehen ist bis
28. Mai, täglich von 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr geöffnet.