Menschliches und Übernatürliches

25.01.2017 • 19:04 Uhr / 1 Minuten Lesezeit
Am Ende der Reihe gelangt man zu den „Facemarks
Am Ende der Reihe gelangt man zu den „Facemarks“.

Ines Agostinelli und Maximilian Fohn zeigen Werke im Künstlerhaus Palais Thurn und Taxis.

Bregenz. Der in Bregenz geborene Künstler Maximilian Fohn lädt mit den für die Ausstellung „Im Augenblick“ entstandenen Bildern zur Betrachtung visueller und emotionaler Momentaufnahmen ein. Jeweils schwarz umrahmt geben sie einen Einblick in Erinnerungs- und Gedankenarbeiten des Künstlers. Unterschiedliche Formen und Gebilde in den Komplementären Blau und Gelb scheinen durch cremiges Weiß und pastelliges Blaugrau hindurch. Über die meisten Bilder ziehen sich vertikal verlaufende Spuren von Farbtropfen wie ein Vorhang, der die dahinterliegenden Dinge verschleiert. Die Fantasie wird durchaus angeregt in der Vielschichtigkeit der mit Eitempera gemalten Bilder. Der von Fohn verwendete Quarzsand schafft dabei eine Mehrdimensionalität, die bei näherem Hinsehen Wälder und Gebirgslandschaften entstehen lässt.

Reisetagebuch

Die Titel der Bilder weisen auf Orte, Regionen und Naturereignisse hin. Wie ein Reisetagebuch lassen sich manche Bilder lesen. Pittoreske Landschaften oder den zarten Flügelschlag bunter Schmetterlinge beschreibt der Maler sehr deutlich mit der Sprache seines Pinselstrichs. Fohn ist ein guter Erzähler, und beginnt man die Betrachtung der Bilderreihe von links, fühlt man sich zuerst angenehm eingehüllt in einer hellen Farbigkeit, die schließlich kontrastreicher wird. Geschwungene und klare Formen sind mit Spuren aus Tropfen verbunden. Manche Zeichen muten wie asiatische Kalligraphie an, einige Formen könnten ausgefallene Architekturbauten sein. Am Ende der Reihe gelangt man zu den „Facemarks“. Sechs angedeutete Köpfe, die ein Gesicht nur erahnen lassen vor einem braun-blauen Hintergrund, der aber gleichwertig neben dem Figürlichen steht.

Im oberen Stockwerk ist „Current / Desired“ von Ines Agostinelli zu sehen. Mit dem Titel ruft sie die Frage nach dem Status des aktuellen Zustandes und seiner gewünschten Optimierung hervor. „Public Face“ zeigt 22 Fotografien von Menschen verschiedenen Alters im öffentlichen Raum. Niemand von ihnen schaut direkt in die Kamera. Zum Großteil sind es Nahaufnahmen, aber trotz des Heranzoomens wahrt die Künstlerin mit der Unschärfe der Fotos eine Distanz. In allen Räumen mit den Werken Agostinellis ist vage die Soundinstallation zu hören, die in der Black Box mit fünf Zeichnungen präsentiert wird. Eine kindlich anmutende Stimme trägt einen englischen Text vor, wichtig dürften hier aber vor allem die verschiedenen Ton- und Stimmungslagen sein.

In den balkon- und parkseitigen Räumen sind die großformatigen Werke präsentiert. Organisch wirkende Stränge, fein schraffiert in unterschiedlichen Strichstärken aus Graphit schlängeln sich bei „Double Double Bind“ wie Maschen auf einem blau changierenden Hintergrund. Sie erinnern an Knoten, die über den Rand des aus sechs Rahmen bestehenden Werks miteinander verknüpft sind. Bei einem anderen Werk bildet ein über vier Rahmen gezeichneter Strang einen Kreis. Die Oberfläche wirkt wie die eines nicht glatt verkneteten Hefeteigs, der jeden Moment seine Form ändert und auf dem hellgelben Hintergrund davonschwebt.

Übersinnliches

Etwas geradezu Übernatürliches haben auch die jüngst entstandenen Raunächte-Bilder. Geschaffen hat sie Agostinelli in jenen zwölf Nächten zwischen Heiligabend und Dreikönig, welche die Differenz zwischen Mond- und Sonnenjahr erklären. Diese Zeit zwischen den Jahren inspiriert dazu, das Schicksal auf schöpferische Weise selbst in die Hand zu nehmen. Das mit neun Metern längste Bild aus der Raunacht III lässt unmittelbar an etwas Übersinnliches denken. Dunkle und helle Farben treffen in einem marmorierten Verlauf mit neongelben Akzenten aufeinander und scheinen sich in Explosionen zu entladen. Die im Vergleich dazu kleineren Bilder dieser Reihe sind von nicht minderer Ausdruckskraft: Mit auf Leinwand gebannten Schneeblumen und Eiskristallen gibt Agostinelli einen bleibenden Eindruck natürlicher Phänomene.

Etwas geradezu Übernatürliches haben die jüngst entstandenen Raunächte-Bilder der Künstlerin Ines Agostinelli. Foto: sams
Etwas geradezu Übernatürliches haben die jüngst entstandenen Raunächte-Bilder der Künstlerin Ines Agostinelli. Foto: sams

„Current / Desired“ und „Im Augenblick“ sind noch bis 12. Februar im Künstlerhaus Palais Thurn und Taxis in Bregenz zu sehen.