Eine Absicht, die nicht verstimmt

Kultur / 26.01.2017 • 19:14 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Mehr als grellbunt: Shakespeares „Die Komödie der Irrungen“ am Wiener Burgtheater. Foto: APA
Mehr als grellbunt: Shakespeares „Die Komödie der Irrungen“ am Wiener Burgtheater. Foto: APA

Burgtheater liefert Shakespeare in Suchbildern mit viel Akrobatik und Feinheiten.

Christa Dietrich

Wien. Es geht immer noch etwas bunter. Wer die Inszenierungen von Herbert Fritsch seit seiner Zeit an der damals noch von Frank Castorf geleiteten Berliner Volksbühne (zum Beispiel „Murmel Murmel“ oder „Die (s)panische Fliege“) verfolgt hat, darf nun zur Kenntnis nehmen, dass er die üppige Farbpalette und das Bewegungsrepertoire in den ohnehin legendär gewordenen (oft vom Fernsehen übertragenen) Arbeiten noch ausgeweitet hat. Am Schauspielhaus Zürich mussten sich die Mitwirkenden in Dürrenmatts „Die Physiker“ als wahre Kletterer erweisen, um während des Runterfallens oder Emporsteigens den wahren Gehalt des bösen Stücks zu entblättern. Das Publikum war begeistert, belegte kurze Zeit später bei „King Arthur“ von Henry Purcell am ein paar Meter entfernten Opernhaus aber, dass die Fritsch-Komik auch polarisiert.

Nach Molieres „Der eingebildete Kranke“ im Jahr 2015 holte sich das Wiener Burgtheater den Augsburger nun für Shakespeares „Komödie der Irrungen“. Die große österreichische Bühne ist sehr spät auf den längst ins Rollen gekommenen Wagen aufgesprungen, inzwischen weiß man genau, was zu erwarten ist, wenn Fritsch draufsteht. Es gilt also neben den grellbunten Halskrausen- und Pumphosen-Kostümen und wilden Perücken von Bettina Helmi Überraschungen bereitzuhalten. Sonst wird es nichts mit dem Spaß. Die 1594 uraufgeführte „Komödie der Irrungen“, die dadurch gespeist wird, dass gleich zwei während eines Sturmes voneinander getrennte Zwillingspaare auf der Suche nach dem jeweils anderen bei den Herren – und vor allem auch den Damen – der Stadt Ephesus für Konfusion sorgen, ist von den Handlungssträngen her schon reichlich turbulent. Fritsch würzt noch ordentlich nach, setzt auf Tempo und im Vergleich zu Henry Mason, der 2015 bei den Salzburger Festspielen ein riesiges Bassin bauen ließ und damit das Wasser als Idee besetzt hält, auf das Element Luft. Bevor er sich zum Schlussapplaus selbst in die Trapezschleifen fallen lässt, müssen mehr oder weniger alle schwindelfrei sein, erfolgen die Auftritte doch meist ganz oben in einer Luke des markant roten Bühnenteils, dem abstrahierten Stadttor, neben dem ein Posaunenbaum die optische Pracht akustisch monoton konterkariert.

Unerwartetes Reflektieren

Wovon lebt nun eigentlich diese „Komödie der Irrungen“? Die geforderte Grimassierung, die die Truppe mit Dorothee Hartinger, Simon Jensen, Sebastian Blomberg oder Stefanie Dvorak, Merlin Sandmeyer und Petra Morzé quasi verinnerlicht hat, die geradezu akrobatischen Leistungen sind es noch nicht. Es ist wohl die ungemeine Kompaktheit in den Bewegungen, das unerwartete, jeweils kurz eingestreute Reflektieren über die allgemeine Verbohrtheit, über das den Geschlechtern zugeordnete Verhalten, über die Spielästhetik selbst, die auch Rapp-Elemente enthält, und über festgefahrene Bilder. Das reicht so weit, dass Mavie Hörbiger als Kurtisane Betrachtererwartungen mit Posen von Egon-Schiele-Mädchen begegnet. Man merkt, dass dieser Shakespeare auf Wien bzw. Österreich zugeschnitten ist und ist nicht verstimmt über die tolle, aber auch durchaus klug und fein geschneiderte Gschnaß-Alternative.

Nächste Aufführungen am
27. Jänner und zahlreiche weitere: www.burgtheater.at