Nicht ohne den Blick der Liebe

26.01.2017 • 18:14 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Daniela Gerstenmeyer aus Stuttgart singt die Eurydike am Landestheater. Foto: VN/Paulitsch
Daniela Gerstenmeyer aus Stuttgart singt die Eurydike am Landestheater. Foto: VN/Paulitsch

Die Sopranistin singt in der Opernproduktion am Landestheater die Eurydike.

BREGENZ. Geschäftiges Treiben herrscht derzeit hinter den Kulissen am Kornmarkt. In knapp einer Woche ist Premiere der jährlichen Opernproduktion des Landestheaters mit dem Symphonieorchester Vorarlberg – mit Glucks „Orpheus und Eurydike“ erstmals eine Barockoper. Die Besetzung der drei Hauptpartien ist international, nur für die Darstellerin der Eurydike ist es „wie ein Heimspiel“, denn die hübsche junge Sopranistin Daniela Gerstenmeyer kommt aus dem Raum Stuttgart.

Bei Ihrer Biografie ist mir der Name „Charlotte Lehmann“ ins Auge gestochen, bei der Sie studiert haben. Das ist aber nicht die legendäre „Lotte Lehmann“?

GERSTENMEYER: Es gibt zwei, Lotte Lehmann, die berühmte Sängerin, die 1976 verstorben ist, und Charlotte Lehmann, die berühmte Pädagogin, die Thomas Quasthoff ausgebildet hat und die auch mich immer wieder mal überprüft. Sie hat mich als Lehrerin geprägt, besonders in Gesangstechnik und Stimmfarben.

Sie sind ein lyrischer Sopran, der aber auch im Barock zuhause ist und Erfahrungen hat mit Händel oder Bach unter Helmuth Rilling. Da ist sicher auch die spätbarocke Rolle der Eurydike musikalisch auf Sie zugeschnitten?

GERSTENMEYER: Ich freue mich total, die Partie endlich einmal machen zu dürfen. Es ist mein Rollendebüt und liegt mir auch schauspielerisch als Figur zwischen Leben und Tod. Und es passt sehr gut, denn an meinem Theater in Erfurt singe ich derzeit die Maria in „West Side Story“, demnächst folgt die weibliche Hauptrolle in Gounods „Roméo et Juliette“. Damit schließt sich für mich perfekt der große Bogen.

Regisseur Alexander Kubelka hat Ihnen ja eine täuschend ähnliche Puppe mitgegeben – wie ist das, wenn man mit dem eigenen Double arbeitet?

GERSTENMEYER: Also am Anfang musste man sich erst einmal annähern: Huch, die sieht ja aus wie ich! Und es war schon komisch, sie die ersten Male zu berühren, aber inzwischen haben wir uns aneinander gewöhnt, und es ist alles wunderbar.

Die Regie zeigt die Eurydike auch als emanzipierte junge Frau, die sich am Schluss überlegt, ob sie mit Orpheus in eine ungewisse Zukunft im wirklichen Leben gehen oder doch lieber im bequemen Elysium bleiben soll. Wie gehen Sie damit um?

GERSTENMEYER: Ich fand es besonders interessant, dass Alexander das auf diesen Blick hin thematisiert hat. Wie oft passiert es, dass wir mit jemandem reden und hinterher eigentlich gar nicht das Gesicht beschreiben können. Das zeigt, wie wichtig der Blick ist.

Ist es die Schnelllebigkeit unserer Gesellschaft, die Oberflächlichkeit, die man damit anprangern möchte?

GERSTENMEYER: Ja, unbedingt. Stichwort Selfie: Man macht nur noch von sich selber Bilder vor irgendeinem wichtigen Gebäude und sieht dann vor lauter sich selbst das Gebäude nicht mehr. Und jeder stellt sich selbst so in den Mittelpunkt, ohne das zwischenmenschliche Zusammenspiel zu pflegen. Auch Eurydike sagt sich schlussendlich: Ohne den Blick, ohne die wahre Liebe geht das für mich nicht.

Wie anspruchsvoll ist diese Partie gesanglich, wie lange arbeitet man daran, bis man sie wirklich intus hat?

GERSTENMEYER: Also ich glaube, man kann im Leben nie sagen, dass man irgendwann mal mit einer Rolle fertig ist, denn sie wird sich immer entwickeln. Man beginnt ja mit dem Text und der Thematik sich auseinanderzusetzen, und bei der Inszenierung verändert gerade das Schauspielern dann auch noch mal alles.

Wie groß ist das Lampenfieber, wird das durch ein Rollendebüt verstärkt?

GERSTENMEYER: (lacht) Oh, das gibt es immer. Aber wenn ich auf der Bühne stehe, ist es weg. Das ist bei dieser Partie das Allerschlimmste: Eurydike ist ja so lange tot, und erst im dritten Akt erwacht sie wieder. Man muss also lange warten.

Haben Sie als gebürtige Schwäbin auch ein gewisses Naheverhältnis zu Österreich, zu Vorarlberg?

GERSTENMEYER: Ja, unbedingt. Ich habe ja auch in Salzburg studiert, und ich fühle mich hier sehr wohl, denn es ist nicht so weit weg von zuhause.

Sie sind erstmals am Landestheater – wie sind die Arbeitsbedingungen?

GERSTENMEYER: Es ist sehr schön, alles sehr unkompliziert und freundschaftlich.

Sie haben ja auch schon die Micaela in Bizets „Carmen“ gesungen – wäre eine Mitwirkung beim „Spiel auf dem See“ vielleicht im nächsten Jahr für Sie eine Option?

GERSTENMEYER: (lacht) Das würde ich natürlich sofort tun, wenn ich die Gelegenheit hätte. Vielleicht entdeckt mich jemand?

Zur Person

Daniela Gerstenmeyer

lyrischer Sopran

Geboren: 1984 in Bietigheim-Bissingen

Ausbildung: bei Charlotte Lehmann in Hannover, am Mozarteum Salzburg, div. Meisterkurse

Tätigkeit: Seit 2011 Ensemblemitglied am Theater Erfurt mit Rollen aus dem klassischen Opern- und Operettenrepertoire, diverse Gastspiele

Auszeichnungen: 2014 Preisträgerin des Concours Reine Elisabeth in Brüssel und Finalistin des Internationalen Mozartwettbewerbs Salzburg; Preisträgerin und Orchesterpreis beim Europäischen Gesangswettbewerb „Debüt“

Familie: Single

Oper am Landestheater mit dem SOV: „Orpheus und Eurydike“ von Christoph Willibald Gluck;
Premiere 1. Februar, 19.30 Uhr, und elf weitere Vorstellungen