Das Arkadien absoluter Experten

27.01.2017 • 17:44 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Satyre von Gillot, eine Landschaft von Poussin, ein Löwe von Fragonard und die Venus von Boucher. FotoS: VN/Dietrich, Albertina
Satyre von Gillot, eine Landschaft von Poussin, ein Löwe von Fragonard und die Venus von Boucher. FotoS: VN/Dietrich, Albertina

Die hohe Kunst des Zeichnens fasziniert stets und wird wohl niemals alt.

Christa Dietrich

Wien. Jetzt, wo die Ausstellungen zum 300. Geburtstag von Maria Theresia (1717–1780) beginnen, rückt die Albertina im Besonderen in den Mittelpunkt. Als Einzige der vielen Kinder der Regentin durfte Maria Christina (1742–1798) den Mann ehelichen, dem sie zugetan war, nämlich Herzog Albert von Sachsen-Teschen (1738–1822). Nicht nur der Namensgeber der größten Graphiksammlung der Welt war äußerst kunstsinnig, die temperamentvolle Habsburger Erzherzogin, die exakt am 25. Geburtstag der grundsätzlich sehr strengen Mutter geboren wurde, erwies sich als derart begabte Malerin, dass man ihre Blätter im Schloss Schönbrunn ausstellte.

Die Geschenke, die sie auf späteren Reisen mit ihrem Mann erhielt, fielen entsprechend aus. Französische Malerei war ihr schon als Kind geläufig, ein beträchtlicher Teil der Zeichnungen, die zum Bestand der Albertina gehören, sind auch auf das Verständnis von Maria Christina zurückzuführen. Nach dem Schicksalsschlag durch den Tod der geliebten Gattin verwendete Albert dann nahezu die gesamte Energie auf den Ausbau der Sammlung.

Reichhaltig, wegweisend

„Poussin bis David“ lautet der einfache Titel einer soeben eröffneten, ungemein reichhaltigen Sonderschau, die nicht nur die hohe Qualität der französischen Zeichenkunst im Barock,  Rokoko und dem nahenden Klassizismus vor Augen führt, sondern echte Trouvaillen enthält und zudem verdeutlicht, wie modern diese mit verschiedenen Gerätschaften ausgeführten und oft lavierten Zeichnungen anmuten. Nimmt so mancher dieser Pinselstriche bei näherer Betrachtung doch schon den Weg in die Abstraktion vorweg. Gut, das mag verwegen sein, aber gerade Poussins zeichnerische Landschaften sind diesbezüglich ein wahrer Schatz. Der Franzose, den es stark nach Italien zog, huldigte im Grunde genommen keinem weltfernen Arkadien, mit dem sich die Protagonisten des Ancien Regime umgaben, er arbeitete in der Natur, idealisierte zwar, verzichtete aber auf stimmungshafte Elemente und schuf um 1630 mit der lavierten Graphitstiftzeichnung einer umgebrochenen Birke ein für die Zeit außergewöhnliches Blatt.

Man darf mutmaßen, inwieweit die Aristokratie mit ihrem Kunstgeschmack unterstrich, dass man die heraufkeimende Revolution nicht zur Kenntnis nahm, man kann angesichts der rund 70 Exponate aus dem Bestand von nahezu 3000 Blättern aber auch nachvollziehen, welch enorm hohe Qualität französische Zeichner erreichten. Übrigens: Eine weitere Tochter, nämlich Maria Antonia (1755–1793), hatte Maria Theresia aus politischen Überlegungen im zarten Alter von fünfzehn Jahren mit Frankreichs Dauphin verschachert. Das grausame Ende der in der Ehe glücklos gebliebenen Königin Marie Antoinette musste die Mutter dann zumindest nicht mehr miterleben. Jacques Louis David hat sie als aufrecht sitzende Frau auf dem Weg zur Guillotine gezeichnet. Der Maler jenes berühmten Porträts vom soeben erdolchten Marat, das einmal als Vorbild für die große Bühnenbild­skulptur für die Bregenzer Festspielproduktion „André Chénier“ auf dem See diente, hatte sich mit den Machthabern, das heißt, dem Königshaus, den Revolutionsführern und später Napoleon arrangiert.

Der Malerei ebenbürtig

Von Jean-Baptiste Greuze beeinflusst, widmete er sich zu Beginn seiner Karriere antiken Themen. Ein großformatiges Schlachtenbild, ausgeführt mit Feder, Pinsel und Kreide, steht hier am Ende einer Reihe, die klarstellt, dass die Zeichnung nicht nur als eine der Malerei ebenbürtige Gattung zu begreifen ist, sondern sie bezeugt auch die Bestrebungen Frankreichs, zu den führenden Kulturnationen zu zählen. Beispielgebend dafür sind neben dem erwähnten Poussin auch Claude Lorrain oder Hyacinthe Rigaud. Letzterer verewigte im Auftrag von Ludwig XIV. Mitglieder von Aristokratie und Klerus, akzentuierte die in Schwarz-Weiß gehaltenen Porträts mit Deckweiß und weißer Kreide derart exzellent, dass es keines Gemäldes mehr bedurfte, um das Werk zu Repräsentationszwecken zu verwenden. Charles-Joseph Natoire verwendete schließlich Aquarellfarben und getöntes Papier, um Plastizität zu erreichen und auch François Boucher verfeinerte seine Blätter – oft sind es Genreszenen oder Werke mit erotischem Inhalt – derart, dass ihn auch die Zeichnungen als einen Meister des Rokoko auswiesen.

Unwillkürlich bringt wohl jedermann die Zeit des französischen Rokoko mit Jean-Honoré Fragonard in Verbindung. Er steht für Unbeschwertheit, Schäfer- und Boudoirszenen, idyllische Parkanlagen, Tierdarstellungen und Porträts und erreichte allein mit den Farben Braun und Schwarz eine enorme Bandbreite an Tönungen. Von seinem Löwen, den er nach Studien in der Menagerie des Königs in einem Stall stehend zeichnete, mag man sich kaum abwenden, das aquarellierte „Mädchen mit Murmeltier“ aus den 1780er-Jahren ziert ein Plakat zur Ausstellung. Die junge Frau blickt den Betrachter selbstbewusst an. Solche wildlebenden Kleintiere wurden damals von der Landbevölkerung dressiert, um sie auf Märkten für Geld zur Schau zu stellen. 

Immer wieder überraschend

Jean-Baptiste Greuze schließlich nimmt unter anderem jene Stellung ein, die man Zeichnern letztendlich gerne zumaß, stellte er sich doch mit seinen Szenen in den Dienst einer von Denis Diderot propagierten Erziehung, die die Tugend als anziehend erscheinen lassen sollte. Wie Louis-Leopold Boilly, der mehrfache Vater, schulte er sich unter anderem an zahlreichen Kinderbildnissen, die viele Jahrzehnte lang oder wohl bis herauf ins 19. Jahrhundert als beispielhaft gelten und in ihrem starken, charakterlichen Ausdruck immer noch oder immer wieder überraschen.

Die Ausstellung „Poussin bis David“ ist in der Albertina in Wien bis 25. April geöffnet, täglich 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis 21 Uhr.