Von vielen Brutstätten der Geistesfeindlichkeit

Kultur / 27.01.2017 • 18:55 Uhr / 2 Minuten Lesezeit
Der Schriftsteller Thomas Bernhard wohnte unter anderem in Oberösterreich. Foto: Sepp Dreissinger
Der Schriftsteller Thomas Bernhard wohnte unter anderem in Oberösterreich. Foto: Sepp Dreissinger

Der virtuose Schimpfer Thomas Bernhard hat immer wieder vernichtende Urteile über zahlreiche Orte gefällt.

Essay. (bl) In dem kürzlich erschienenen Buch „Städtebeschimpfungen“ versammelt der ausgewiesene Bernhard-Kenner Raimund Fellinger eine repräsentative Auswahl dessen schärfster Auslassungen über real existierende Ortschaften und Städte.

Bereits beim ersten Buchstaben des Bernhardschen Städtealphabets, A wie Altaussee, läuft der zu Lebzeiten höchst umstrittene, posthum in den Literaturadel erhobene Übertreibungskünstler zu Hochform auf: „. . . die schönsten Gegenden Österreichs  . . . haben immer die meisten Nazis angezogen . . . Salzburg Gmunden Altaussee, das sind nichts als Nazinester . . .“ Auch die Salzkammergut-Verliebtheit der Wiener Schickeria bleibt nicht ungeschoren: „Schriftsteller Komponisten Komödianten . . . dieses ganze Gesindel hat sich dort angekauft. Kaum haben diese Leute Geld . . . kaufen sie sich diese alten scheußlichen Häuser . . . gehen in Dirndlkleidern herum und in Lederhosen . . . und machen sich mit Fleischhauern und Holzhackern gemein . . .“ Wien, „ein riesiger Friedhof zerbröckelnder und vermodernder Kuriositäten“ und Salzburg „mit seinen stumpfsinnigen Bewohnern“ waren zweifellos Bernhards Lieblings-Reibebäume, sind aber in dem nun vorliegenden Buch auffallend kurz vertreten.

Tragikomisch

Ob Figurenrede oder persönliche Stellungnahme des Autors, immer wieder kämpfen Bernhard und seine literarischen Protagonisten mit äußerstem verbalen Kraftaufwand gegen die Brutstätten des Kleinbürgertums als Orte der Menschen- und Geistesfeindlichkeit. Philosophisch tiefgründiges Gesamtkunstwerk und tragikomischer Jux zugleich – auch Jahrzehnte nach ihrem Entstehen provozieren und unterhalten die Städtebeschimpfungen von Thomas Bernhard auf höchstmöglichem literarischen Niveau.

Thomas Bernhard: „Städtebeschimpfungen“, Suhrkamp Verlag, 178 Seiten