Noch ein „Floß der Medusa“

29.01.2017 • 18:05 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Franzobel bescherte Bregenz auch ein tolles Zarah-Leander-Stück.
Franzobel bescherte Bregenz auch ein tolles Zarah-Leander-Stück.

Franzobels neues Buch hat eine interessante Geschichte, die in Vorarlberg beginnt.

Christa Dietrich

Bregenz. Wenn „Das Floß der Medusa“ auf dem Titel steht, geht es um nichts weniger als die Menschlichkeit, um Solidarität, Altruismus, aber auch um Egoismus, Chauvinismus und die „Das Boot ist voll“-Mentalität. Vor ziemlich genau einem Jahr schürte das Vorarlberger Landestheater große Erwartungen mit der Ankündigung eines neuen Stücks von Petra Maria Kraxner. Dass die österreichische Autorin bereits mit „Die gesetzliche Verordnung zur Veredelung des Diesseits“ eine Uraufführung am Wiener Burgtheater vorzuweisen hatte, stimmte optimistisch, doch der Bregenzer Intendant Alexander Kubelka entschied nicht im Sinne guter Dramatikerförderung: Anstatt die Uraufführung eines noch nicht ausgefeilten Textes zu verschieben, was ja kein Drama gewesen wäre, ließ er „Medusas Floß“ von der Dramaturgie umarbeiten und die Premiere durchziehen. Wer sich die Mühe machte und die beiden Fassungen miteinander verglich, kam zum Ergebnis, dass die alten Theaterhasen der jungen Schriftstellerin keinen guten Dienst erwiesen haben, besser wurde die Geschichte nämlich dadurch nicht.

Kraxner vermengte zwei tragische Ereignisse miteinander. Das erste lag erst ein paar Jahre zurück und betrifft einen jungen Mann, der die Flucht von Afrika nach Mitteleuropa in einem Fahrwerkschacht eines Passagierflugzeuges überlebte. Er wurde wieder zurückgeschickt, versuchte es ein zweites Mal und verstarb in der eisigen Kälte. Die andere Katastrophe führt zurück in die Zeit der Kolonialisierung. Als ein Schiff, mit dem Frankreich Verwaltungsbeamte und Forscher nach Afrika entsendete, auf Grund lief, wurde für einen Teil der Besatzung ein Floß gebaut, das Boote an Land ziehen sollte. Man kappte allerdings die Seile und überließ die rund 150 Menschen ihrem Schicksal. Wochen später konnten nur noch wenige gerettet werden. Der Maler Théodore Géricault sorgte schon wenige Jahre später mit einem 1819 geschaffenen, mittlerweile legendär gewordenen, zum Bestand des Louvre zählenden Gemälde dafür, dass der Vorfall nicht so schnell vergessen wurde, wie es einigen Marineoffizieren recht gewesen wäre.

In Bregenz inspiriert

Im 20. Jahrhundert hatte das Gemälde von den ermatteten, geschundenen und bereits leblosen Körpern, dessen Bildaufbau in der Bregenzer Ausstattung von „Medusas Floß“ Berücksichtigung fand, sowie der grausame Vorfall selbst Schriftsteller, Komponisten (darunter Hans Werner Henze) und bildende Künstler zu Werken inspiriert. Petra Maria Kraxner blieb vorerst damit glücklos, ihr Schriftstellerkollege Franzobel erreicht damit aber gerade viel Aufmerksamkeit. Sein „Floß der Medusa“ wurde soeben vom Verlag Zsolnay ausgeliefert und wird am heutigen Montagabend im SPÖ-Parlamentsclub präsentiert. Die gesellschaftspolitische Relevanz des Themas liegt auf der Hand, die Frage danach, was unter anderem ausschlaggebend für die Arbeit von Franzobel war, führt wiederum nach Bregenz ans Landestheater. Alexander Kubelka gab beim mehrfach ausgezeichneten Dramatiker, Romancier, Lyriker und bildenden Künstler ein Werk über Zarah Leander in Auftrag. „Ich Zarah oder das wilde Fleisch der letzten Diva“ wurde im Oktober 2014 uraufgeführt. Am Premierenabend, an dem man eine der besten Produktionen der letzten Jahre erlebte und der ein Triumpf für die Hauptdarstellerin Tamara Stern wurde, glänzte der Autor zwar mit Abwesenheit, später war er bei Lesungen in Vorarlberg zugegen und blieb mit dem Landestheater in Kontakt. Auf das erwähnte „Floß der Medusa“ hatte ihn jedenfalls der Bregenzer Intendant gebracht. Franzobel schildert die Ereignisse im frühen 19. Jahrhundert personen- und farbenreich und mit Vermerken darauf, dass sich eine Gesellschaft damals gerade anschickte, Errungenschaften der Revolution – also Menschen- und Bürgerrechte bzw. das Motto Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – wieder ad acta zu legen. Parallelen zur momentanen Situation zu ziehen, ist mehr oder weniger dem Leser überlassen. Doch das fällt nicht schwer.

Auch das Bühnenbild von „Medusas Floß“ war dem berühmten, 1819 geschaffenen Gemälde von Théodore Géricault nachempfunden. FotoS: VN/RP, EPA
Auch das Bühnenbild von „Medusas Floß“ war dem berühmten, 1819 geschaffenen Gemälde von Théodore Géricault nachempfunden. FotoS: VN/RP, EPA

Präsentation von „Das Floß der Medusa“ von Franzobel, am 30. Jänner, 18 Uhr, im Parlament, Wien.