„Zärtliches weicht das Bittere auf“

Kultur / 31.01.2017 • 22:01 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Der deutsche Dirigent Michael Hofstetter leitet zum ersten Mal das Symphonieorchester Vorarlberg. Foto: VN/Hofmeister
Der deutsche Dirigent Michael Hofstetter leitet zum ersten Mal das Symphonieorchester Vorarlberg. Foto: VN/Hofmeister

„Orpheus und Eurydike“ ist hier in einer speziellen, authentischen Fassung zu erleben.

Christa Dietrich

Bregenz. Das Schubertiade-Publikum kennt den mehrfach ausgezeichneten Dirigenten bereits, das Symphonieorchester Vorarlberg leitet der gebürtige Münchner Michael Hofstetter zum ersten Mal. Zu Christoph Willibald Gluck hat er eine besondere Affinität, die auch bei der Sängerbesetzung zum Ausdruck kommt, und was die Fassung betrifft, so ist die Premiere von „Orpheus und Eurydike“ mit besonderer Spannung zu erwarten.

Intendant Alexander Kubelka ist an Sie herangetreten. Dass Sie unter anderem ein Fachmann für das Opernschaffen des 18. Jahrhunderts sind, liegt auf der Hand. Was war im Besonderen ausschlaggebend dafür, diesen Auftrag anzunehmen?

Hofstetter: Ich habe immer Lust auf dieses Stück, ich mag den „Orpheus“ sehr gerne und habe verschiedene Fassungen dirigiert, unter anderem die Berlioz-Fassung, die am größten instrumentiert ist. Ich habe im vergangenen Sommer bei der stryriarte die Parma-Fassung aufgeführt, die über 200 Jahre nicht gespielt worden ist. Sie ist für einen Sopran-Kastraten geschrieben.

Es geht also um die Koloraturen bzw. Verzierungen, was ist das Besondere an der Parma-Fassung?

Hofstetter: Sie war verschollen und für einen Kastraten geschrieben, von dem die Originalverzierungen überliefert sind. Man denkt bei Gluck immer an Reform­opern und dass man keine Verzierungen machen kann. Das stimmt nicht, Gluck war nur gegen diese L’art pour l’art-Orgien, die in Italien in Mode gekommen sind. Er wollte zurück zur Wahrhaftigkeit. Gluck hat die Aufführung selbst dirigiert, somit wissen wir, dass die aufgezeichneten Verzierungen authentisch sind. Wer die Partitur mitliest, wird feststellen, dass wir mehr Noten spielen als dort stehen.

Für den Sänger des Orpheus ergeben sich damit einige Neuerungen, das lässt den Schluss zu, dass Sie die Sängerbesetzung mitbestimmt haben.

Hofstetter: Ja, wir haben sie zu dritt gemacht, ich kann Ihnen sagen, dass es eine Sensationsbesetzung auf internationalem Niveau ist.

Mit Rollendebütanten.

Hofstetter: Ja, Daniela Gerstenmeyer singt die Eurydike zum ersten Mal, David DQ Lee hat den Orpheus schon mehrmals gesungen, aber auch der Amor, Keri Fuge, debütiert in der Rolle.

Die Oper „Orpheus und Eurydike“ wird zurzeit gerade an mehreren Häusern gespielt. In St. Gallen fand vor wenigen Wochen die Premiere in einer Fassung mit Tanz statt, Salzburg hat eine spezielle Fassung erarbeitet, die Oper kommt bald auch in Innsbruck heraus, John Neumeier hat gerade angekündigt, dass er eine neue „Orpheus“-Inszenierung schaffen will. Worauf führen Sie die aktuelle Beliebtheit des Werks zurück?

Hofstetter: Das kann ich gar nicht beantworten, manchmal liegt etwas in der Luft. Wir waren die ersten, die die Parma-Fassung wieder spielten. Vielleicht war auch das ein Auslöser, aber man weiß nie, wie sich das herumspricht. Gut ist es auf jeden Fall, weil es auch vom geistigen Gehalt her ein wunderbares Stück ist. Es geht um die Liebe zur Musik. In der Instrumentationstypologie ist die Harfe ein Synonym für die Seele.

Orpheus besänftigt die Furien, es geht auch darum, dass die Kunst etwas bewirkt, was erzählt die Harfe aus Ihrer Sicht genau?

Hofstetter: Wenn Orpheus in die Unterwelt kommt, dann kämpft er nicht im Sinne von ich schlage auf sie ein, sondern er nimmt die Harfe, das weiche, das Zärtliche, das weicht das Bittere auf. Die Kunst kommt aus der Seele und spricht die Seele wieder an. Er bedient sich der Kunst, das könnte auch der Tanz sein oder die Malerei. Die Kunstfertigkeit, die der Künstler braucht, die braucht er deshalb, damit er den Transport dieser Energie befördern kann.

Das Symphonieorchester Vorarlberg ist kein Barockorchester. Wie definieren Sie die Spielart. Man spricht gerne von „historisch informiert“?

Hofstetter: Ich versuche, dem Orchester verständlich zu machen, dass die Gesten, die wir spielen, Worte sind. Es sind jeweils andere emotionale Werte zu transportieren. Das eine Wort kann Zärtlichkeit heißen, das andere Sehnsucht oder Verzweiflung. Es gibt einen Kanon von Worten, der in der Musik ausgedrückt werden muss. Wie Schütz es nennt, muss er in der Musik übersetzt werden. Es geht darum, die Sprache zu erkennen und dann dafür den Ausdruck zu finden. Zerstörung, Verzweiflung, Bitterkeit muss man mit einem anderen Klang spielen als das Wort Zärtlichkeit.

Wie kommen Sie mit der Inszenierung zurecht, wo würden Sie als Dirigent grundsätzlich auch einmal Halt zu einem Regisseur sagen?

Hofstetter: Gar nicht. Ich versuche, die Idee des Regisseurs zu verstehen und umzusetzen. Es gilt, in der Arbeit des Regisseurs das zu suchen, was der Regisseur meint, das macht die Arbeit in Bregenz mit Alexander Kubelka auch sehr interessant, erfrischend und inspirierend. Es macht mir großen Spaß. Es kommen von ihm viele Bilder, Ideen und Fantasien, er hat zur Musik ein kluges, emotionales Verhältnis. Er ist kein professioneller Musiker, aber er hat ein starkes Verhältnis zur Musik.

Sie waren unter anderem Chefdirigent bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen. Wann haben Sie eine besondere Affinität zur Barockmusik verspürt?

Hofstetter: Ich habe in Würzburg sozusagen querbeet alles gemacht und bin dann über eine Händel-Oper gestolpert, eigentlich ein Pasticcio, nämlich „Oreste“. Ich habe begonnen, die alten Quellen zu lesen. Händel und Mattheson waren gemeinsam im Theater am Gänsemarkt, bevor Händel nach Italien ging, wo sein Genie durchgedrungen ist, als er hörte, wie gut die Italiener Geige spielen können. Am Gänsemarkt wäre Händel von Mattheson fast ermordet worden. Er ist im Streit mit dem Degen auf ihn losgegangen. Händel hat überlebt, weil er in der Brusttasche ein Librettobüchlein hatte.

Was kommt als nächstes, bleiben Sie in der Zeit Glucks?

Hofstetter: Es wird viel von Mozart dabei sein, auch von Beethoven, den man ja oft auch noch zum 18. Jahrhundert zählt, obwohl er nicht dorthin gehört. Mendelssohn werde ich machen, ich liebe seine Musik über alles, und dann leite ich Carl Maria von Webers „Oberon“.

Eine Oper also, die schön, aber auch ein wenig verquer ist.

Hofstetter: Ja, Sie sagen es. Er hat alles reingepackt, die deutsche Waldromantik und orientalische Farben, er hat Musik geschrieben, die sehr reich ist.

Die Akustik eines Raumes ist für Opern zudem wesentlich. Wie beurteilen Sie das Kornmarkttheater?

Hofstetter: Man erlebt den Raum, wenn man reingeht, es ist eine eher trockene, eine Kammermusikakustik, an kleinen Theatern lassen sich manche Stücke besser umsetzen als an großen. Ich denke für „Orpheus und Eurydike“ hat das Kornmarkttheater die idealen Vorgaben.

Zur Person

Michael Hofstetter

Geboren: 1961 in München

Tätigkeit: Dirigent

Laufbahn: Kapellmeister, Generalmusikdirektor in Wiesbaden und Gießen, Chefdirigent der Ludwigsburger Schlossfestspiele, des Stuttgarter Kammerorchesters, des styriarte-Festival-Orchesters, Dirigate an zahlreichen großen Opernhäusern, mehrere CD-Produktionen

Aktuell: „Orpheus und Eurydike“ in Bregenz

Premiere von „Orpheus und Eurydike“ von Gluck am 1. Februar im Theater am Kornmarkt in Bregenz. Weitere Aufführungen:
www.landestheater.org