Die Körperteile haben sie jetzt bald alle durch

Kultur / 03.02.2017 • 22:40 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Intendantin Elisabeth Sobotka mit einer der Hände für
Intendantin Elisabeth Sobotka mit einer der Hände für „Carmen“.

Festspiele setzen bei „Carmen“ auf dem See auf Spielkarten und – na klar – auf Hände.

Christa Dietrich

Bregenz. Schuhgröße 2400 müsste die Person haben, deren Füße den Bregenzer Festspielen als Podest für Verdis Oper „Aida“ dienten, die im Sommer 2009 auf den See kam, um im Folgejahr auf ebenso großem Fuß wiederholt zu werden. Schon vor einiger Zeit stand fest, dass bei Bizets „Carmen“ nicht nur Karten im Spiel sind, die der Zigeunerin gelegt werden, sondern – ohnehin logisch – auch Hände. 17 bis 20 Meter sind sie hoch, noch befinden sie sich im Werkstatthangar, der in der Nähe des Bodenseeufers errichtet wurde, und bevor von der Art der Kaschur oder der Farbe des Lacks die Rede ist, mit denen die Nägel noch überzogen werden, sei darauf verwiesen, dass die Festspielbühnenbildner offenbar ein Faible für den menschlichen Körper haben. Das Ergebnis war zwar immer wieder grandios, es ist aber auch kurios, dass die menschliche Anatomie für Opernschaffende derart inspirierend ist.

Menschlich und animalisch

Das begann an sich bald nachdem Alfred Wopmann, der große Festspielreformer, die ersten der von ihm konzipierten Spiele auf dem See präsentierte. In Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“, 1987 und 1988 inszeniert von Jérôme Savary und ausgestattet von Michel Lebois, tanzten nicht nur die Puppen, Sängerin Antonia hat ihren Auftritt auf einer überdimensionierten Geigen- bzw. Cello-Hand. Den noch viel größeren Schritt zu wagen hatte Wopmann viel Sorge bereitet. Dass nicht nur die Opernbesucher, sondern auch die Bevölkerung, die jeweils zwei Jahre lang auf die Skulpturen blickt, ein riesig aus dem See aufragendes Skelett akzeptiert, war nicht selbstverständlich. Doch es war so edel ausgeführt, dass das Experiment gelang. Was Richard Jones und Antony McDonald 1999 entwarfen, wurde von Experten zum „Bühnenbild des Jahres“ gekürt. Nachdem Bistro-Tische (für „La Bohème“ 2001 und 2002) oder eine Ölraffinerie (für „Il Trovatore“, 2005 und 2006) errichtet wurde, schoss Wopmann-Nachfolger David Pountney ohnehin den Vogel ab. Bühnenbildner Johannes Leiacker wünschte sich für Puccinis „Tosca“ (2007 und 2008) ein riesiges Auge, Paul Brown ließ Verdis „Aida“ auf den Trümmern der Freiheitsstatue spielen, womit die erwähnten riesigen Füße auf den See kamen und David Fielding präferierte für „André Chénier“ von Giordano Realismus pur. Vorlage für sein Bühnenbild war das Bildnis „Der Tod des Marat“ von Jacques-Louis David. Damit ragten also 2011 und 2012 Kopf und Schultern eines Toten aus dem Wasser.

Nachdem sich Pountney bei seiner darauffolgenden „Zauberflöte“ mit Ausstatter Johan Engels mit Kröten und Drachen animalisch gab, verordnete die neue Intendantin Elisabeth Sobotka bei „Turandot“ mit Marco Arturo Marelli und einer Mauer eine Zäsur, um nun wieder bei Körperteilen zu landen.

Bildgewordener Inhalt

Immerhin waren derart große Hände noch nie da. Mindestens zwanzig Modelle im Kleinformat existieren. Eines davon wurde sogar nach Extremitäten der britischen Bühnenbildnerin Es Devlin gearbeitet, erklärte Ausstattungsleiterin Susanna Böhm, denn was einfach scheint, ist Schwerarbeit für die Mannschaft. Ohne exakte Teamarbeit sei die Berücksichtigung eines Grundprinzips der Bregenzer Seebühnenästhetik gar nicht möglich, betonte die Intendantin beim am Freitag gewährten Blick in die Werkstatt. Was nämlich auf dem See zu sehen ist, versteht sich stets als bildgewordene Umsetzung des Inhalts eines Stücks. Zu den Händen, in deren Innerem Lautsprecher eingebaut sind, kommen noch große Spielkarten. Man rufe sich das Schicksal der Carmen vor Augen, der beim Kartenspiel nichts Gutes vorausgesagt wird. Anders verhält es sich übrigens bei den Festspielen. Der Kartenvorverkauf entwickle sich bestens.

Damit die bildgewordene Umsetzung des Stück-Inhalts funktioniert, braucht es viel Teamarbeit.

Elisabeth Sobotka
Beim
Beim „Maskenball“ (1999/2000) waren es die Knochen.
Für
Für „André Chénier“ gab es 2011 den Kopf von Marat.
2009 kam Verdis
2009 kam Verdis „Aida“ auf großem Fuß daher.
Bestens in Erinnerung: Das Auge für
Bestens in Erinnerung: Das Auge für „Tosca“ wurde 2008 auch zur Kulisse in einem Bond-Film.
Im Werkstattzelt am See entstehen die Hände, die in der Oper „Carmen“ ein folgenschweres Kartenspiel ausführen.  VN/Steurer, Hofmeister; BF
Im Werkstattzelt am See entstehen die Hände, die in der Oper „Carmen“ ein folgenschweres Kartenspiel ausführen. VN/Steurer, Hofmeister; BF

Mit der Neuinszenierung der Oper „Carmen“ auf dem See werden die Bregenzer Festspiele heuer am 19. Juli eröffnet.