Kostüm ohne Clown, die Augen riesig

Kultur / 03.02.2017 • 18:57 Uhr / 15 Minuten Lesezeit
„Eine kleine unsichtbare Wolke von Whisky wird am Himmel sein.“  Foto: VN/Steurer
„Eine kleine unsichtbare Wolke von Whisky wird am Himmel sein.“  Foto: VN/Steurer

Sie hätte doch einen zweiten Plastiksack nehmen sollen, wie ihr die Kassierin geraten hatte. Sie hatte dankend abgelehnt, sich innerlich gegen das aufdringliche Sujet zur Wehr gesetzt. Es verhieß um eine heile Kleinfamilie herum in grellfarbigen Lettern das Glück der reinen Wäsche. Sie hatte, um nicht wie ein Werbemodel die hundert Schritte durch ihr Quartier zu laufen, den ganzen Einkauf in den einen Sack gezwängt. Und der war, vorhersehbar, auf den letzten Metern vor ihrem Haus geplatzt.

Nun lagen die Zigarettenpakete auf dem Gehsteig. Sie hatte sich für einige Tage eingedeckt, sie wollte nicht öfter als unbedingt nötig unter die Leute. Die Kosmetika waren eigens verpackt und unbeschädigt. Von den beiden Flaschen Whisky war eine zerbrochen. Auf dem heissen Asphalt zerrann die dunkle Flüssigkeit und verdampfte an den Rändern des Flecks. Jammerschade. Mit einer einzigen Flasche würde sie nicht weit kommen. Nicht bei dieser Hitze. Schon gar nicht in dem Zustand, in den sie die Abwesenheit ihres Mannes versetzt hatte. Eine Geschäftsreise – wie üblich.

„Johnny Walker“, hörte sie sagen. „Noch dazu ein Blue Label.“ Eine angenehme Männerstimme. Nur viel zu nahe. „Eine kleine unsichtbare Wolke von Whisky wird am Himmel sein.“

Jetzt erst nahm sie den Lärm von Kindern wahr. Sie sah auf. Sie erwartete ein Gesicht und blickte in eine Maske. Die Augen riesig und doch nicht zu finden. Irgendwo hingen Zirkusplakate, daran erinnerte sie sich jetzt. Doch sie hatte keine Kinder, die sich darüber gefreut hätten.

Ein Clown auf seiner Reklamerunde. Sein Handwagen war am Strassenrand abgestellt, darauf eine Standuhr, der Kasten schlank und lang wie ein Sarg, kunstlos sattblau übermalt. Dort standen auch die Kinder, vier oder fünf, die mit dem Zirkusmann mitgeschwärmt waren. Ihr Geschrei enthielt für sie etwas Bedrohendes.

„Kommen Sie mit!“, hörte sie sich sagen. Und obwohl sie Widerstand hinter der undurchdringlichen Schminke ahnte, obwohl ihr schon halb und halb klar war, dass ein Kostüm mit seiner komischen Übergrösse mehr beengte als eine Zwangsjacke und obwohl sie noch immer die Augen nicht gefunden hatte, wiederholte sie: „Kommen Sie mit ins Haus!“ Als sie sich endlich aufrichtete, war sie ein wenig grösser als er. „Ich kann ohne Tasche diese Dinge nicht auf einmal tragen. Nehmen Sie die heile Flasche und die Zigaretten und holen Sie Ihren Wagen. Hinter dem Gitter ist er sicher.“

Sie setzte einfach voraus, dass er Augen hatte und trotz seines Kostüms ein freier Mensch war, der tun konnte, was ihm gefiel.

Die Kinder kreischten, als er seinen Wagen mit der Uhr durch die Einfahrt zog. Beim Anheben über den Gehsteigrand hatte er sich, wie sie fand, auffallend behutsam angestellt. Mit der Schulter drückte sie das Gitter ins Schloss. Auf der Strasse verlor sich das Geschrei der abziehenden Kinder.

Der Fremde ging vor ihr her. Seine rote Perücke ragte wie eine skurrile Frucht aus der lahmen Schale des Kragens. Seine Kleider schlotterten, wie es sich gehörte. Seine formlosen Schuhe schlurften über den Kies. In der einen Hand trug er ihre Whiskyflasche, unter dem andern Arm seine blaue Uhr. Die Zigarettenstange hatte er sich unter die Achsel geklemmt.

Ihre Phantasie spielte verrückt, kurz aber kräftig. Ein fremder Ritter, unwirklich wie Parzifal und Don Quichote zusammen, attackierte das Haus und würde es ohne grosse Anstrengung zum Einsturz bringen. Schon sah sie ein Geflecht von Rissen über Glas und Beton ziehen, Vorboten des baldigen Untergangs. Unter den berstenden Böden, Wänden und Scheiben drang die Stimme eines Mannes heraus, der um Hilfe rief.

 

Dr. Reinhold Weber. Generalvertretung. Es war zu spät. Das war vorbei. Neben der Tür glänzte eine bedeutungslos gewordene Votivtafel aus Messing. Wie leicht man daran vorbei gehen konnte.

„Machen Sie es sich bequem!“, sagte sie. „Legen Sie Ihre Kleider ab, ich lasse Ihnen ein Bad einlaufen.“

Er hatte die Uhr mitten ins Zimmer gestellt. Ein Fremdkörper, fühlte sie. Ein Sprengkörper.

Er überlegte. „Um acht muss ich beim Zelt sein.“

„Jetzt ist es vier, bis dahin kommen sie leicht zurecht, wenn sie dann noch wollen. Ich mache uns etwas zu essen, Kaffee, ein paar Snacks und dann trinken wir zusammen die Flasche Whisky leer. Sie haben Anspruch darauf.“

Er sah sich im Raum um. „Haben sie eine Zeitung von gestern?“

„Ich lese keine Zeitungen. Wenn mein Mann nicht da ist, stopfe ich sie ungelesen in den Mülleimer. Nicht korrekt, ich weiss, ich weiss, aber irgendwie wohltuend. Kommen sie, ich zeige Ihnen das Bad.“

Zögernd folgte er. Sein Zögern amüsierte sie. Sie konnte sich vorstellen, dass das Haus des Dr. Reinhold Weber auch ihn lähmte. Ihm genau wie ihr seine eisige Ablehnung entgegensetzte.

Die Snacks waren fertig, der Geruch des Kaffees zog durch die offene Küchentür. Hatte sie noch die Zeitung von gestern? Die Zeitung musste noch im Eimer stecken, sie hatte ihn seit gestern nicht geleert. Sie zögerte einen Augenblick. Dann sah sie nach. Da war die Zeitung, natürlich unaufgefaltet, noch einmal zusammengelegt, wie um sie in die Manteltasche zu stecken, und in der unteren Hälfte Flecken von einem Teebeutel, den sie heute morgen dazugeworfen hatte. Beim Aufblättern nahm sie die merkwürdige Reihenfolge der gelbbraunen Flecken wahr. Der Duft des Kaffees verstärkte sich, sie goss das letzte Wasser in den Filter.

Erdogan setzt auf Eskalation. Papst Franziskus und Schwedens Frauen. Migranten-Slums in Paris geräumt. Schlepper in Libyen beschiessen Flüchtlinge. CSU-Chef beschwört die äusseren Feinde. Brexit oder vorgezogene Neuwahlen. Delhi ringt nach Luft. Junge tendieren nach rechts. Die Teeflecken, kleiner werdend von Seite zu Seite.

Sie stellte Tassen aufs Tablett, Zucker, Milch, dazwischen den Teller mit den Snacks. Dabei fiel ihr Blick auf das Foto eines jungen sympathischen Mannes und eine der üblichen Meldungen unter Verschiedenes. Ein Name wie viele. Die Polizei suchte den Mann. Er hatte seinen Arbeitgeber erstochen und war bereits nach wenigen Monaten aus dem Gefängnis entwichen. Schon vom Teefleck verdunkelt fand sich die gewohnte Bitte der Polizei um zweckdienliche Angaben zuhanden der nächsten Dienststelle.

Sie schob die Zeitung wieder in den Eimer, hob das Tablett auf und verliess die Küche.

 

Das Porzellan auf dem Tablett klirrte leise, als sie den jungen Mann wiedersah, barfuss, in engen verwitterten Jeans und in ein Fauteuil gestreckt. Die Beine liefen auf sie zu, einen Augenblick sah sie wie eine Kamera, die den Vordergrund ansaugt und aufbläht, dunkelbraune Füsse auf ihrem Berber, weit voneinander. Wer hatte wen eingeladen? Was ihr Mann jetzt machte? Auf dem olivgrünen Damast des Fauteuils liefen die Beine zusammen. Das Porzellan auf ihrem Tablett hatte aufgehört zu klirren. In aller Ruhe vermass sie die Gegend, über die sich der Jeansstoff spannte. Später, dachte sie, und: Vielleicht … Sie stellte das Tablett ab. „Dunkel? Hell? Zucker?“

Die blaue Uhr hielt Wache. Sie stand ein wenig abseits, widerstand diesem eiskalten Haus und hielt Gericht über alle Unterlassungen, für die man in diesen Wänden büsste.

„Sie sind noch nicht lange beim Zirkus?“ fragte sie.

„Seit ein paar Tagen.“

„Können sie überhaupt komisch sein?“

„Ich trete nicht in der Vorstellung auf. Ich gehe nur als Reklame durch die Stadt.“

„Mein Mann ist in Paris. Ich nehme es jedenfalls an. Sie können bleiben, solange sie wollen.“

Das war direkt. Er beobachtete sie. Sie schenkte den Whisky ein.

„Ich habe Ihr Bild in der gestrigen Zeitung gefunden.“

Er sprang auf, um ihn herum die glasgesiebte unscharfe Umgebung des Hauses.

„Setzen Sie sich. Sie hätten meinen Mann töten sollen. Sie könnten es immer noch.“

Er starrte sie an.

„Er wäre leicht zu töten, im Schlaf, beim Essen, im Wagen, im Büro. Er fühlt sich so sicher, er schützt sich nicht, ein ideales Opfer.“ Er sass zusammengesunken. Sie trank ihm zu. Sie fragte: „Sind Sie müde?“ Er nickte. Sie setzte sich auf die breite Couch, streifte ihre Schuhe ab und zog die Beine an.

„Bringen Sie mir mein Glas?“

Die Sonne tauchte ins Fenster. Die Beine in den engen Jeans kamen näher, Hände legten sich um ihren Hals. Plötzlich klang ein halblauter metallischer Schlag von der Mitte des Zimmers her, gefolgt von einem scharrenden Geräusch, das in immer langsamer und leiser werdenden Klopfzeichen verebbte.

„Manchmal“, sagte der Fremde tonlos, „geistert sie.“

Sie zog ihn zu sich. Die Whiskyflasche war beinahe leer. Um den dunklen Bodenbügel in ihrem Innern lag ein dünner Ring von noch dunklerer Flüssigkeit. Verzerrt sah sie die Fläche des grossen Fensters auf dem gedrungenen Glaskörper. Wie lange sass sie schon wieder hier für sich allein? Es war Abend geworden. Auf der Couch schlief der Fremde. Zweckdienliche Angaben? Ihr Mann war in Paris. Vielleicht.

Sie stand leise auf, ging ins Bad und duschte lange. Dann zog sie, als habe sie einen Plan gefasst, das Kostüm über, das der Fremde sehr ordentlich an die Wandhaken gehängt hatte. Sie kämpfte gegen den Ekel vor dem Schmutz, den sie auf ihrer Haut spürte, und den unbestimmbaren Geruch, der aus dem Stoff aufstieg. In den weiten Taschen des Rocks fand sie Schminkstifte und einen Revolver.

Sorgfältig bemalte sie sich das Gesicht, möglichst genau so, wie sie es bei ihm gesehen hatte. Dann stülpte sie sich die rote Perücke über die Haare. Im grossen Badezimmerspiegel verschwand eine Frau, die hier nicht zu Hause war. Frei von Angst, als könne der Fremde nur auf ein bestimmtes Stichwort erwachen, kehrte sie ins Wohnzimmer zurück und nahm die Uhr, wie er es gemacht hatte, unter den Arm, ein federleichtes, billiges Gehäuse. Die Uhr spielte mit und blieb stumm. Die Stunden des Widerstrebens und Wachens waren endgültig abgelaufen. Im Flur lagen die schwarzen Schuhe, Seite an Seite, die verquollenen Kappen türwärts gedreht.

Eine Frau, die es nie gegeben hatte, trat aus der Tür und lud sehr behutsam eine übertrieben blaue Uhr auf einen zirkusbunten Handwagen. Das Gitter der Einfahrt girrte leise in den Angeln. Dann blieb es offen stehen. Dahinter versank ein Haus samt Grundstück ohne Abschied.

Die ersten Plakate tauchten auf. Leute sahen sich nach dem Clown um. Kinder zeigten auf ihn. Es ging gegen acht. Sie sah das Entrée des Zirkuszelts vor sich, die breite Leuchtschrift vor dem Nachthimmel. Ein paar Nachzügler besorgten sich Programme von einem Liliputaner und einem Riesen. Abseits blieb ein Karren mit einer blauen Uhr im Dunkel zurück.

Sie zwängte sich durch die Bahnen des schweren Vorhangs. Erschrak über den Tusch, der nicht für sie bestimmt war. Geriet unter Scheinwerfer für eine andere Nummer. Zweckdienliche Angaben? Sie tastete nach dem Revolver. Sie verstand nichts von Waffen. Trotzdem, dachte sie, und: Hoffentlich.

Hochverehrtes Publikum! Das Publikum in den Schluchten des Zelts nahm sie einfach in seinen Applaus auf. Hochverehrtes Publikum! Sie wankte in die Mitte der Arena, stürzte über die eigenen fremden Schuhe und richtete sich wieder auf, einen stechenden Schmerz im Arm. Gelächter wie für einen komischen Künstler. Sie stand und wartete. Aus dem Chapiteau senkten sich die Netze der Leere.

Der weisse Clown Zufall griff ein. Dort vorne in der Loge! War das nicht ihr Mann? Sie streckte eine Weile ihre Hände gegen die Lichtfluten. Ihr Mann. In Paris. Im Zirkus. Eine rothaarige Frau an der Schulter. In der Loge. So nahe. Paris. Der Schmerz im Arm nahm zu.

Hochverehrtes Publikum! Ihr Mann! Sie zog den Revolver und streckte den Arm nach vor. Das Stechen verlor sich in ihrem Körper. Dunkel? Hell? Zucker? Sie sah den Mann vornüber sinken.

Ein Polizist in Zivil, die Dienstpistole noch in der Hand, stieg über die Abgrenzung. „Tot“, sagte er zu dem Direktor, der, Sägmehl auf den schwarzen Lackschuhen, zitternd dabeistand. „Tot. Lassen Sie ihn rasch hinaustragen. Er muss es sein. Wir haben einen telefonischen Hinweis bekommen.“

Hochverehrtes Publikum! Die Rothaarige in der Loge fing zu schreien an. Doch im panischen Lärm, der unter den hohen Plachen zu rotieren begann und das verzweifelte Orchester übertönte, spielte das keine Rolle.

Zur Person

Norbert Loacker

Geboren: 1939 in Altach

Studium: Philosophie, Geschichte und klassischen Philologie in Wien

Wohnort: Kaltenbach (Schweiz).

Tätigkeit: Verfasser von Romanen, Hörspielen, Lyrik, Sachbüchern, Essays und wissenschaftlichen Periodika. Bis 2004 Präsident der Robert-Walser-Stiftung Zürich.

Aktuell: Für seinen Essay „Was Massen mögen“ (die VN veröffentlichten daraus einen Ausschnitt) wurde Loacker soeben mit einer Anerkennungsgabe der Stadt Zürich ausgezeichnet