Nicht gefährliche Liebschaften, schon furiose Sadisten

Kultur / 05.02.2017 • 21:02 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
„Madame de Sade“ von Mishima (Bild) folgt in Zürich eine Pasolini-Adaption. Foto: Schauspielhaus/Dorendorf
„Madame de Sade“ von Mishima (Bild) folgt in Zürich eine Pasolini-Adaption. Foto: Schauspielhaus/Dorendorf

De Sade ist nicht da und geht auf der von sechs Frauen besetzten Bühne nicht ab.

Zürich. Molière, Racine oder Corneille haben uns mehr als eine Welt eröffnet, Aspekte aus dem Triebleben von Vertretern des Ancien Régime werden Theaterbesuchern im deutschsprachigen Raum vorwiegend mit „Der Streit“ von Marivaux (wenn es weitgehend jugendfrei sein soll) oder „Gefährliche Liebschaften“ von Choderlos de Laclos vermittelt. Marquis de Sade (1740-1814) ist gegebenenfalls mit neuen Forschungsergebnissen in Ausstellungen vertreten. Der japanische Schriftsteller Yukio Mishima widmete sich in dem 1965 entstandenen Stück „Madame de Sade“ dem Verhalten der Frau jenes Mannes, der sexuelle Fantasien – sagen wir es einmal so – nicht für sich behielt.

Historisch verbrieft

Sechs Personen hat das Stück, drei (Ehefrau Renée, Schwägerin Anne und Madame Montreuil, die Schwiegermutter) sind historisch verbrieft, jede steht für bestimmte Verhaltensweisen von ergeben über Recht und Gesetz folgend bis unbekümmert oder durchaus lustbetont. Nicht viel mehr als die eingenommene Position wird in den sprachlich geschliffenen Dialogen dargelegt und gegebenenfalls mit Hilfe einer Intrige verteidigt.

Alvis Hermanis, der lettische Regisseur, der sich bei den Salzburger Festpielen, an der Berliner Schaubühne etc. mit Klassikern einen Namen gemacht hat, erfüllt bei seiner nunmehr dritten Arbeit am Zürcher Schauspielhaus die Erwartungen. „Madame de Sade“ braucht die Krinoline und bekommt sie derart ausgeformt, dass die Akteurinnen damit die Türrahmen der mit reichlich Rokoko-Stuck versehenen Raumfluchten mehr als nur ausfüllen. Einmal dahergestelzt, haben sie zu den pastellfarbenen Kleidern passende Schattierungen von Überspanntheit durchzuspielen. Bevor die Gefahr aufkeimt, dass sich das Gekünstelte leerläuft, werden nicht nur die weißen Perücken mit japanischem Kopfputz in Schwarz ersetzt, auch die Sprache erhält die Bell-Laute alter, fernöstlicher Theatertradition.

Das ist furios und verweist auch auf die Theatertheorie des Autors. In den Genuss schauspielerischer Präsenz kommt das Publikum im zweiten Teil. Die Revolution hat begonnen, Tugend und Moral sind auf anderer Ebene zu verhandeln, der Marquis ist frei. Der Fokus richtet sich nicht mehr auf ihn. Worauf dann? Das deutet Hermanis nur an, der mit der zu jeder Gratwanderung fähigen Sunnyi Melles (Madame de Montreuil), aber auch mit Friederike Wagner, Lisa-Katrina Mayer oder Miriam Maertens hoch anregende zwei Stunden über Spiel- und Verhaltensarten hinlegt und damit eine grob gemusterte Handlungsvorlage durch kluge Verknüpfungen auflädt. De Sades Frauen bleiben übrigens nicht allein, demnächst folgt in Zürich die Uraufführung von „Die 120 Tage von Sodom“ nach Pasolini.

Weitere Aufführungen ab 9. Februar bis vorläufig 3. März (weitere in Planung): www.schauspielhaus.ch

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