„Ich verlange zehn Minuten“

Kultur / 06.02.2017 • 20:38 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Rachel Rose vor dem Kunsthaus Bregenz: „Kunst kann einen Raum bieten, um Gefühle zu entwickeln, zu schärfen.“ Foto: VN/Steurer
Rachel Rose vor dem Kunsthaus Bregenz: „Kunst kann einen Raum bieten, um Gefühle zu entwickeln, zu schärfen.“ Foto: VN/Steurer

„Ich spüre Dingen nach, spreche mit Leuten, besuche Menschen“, erklärt Rachel Rose.

Bregenz. Sich hineinfallen lassen und wieder auftauchen ist ein gutes Vorhaben beim Besuch des Kunsthauses, das die New Yorkerin, wie berichtet, mit großen Videos und einer noch größeren Bilderwand bestückt hat.

Sie haben mit Kunstgeschichte begonnen, dann Malerei studiert und sind jetzt Filmemacherin. Was hat das Medium Video, das die Malerei nicht leisten konnte?

Rose: Die Filme stellen für mich einen Container dar, in dem ich vielen verschiedenen Ideen nachgehen kann. Weil ich jeweils rund ein Jahr brauche, um eine Arbeit zu realisieren, wird es so etwas wie ein Behältnis, in dem Recherchen zusammenkommen, Gefühle und Wahrnehmungen einfließen, die ich über den Film auszudrücken versuche.

Eine Jahr für eine Arbeit ist sehr lange. Wie geht dieser Schaffensprozess vor sich?

Rose: Am Anfang steht ein alltägliches Gefühl. Ausgehend davon beginne ich Dingen nachzuspüren, zu erforschen, spreche mit Leuten, besuche Menschen und Ort um dieses anfängliche, noch subtile Gefühl zu konkretisieren, zu entwickeln. Das dauert in der Regel einige Monate, dann folgen einige Monate, in denen ich Material sammle und Arbeiten mache, die der eigentlichen Produktion vorausgehen, bis ich zum Filmen und Schneiden komme.

Auch die Präsentation, wie hier im Kunsthaus auf speziellen textilen Projektionsflächen, scheint ein wesentlicher Teil des Werks zu sein.

Rose: Absolut. Die vielen Komponenten, die bewirken, wie man einen Film sehen kann, sind mir wichtig, und das ist etwas, was mich schon in einem frühen Stadium der Arbeit beschäftigt.

Sie haben gesagt, dass die Menschen immer weniger Zeit auf Kunst verwenden. Ihre Filme dauern rund zehn Minuten. Ist das eine Zeitspanne, die dem Besucher zumutbar ist?

Rose: Es sind zehn Minuten, weil ich denke, das ist so eine Länge, wie man sich in einem Traum fühlen könnte, man kann sich hineinfallen lassen und dann wieder auftauchen.

Es gibt von Ihrer Seite keine Erwartungen an den Besucher. Aber diese zehn Minuten, die fordern Sie ein?

Rose: Ja, zehn Minuten Aufmerksamkeit sind alles, was ich verlange.

Vor allem in der Glaswand, die an die Fenster einer Kathedrale erinnert, tauchen Verweise auf die Vergangenheit auf, die Sie jedoch stets unmittelbar an die Gegenwart koppeln. Was können wir aus der Vergangenheit mitnehmen fürs Jetzt?

Rose: Ich finde, es ist ein schöner Gedanke, dass die Vergangenheit eine Schicht in unserer Gegenwart bildet, und dass wir damit einen „Zutritt“ zur Gegenwart bekommen. Auch dass es sich nicht um zwei getrennte Bereiche handelt, sondern dass sie miteinander ver­woben sind.

Glas, transparent und doch eine Hülle, scheint in Ihren Arbeiten als Material immer wieder auf. Was bedeutet Glas?

Rose: Glas ist eine Barriere, aber eine sehr verwirrende Barriere. Als Material ist Glas immer in Bewegung. Es ist auch ein hartes Material. In Fenstern markiert es die Grenze zwischen innen und außen, es schafft Grenzen und löst sie gleichzeitig aber auch wieder auf. Es lässt mich daran denken, was innerhalb oder außerhalb des Körpers ist, was lebendig und was tot bedeutet, was es bedeutet, in Bewegung oder im Stillstand zu sein.

Glas macht einen wesentlichen Teil der Architektur des Kunsthauses aus. Allerdings nicht in Form von Fenstern oder Ausblicken, sondern als Zurückgeworfensein auf das Innen.

Rose: Ich fokussiere hier in diesem Gebäude sehr stark auf das Innen. Das Glas ist matt und dick, es fühlt sich überhaupt nicht an, als ob es eine Transparenz zwischen innen und außen gäbe, aber tatsächlich fühlt man sich umhüllt, geborgen auf eine Art, wie in einem Auto, wenn es schneit und der Schnee gegen die Scheiben fällt.

Mit 30 Jahren sind Sie sehr jung und sehr erfolgreich. Dennoch nehmen Themen wie Tod, Vergänglichkeit und Verletzlichkeit viel Raum in Ihrem Werk ein.

Rose: Es ist einfach meine Art, mit diesen Dingen umzugehen. Das hat nicht notwendigerweise etwas mit dem Alter zu tun, es sind die Dinge, die mich beschäftigen und nachdenken lassen. Und 30 ist nicht mehr so jung.

Es gibt immer wieder ungewöhnliche Zusammenstellungen in Ihren Filmen, wie das Aufeinandertreffen von moderner Architektur und einem Sturm. Wie kommt es zu diesen Konstellationen?

Rose: Ich komme auf ganz verschiedene Arten zu meinem Material. Aber alles entwickelt sich aus diesem anfänglichen Gefühl heraus. Es ist auch im Leben so, dass sich von einer Minute auf die andere etwas verändern kann. Wie der Sturm „Sandy“, der eine Katastrophe für das Leben jedes Einzelnen in New York auslöste.

In Ihren Videocollagen überlagern sich verschiedene Schichten, Zeiten und Orte. Welche Rolle spielt dabei der Sound?

Rose: Der Sound hat für jede Arbeit eine eigene Funktion. Manchmal hat er die Aufgabe, einen in verschiedene Momente von Zeit zu versetzen, manchmal bildet er etwas wie einen Dialog. Sound ist für mich ein aktives Material und benötigt eine jeweils eigene Recherche.

Sie haben ein weiteres Projekt angetönt, aber auch, dass Sie nicht zwingend mit Kunst weitermachen müssen. Wie geht es weiter?

Rose: Die Arbeit im Foyer bezieht sich auf ein nächstes Projekt, in dem es um Zufall und Magie und eine Frau im 17. Jahrhundert geht. Aber manchmal ist es gut, mit etwas aufzuhören, um sich dann wieder neu nähern zu können. Kunst kann einen Raum bieten, um Gefühle zu entwickeln, zu schärfen. Die Schwierigkeit besteht darin, wie Kunst aufgenommen wird und wie man als Künstler Kunst in einer Zeit machen soll, in der die Menschen wenig Zeit dafür aufbringen wollen, wenn man Kunst nicht nur symbolisch, nicht nur eindimensional zeigen will, sondern sie viele Ideen und Belange beinhalten soll.

Zur Person

Rachel Rose

Geboren: 1986 in New York

Ausbildung: Studium an der Yale University, am Courtauld Institute of Art in London und an der Columbia University in New York

Ausstellungen: u. a. im Aspen Museum, Whitney Museum, in der Serpentine Sackler Gallery und bei der Biennale Sao Paulo 2016

Wohnort: New York

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