„Ich habe einen Erfahrungsschatz“

Kultur / 08.02.2017 • 19:43 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
In „Der Frauentourist“ geht es auch darum, wie sich Frauen definieren. FotoS: VN/Hofmeister
In „Der Frauentourist“ geht es auch darum, wie sich Frauen definieren. FotoS: VN/Hofmeister

Sie schreibt über Männer und Frauen und den gefährlichen Hang, sich unterzuordnen.

Christa Dietrich

Bregenz. In „Der Frauentourist“ erzählt die Vorarlberger Schriftstellerin Monika Helfer von einem Mann, der sich laufend mit Frauen trifft. Die Kontakte bezieht er über TV-Sendungen. Mitunter bleibt er länger, versucht eine Beziehung aufzubauen. Das Stück wird heute uraufgeführt.

Da verbringt also ein älterer Mann seine Zeit damit, Frauen kennenzulernen, die übers Fernsehen einen Partner suchen. Aus welchen Beweggründen heraus ist der Text entstanden?

Helfer: Es ist so, dass in meinem Alter viele Frauen über diese Dinge reden, vielleicht ist der Mann gestorben oder sie langweilen sich mit ihrem Mann zu Hause. Es ist wie ein Traum, weil sie merken, ihr Leben geht vorbei und es war nichts. Sie sehen sich solche Fernsehformate an, die sie alle schrecklich finden, und sie würden nie zugeben, dass das für sie eine Möglichkeit wäre. Die Idee zum Stück habe ich schon vor einem Jahr gehabt. Mich hat es interessiert, einen Mann als Hauptfigur zu wählen, der die Destinationen abfährt, ich habe dann beim Schreiben gemerkt, dass es sich zu einer Liebesgeschichte entwickelt.

Haben Sie sich die Sendungen angesehen? Das Format „Liebesg’schichten und Heiratssachen“ klingt durch, wenn man den Text liest.

Helfer: Ja, ich habe sie hin und wieder angeschaut, ich konnte die Folgen aber nie im Sitzen zu Ende sehen. Mir war das so peinlich, dass ich immer wieder aufgestanden bin. Das war eine Vorführung von Frauen.

Was empfanden Sie, als Sie die Frauen und Männer sahen, die da ihre Einsamkeit preisgeben?

Helfer: Ja, die sind wirklich sehr einsam. Es gibt sicher Ausnahmen. Ich will mich da als Ausnahme sehen, aber viele langweilen sich entsetzlich. Man weiß ja, dass die Männer eher abstumpfen und Frauen wieder aufblühen wollen. Männer geben, wie man weiß, halt das Besteck ab und sagen sich, ich esse mit den Händen, ist ja wurscht. Mir war es aber wichtig, etwas zu schreiben, das niemanden denunziert.

Ich weiß es nicht, aber es könnte ja sein, dass in diesem Fernsehformat sowieso alles fiktiv ist und alles nur gespielt ist. Ist es nicht, oder?

Helfer: Es ist nicht gestellt. Dass dann im Weiteren einiges gestellt ist, ist keine Frage, man weiß ja, was man allein durch den Schnitt im Film alles verändern kann.

Inwieweit haben Sie Rollenbilder interessiert? Es gibt da auch ein junges Mädchen, zu dem der Mann eine Beziehung aufbaut.

Helfer: Ja, was für den Mann wirklich funktioniert hat, ist die Vaterrolle, die er einnimmt. Das hat mit Sexualität null zu tun.

Sind die Figuren rein fiktiv oder wie sind Sie vorgegangen?

Helfer: Die sind alle fiktiv entwickelt. Man bemüht sich, so einen Charakter zu entwickeln und von allen Seiten auszuleuchten. Es wäre viel zu einfach, den Mann darauf zu fixieren, dass er einen Ödipuskomplex hat. Er ist ein Einzelgänger, manchmal blitzt etwas auf, dass man denkt, er ist vielleicht schwul. Dann stellt sich die Frage, wie ein Mann wäre, würde er nur unter Frauen aufwachsen und sich bemühen, seine Männlichkeit zu definieren.

Das Schreiben über einen Mann, war das eine besondere Erfahrung?

Helfer: Ich werde bald 70, da habe ich einen Erfahrungsschatz. Sie werden auch an sich feststellen, mit jedem Jahr werden Sie klüger. Ich hätte das Stück vor zwanzig Jahren nicht schreiben können. So für mich denke ich mir, ist es gut ausgeleuchtet. Ich will den Männern und Frauen nicht Unrecht tun.

Wie beurteilen Sie ein durchscheinendes Thema: Definieren sich Frauen leider immer noch zu sehr über die Fähigkeit oder Unfähigkeit, einen Mann an sich zu binden?

Helfer: Natürlich, das ist die Tragödie, das ist ja meine Rede. Da muss ich wirklich sagen, auch Frauen, die ich kenne, würden sich für sehr emanzipiert halten, aber unter dem Strich stellen die sich in der Reihe dann hinter dem Mann an. Ich merke es an mir wie es ist, mich auf gleiche Höhe mit Michael zu stellen. Man darf sich nicht auf die faule Haut setzen. Wenn ich mich ausklinke, bin ich unsichtbar. Zurück zu Ihrer Frage, das regt mich auch auf, da haben Sie völlig recht, aber ich weiß, dass in mir auch dieses Manko besteht, mich unterzuordnen, obwohl ich es hasse, mich unterzuordnen.

Kennenlernen hing lange Zeit davon ab, welche gesellschaftlichen Konventionen zu berücksichtigen sind. Früher haben die Eltern das arrangiert, es gab Heiratsvermittler, das war ganz normal, dann hat man sich halt im Alltag kennengelernt, und mittlerweile läuft es auch über das Fernsehen oder das Internet? Sollten wir das bewerten?

Helfer: Ich würde das nie werten, ich habe einen Freund, der immer sagt, er hätte wahnsinnig gerne gehabt, wenn die Eltern für ihn eine Ehe arrangiert hätten. Wie soll sich eine Frau in meinem Alter einen Mann suchen? Die wird sich ja nicht erblöden, tanzen zu gehen und einem Mann zuzuzwinkern. Ich würde meine Kinder auf die Gefahr im Zusammenhang mit dem Internet hinweisen, ich würde es aber nie werten. Man muss ein bisschen toleranter werden, ich akzeptiere jede Art, wenn sie im Glück endet.

Demnächst erscheint das Buch „Der Mensch ist verschieden“ über Charaktertypen, das Sie gemeinsamen mit Ihrem Mann Michael Köhlmeier geschrieben haben. Das lässt den Schluss zu, dass den Typen von Theophrast noch etwas abzugewinnen ist.

Helfer: Es ist so, dass die Charaktere etwas Immerwährendes sind. Ich habe zum Projekt ja gesagt, wenn ich für die Geschichten zuständig bin, wenn ich für die Philosophie zuständig wäre, hätte ich es nicht gemacht. Mir fällt es nicht schwer, kleine Geschichten zu schreiben. Es hat mir Spaß gemacht. Das Herausfinden, wie ein Charakter funktioniert, ist das Um und Auf beim Schreiben. Mich interessieren keine Texte, in denen es nicht um Menschen geht, mich interessieren auch keine Fotos, auf denen kein Mensch drauf ist. Es klingt großspurig, aber ich wäre gerne ein Nachfahre Tschechows, der die Leute so geliebt hat. Beim Schreiben macht es mich glücklich, wenn ich den Charakter gefunden habe.

Männer geben halt das Besteck ab und sagen sich, ich esse mit den Händen, ist ja wurscht.

MonikA Helfer

Zur Person

Monika Helfer

Geboren: 1947 in Au

Tätigkeit: Schriftstellerin

Werke: zahlreiche Romane (darunter „Die wilden Kinder“, „Oskar und Lilli“, „Wenn der Bräutigam kommt“, „Die Welt der Unordnung“); Theaterstücke (darunter „Kreuzers Kinder“, „Der Frauentourist“); Hörspiele; seit einigen Jahren Kommentatorin der Vorarlberger Nachrichten

Auszeichnungen: u. a. Österreichischer Würdigungspreis für Literatur, Österreichisches Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst

Wohnort: Hohenems

Familie: verheiratet mit dem Schriftsteller Michael Köhlmeier

Uraufführung des Stücks „Der Frauentourist“ von Monika Helfer am 9. Februar, 20 Uhr, im Theater Kosmos in Bregenz. Folgeaufführungen: www.theaterkosmos.at