Nicht alles, was stinkt, ist Käse

Kultur / 10.02.2017 • 18:41 Uhr / 11 Minuten Lesezeit

I. Immer wieder freitags

Tief winterlich ist das Land und klirrend kalt ist der Morgen. Tatendurstig versammeln sich die Erst- und Zweitklässler vor dem Krumberger Schulhaus. Ihre Fröhlichkeit nimmt rasch alle Nervosität von Silke Leutold, der Junglehrerin, die heute ihren großen Tag haben soll. Hinunter an die zugefrorene Ache wird es gehen, zur Wildfütterstelle, ein Erlebnistag im Schnee. Das Angebot engagierter Eltern, mitzuwandern, hat Silke abgelehnt. Sie möchte mit den Kindern allein sein. Der Direktor hat ihr gerne die Erlaubnis gegeben. Silke hat das sicher im Griff.

Jetzt aber los. Süß sind die Kinder mit ihren kleinen Rucksäcken, dick eingepackt mit Mützen, Handschuhen, Schals. Im Gänsemarsch geht es hinunter an die Ache. Vom Kirchturm schlägt es acht, als die Wanderer das Dorf verlassen und in den Tannenwald eintreten. Wundersame Stille umgibt sie, da auch die Kinder angesichts der geheimnisvollen Atmosphäre inmitten der hohen Tannen verstummen.

Bald ist die große Lichtung erreicht, an deren Rand ein winziges, von einer mannshohen Hecke umgebenes Häuschen steht. Es gehört Anselm Fuchs, dem pensionierten Schulleiter. Sommer wie Winter verbringt er die meiste Zeit hier herunten. Er ist ein Eigenbrötler im wahrsten Sinn: ein besessener Bäcker, begnadeter Pâtissier und Koch. Dem Vernehmen nach zaubert er wahre Meisterwerke. Zu kosten bekommt niemand etwas. Die Menschen mag er nicht. Den Kindern gilt Fuchsens Liebe immer noch. Wird er ihrer habhaft, ziehen sie stets reich beschenkt mit leckeren Pasteten, kaltem Braten oder süßem Backwerk davon. Doch die Eltern lassen ihren Nachwuchs nicht gerne zu ihm.

Ganz von selbst nehmen die Kinder einander an der Hand und bilden eine Zweierreihe. Der immer hungrige Paul, einer von Silkes Lieblingen, streckt ihr als erster in der Reihe sein Händchen entgegen; verstohlen wirft er sehnsüchtige Blicke zurück. Hinter ihm geht seine Nachbarin Virginie. Die beiden sind ein unzertrennliches Paar. Anscheinend hat keines der Kinder den hinter der Hecke hervorspähenden Alten bemerkt. Wie ein Faschingskostüm wirkt seine Kleidung: weiße Kochklamotten, eine Haube wie Paul Bocuse, in der Hand ein großes, in der Sonne blitzendes Küchenmesser und einen Kochlöffel. Was will der?

Unwillkürlich denkt Silke an die unheimlichen Geschichten rund um den Direktor Fuchs. Zum Glück sind die Kinder so brav, echte Landkinder sind das, unverdorbene. Zudem macht ihnen die Kälte jetzt doch zu schaffen und bald nach der Jause entschließt sich die Lehrerin, etwas früher als geplant zurückzukehren. Um die ominöse Lichtung macht sie einen weiten Bogen. Dennoch steigt ihr ein bekannter Geruch in die Nase: geschmolzener Käse und gedünstete Zwiebeln. Richtig, es ist ja Freitag heute.

Schließlich ist sie froh, wieder vor dem Schulhaus zu stehen. Die Sonne schickt sich eben an, hinter dem Säntis zu verschwinden. Eines nach dem andern verabschieden sich die Kinder. Als Silke allein zurückbleibt, macht sich ein beklemmendes Gefühl in der jungen Frau breit. Sie spürt, dass etwas nicht stimmt. Aber was? Es ist kein Kind mehr da. Das passt. Doch Halt: Zwei haben sich noch nicht bei ihr verabschiedet: Paul und Virginie! Silke ruft ihre Namen ins Schulgebäude, keine Antwort. Nur Direktor Maldoner kommt aus seiner Kanzlei, fragt, was los ist. „Nichts, nichts“, antwortet die Lehrerin. Seit wann fehlen die beiden? Beim Abmarsch an der Ach waren alle da. An der schmalen Stelle kurz vor der Lichtung hat sie ihnen über den vereisten Steg geholfen, allen. Sie erinnert sich genau, Paul und Virginie sind am Schluss gegangen, Hand in Hand. Jetzt fehlen sie. Silkes erneutes Rufen alarmiert den Schulleiter, er eilt in den Hof und findet die junge Frau leblos neben der Bank im Schnee.

II. Der Fuchs weiß viele Dinge. (Archilochos)

Nach wenigen Minuten schlägt sie die Augen auf. Maldoner gelingt es nicht, den Schrecken über die Nachricht zu verbergen. Das hat ihm gerade noch gefehlt.

„Heiliger Laurentius: Was sölla ma tua?“, fragt die Lehrerin verzweifelt.

„Kumm, mir rennan in Wald ahi. Viellicht sind die Gofa döt dunn am hüsla“, antwortet der Direktor. Es sind keine zehn Minuten bis zum Haus seines Vorgängers. Maldoner hämmert an die Haustür. Sie ist versperrt. Durch die ebenerdigen Fenster spähen beide ins Innere. In der Küche ist niemand. Sie rufen die Namen der Kinder, den des Alten. Keine Antwort. Die Lehrerin schluchzt, Maldoner flucht.

„I gang gi luaga, ob se dahoam sind“, sagt er.

„Und wenn nid …“, entgegnet Silke, die allen Mut verloren hat. So schnell kann’s gehen.

„Denn muass i d’Schen­darma alütta!“

„Oh Jesus hilf! Warum honn i nid ufpasst?“

Zu Hause sind Paul und Virginie nicht. Ihre Mütter verlieren augenblicklich die Fassung, telefonieren hektisch nach den Vätern. Bis zu deren Erscheinen steht die Zeit still, ist der Hoffnung eine Gnadenfrist gewährt. Dann ist der Teufel los. Das ganze Dorf ist auf den Beinen: Feuerwehr, Bergrettung, Pfarrer und Freiwillige schwärmen aus. Suchhunde sind im Dauereinsatz. Nichts. Stunden vergehen. Lange Schatten legen sich auf die Schneefelder. Endlich wird die Kripo eingeschaltet. Von den beiden Kindern keine Spur, auch der alte Fuchs ist nicht aufzutreiben.

Im Konferenzzimmer der Schule sitzt der Krisenstab: Direktor Maldoner, der Bürgermeister, die Chefs von Bergrettung und Polizei und seit Kurzem auch Inspektor Isidor Ibele von der Bregenzer Kripo samt seinem Kollegen Baldreich. Guter Rat ist teuer. Viel mehr als Suchen, Warten und starken Kaffee trinken ist nicht drin. In der Bergkirche sammeln sich immer mehr Menschen zum Rosenkranzgebet.

Als der Mond hinter den Gottesackerwänden heraufsteigt, steht wie aus dem Nichts gezaubert der kleine Paul auf dem Schulhof. Er steht da und rührt sich nicht, schüttelt auf alle Fragen den Kopf. Nur seine Augen wandern rastlos umher. Dann und wann entfährt ihm ein kleiner Rülpser, als hätte er zu fett gegessen. Silke bahnt sich einen Weg zu dem Buben, geht ganz dicht an das Kind heran und beschnuppert seine Jacke.

„Was isch, was tuasch?“, fragt der Direktor.

„Riachscht du nix? Wia der stinkt!“, entgegnet die Lehrerin.

„Als käme er aus der Sennerei“, meint der Bürgermeister. Da wird Ibele hellhörig, nicht nur weil er Hunger hat.

„Sind das nicht eher Zwiebeln, geröstete? Hat der Bub vielleicht Käsknöpfle gegessen am Mittag? Es ist ja Freitag heute!“, gibt er zu bedenken. Niemand hört ihm zu, weil sich alle um Silke scharen, die schon wieder halb bewusstlos auf dem Boden liegt. Mit tonloser Stimme wispert sie:

„Im Wald … bim Fuchs hots Käsknöpfle gia hütt z´Mittag.“ Mehr bringt sie nicht hervor und mehr braucht es auch nicht. Maldoner erklärt dem Inspektor, was es mit der Lichtung auf sich hat und was mit dem Fuchs.

III. Der Igel weiß eine große Sache. (Archilochos)

„Baldreich!“, ruft der Inspektor. Der steht neben ihm, das Telefon am Ohr. Jetzt aber aufgepasst. Gleich geht es richtig zur Sache! Mit verschwundenen Kindern ist nicht zu spaßen, und wäre der Fuchs ein Veganer!

„Ihr bleibt alle hier“, kommandiert Ibele, „die Cobra rückt an.“ Er selbst macht sich mit Baldreich und einigen Männern von der Feuerwehr, die sich in Sekundenschnelle mit einem furchterregenden Arsenal von Waffen ausgerüstet haben, auf den Weg. Mit ihren Heugabeln, Sensen und Schlägeln wirken sie wie eine Reinkarnation der berühmten Wälder Weiber von der Roten Egg. Ibele heißt sie das Zeug weglegen. Vorsichtig nähern sich die Männer im fahlen Mondlicht dem Haus.

Als sie zweihundert Meter vom Fuchsbau entfernt sind, steht urplötzlich ein Cobra-Mann neben Ibele. Unmittelbar darauf schiebt sich eine Truppe bis an die Zähne bewaffneter Typen an den Dörflern vorbei. Ibele weiß, dass das etwas skurril ist; aber man geht kein Risiko ein, und die wilden Kerle wollen auch einmal zeigen, was sie können. Dann geht alles blitzschnell. Wie von Geisterhand bewegt, gehen die Männer aus allen Richtungen auf das Haus zu und ein Teil von ihnen verschwindet darin, als gäbe es keine Wände. Ein paar Atemzüge später tritt praktisch gleichzeitig einer von ihnen mit einem in eine Decke gewickelten Bündel aus dem Haus, während zwei andere einen schmerbäuchigen Mann abführen. Der Einsatzleiter meldet Ibele lakonisch:

„Wir haben das Mädchen und den Alten. Melde mich ab. Aktion beendet.“ Ibele trägt ihm auf, Fuchs ins Schulgebäude zu bringen und vier Männer als Posten bei ihm zu lassen.

„Vier Männer für einen Doppelfetten?“, will der wissen.

„Dann halt zwei. Was war denn los in der Hütte?“, fragt Ibele noch.

„Der Alte hat in der Stube seinen Rausch ausgeschlafen. Die Kleine ist vor einer ganzen Reihe angeknabberter Torten gesessen, schau sie dir an! Die ist ganz stier vor lauter Käs und Crème, bringt den Mund gar nicht mehr zu. Das große Fressen ist eine Jause dagegen!“ Drei Rotkreuzler kümmern sich um Valerie. Der Berg-, nein: der Dorfdoktor kniet im Gras, untersucht das stöhnende Mädchen. Es scheint unverletzt zu sein und fängt nach ein paar tiefen Atemzügen zu plappern an. Was sie erzählt, klingt wie eine Geschichte aus dem Schlaraffenland. Der alte Fuchs hat die beiden Kinder mit einer unabsehbaren Folge von Leckerbissen gefüttert. Als er eingeschlafen war, wollte Paul ein paar Freunde holen. Der Krisenstab hat ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Irgendwie freut sich der Feinspitz Ibele auf das Verhör. Außerdem hat er jetzt Lust auf Käsknöpfle. Ist ja nix passiert, oder?

Zur Person

Peter Natter

Geboren: 1958 in Alberschwende

Ausbildung: Studium Philosophie, Romanistik

Wohnort: Dornbirn

Tätigkeit: Broterwerb. Kurator. Freie Praxis für Philosophie und Literatur. Fünf „Inspektor-Ibele“-Romane, Kolumnen, Essays, Aufsätze und Reden.

Aktuell: „Als Schopenhauer nicht mehr wollte“: drei Vorträge.