Von Kunst, die Geld bewegt

Kultur / 10.02.2017 • 22:46 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Ausstellungsansicht mit Dokumenten und Arbeiten von Joseph Beuys, der sich intensiv mit den Begriffen Kunst und Kapital beschäftigte. Foto: VN/CD
Ausstellungsansicht mit Dokumenten und Arbeiten von Joseph Beuys, der sich intensiv mit den Begriffen Kunst und Kapital beschäftigte. Foto: VN/CD

„Who pays?“, wird in Liechtenstein so gefragt, dass es über die Grenzen hallt.

Christa Dietrich

Vaduz, Bregenz. 15 Franken kostet das reguläre Ticket für das Kunstmuseum, die Ermäßigungsgründe sind aufgelistet, unter sechzehnjährige zahlen gar nichts. Für liechtensteinische Verhältnisse ist die Summe durchaus moderat. Grundsätzlich wäre sie kaum erwähnenswert, doch schon am Plakat vor dem Eingang prangt der Schriftzug „Who pays?“. Mit Leuchtstoffröhren als Kunstwerk von Chiarenza & Hauser ausgeführt, ist er im Inneren zu erkennen.

Wer also zahlt?, diese Frage hat sich das Kunstmuseum, das nach langem Kampf um den Bau nun bereits seit gut 16 Jahren wie ein unverrückbarer Riegel ins Stadtbild schiebt, für ein paar Monate zum Motto erhoben. Umgeben von Geschäften mit Prestigewaren, Treuhandfirmen und Geldinstituten scheint die Institution im Fürstentum überhaupt die geeignetste zu sein, um das Thema zu behandeln. In Kooperation mit Einrichtungen wie der Zukunftswerkstatt, der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen oder dem Dialogprojekt Arbogast in Vorarlberg (um nur einige zu nennen, die das Rahmenprogramm ausmachen) kündigt sich Großes an, das im von Christiane Meyer-Stoll kuratierten Ausstellungskern bewusst klein beginnt. Blickt man gleich nach dem Eingang doch auf jenen „Wanderkiosk“, der, geplant als temporäre Architektur von Martin Mackowitz, bereits im Rahmen von Vorarlberger Festivals wie dem „Walserherbst“ alternative Formen des Arbeitens, Wirtschaftens oder Zusammenkommens erlebbar machte und hier mit Kleinwaren bestückt ist, die Kindheitserinnerungen schüren oder bei geringem Geldwert das Wohlgefühl steigern.

Unweit vom Original kann ein Nachbau des Hüttchens vom Besucher selbst einer Nutzung zugeführt werden und wenige Meter davon entfernt befindet sich ohnehin jener permanent ins Haus gehörende Nachbau des Arbeiterclubs von Alexander Rodtschenko, der 1925 als Ort entworfen wurde, an dem geredet und gedacht werden sollte, ohne konsumieren zu müssen.

„Kunst = Kapital“

In der vorwiegend mit Arbeiten aus den letzten zehn bis 20 Jahren bestückten Ausstellung, in der Besucher in der Installation von Marie-Antoinette Chiarenza und Daniel Hauser dazu aufgefordert werden, einfach einmal herumzusitzen und sich bei Hinterlegung irgendeines persönlichen Gegenstandes Zugang zu einem eigens umzäunten Raum zu verschaffen, ist es angebracht, mit Klassikern konfrontiert zu werden. „Die einzige revolutionäre Kraft ist die Kraft der menschlichen Kreativität“ hielt Joseph Beuys im Zuge der Auseinandersetzung mit Kapitalismus und Kommunismus fest, um zur Formel „Kunst = Kapital“ zu gelangen, die, wie wir wissen, nichts mit Wertsteigerung von  Kunstwerken zu tun hat. Wie intensiv man sich unweit von Vorarlberg bereits in den 1970er-Jahren mit der Thematik, das heißt mit alternativen Wirtschaftsformen befasst hat, zeigen die Dokumente der Achberger Gruppe.

Teilen und lernen

Man stößt auf viel Lesenswertes beim Rundgang, bei dem ein ganz konventionelles Bronzefigürchen des deutschen Künstlers Thomas Lehnerer den Titel „Homo pauper“ trägt, also auf die Bedürftigkeit des Menschen verweist, während die Künstler (will man die gezeigten Werke einmal zusammenfassend sehen) den Begriff Vermögen nicht auf die Ausstattung des Kontos oder die Besitztümer beziehen, sondern auf die Fähigkeit, die man hat oder die man schult bzw. optimieren kann. Selbstloses Handeln darf dabei geprobt werden, das Kunstmuseum, das selbstverständlich auch Werke von ungeheurem Wert verwaltet, funktioniert eine Zeitlang auch als Plattform, auf der der Besucher einfach einmal das hergibt, was andere gut gebrauchen können, sei es eine Sportausrüstung oder ein Kochgerät.

Wertigkeit

Der Funktionswert solcher Dinge ist genau genommen höher als der eigentliche Wert eines Geldscheines, der nur aus Papier, Farbe und Textilien besteht. Ob das auch für die Kunst gelten könnte, fragt mit Marcel Broodthaers
eine bekannte Persönlichkeit: „Ich bezweifle tatsächlich, dass es möglich ist, eine seriöse Definition der Kunst zu geben, so lange wir die Frage nicht unter einer Konstanten untersuchen, ich meine die Transformation der Kunst in Ware. Dieser Prozess ist heutzutage bis zu dem Punkt akzeleriert, wo künstlerische und kommerzielle Werte austauschbar sind“, hielt er fest und ist hier mit Goldbarren und deren Nachdrucken präsent.

Und so machten sich Anja Kirschner und David Panos schon 2012 nach Griechenland auf, um an Stätten, an denen erstmals Münzen entstanden, einen Quell des Wertewandels zu suchen und den Weg wie das Ziel kreativ festzuhalten.

Die Ausstellung ist bis 21. Mai im Kunstmuseum in Vaduz zu sehen. Das Rahmenprogramm reicht räumlich und zeitlich weit darüber hinaus: www.kunstmuseum.li