Von Offenheit, die allen gleichermaßen zusteht

Kultur / 10.02.2017 • 17:44 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Lisa Elsässer, geboren 1951 im Kanton Uri, schreibt Lyrik und Prosa und wurde mehrfach ausgezeichnet.  Foto: Rotpunktverlag
Lisa Elsässer, geboren 1951 im Kanton Uri, schreibt Lyrik und Prosa und wurde mehrfach ausgezeichnet. Foto: Rotpunktverlag

Die Weltliteratur hatte schon vieles beizutragen zum Thema Ehebruch. Lisa Elsässer legt nach.

ROMAN. (bs) Was Klassikern wie „Madame Bovary“, „Effi Briest“, „Anna Karenina“ und vermutlich den meisten Ehebruch- und Fremdgeh-Bearbeitungen gemeinsam ist, ist die Konzentration auf die Frage, was das außereheliche Verhältnis mit der Ehe, was die Heimlichtuerei mit den Ehebrechern macht. In „Fremd gehen“ der Schweizer Autorin Lisa Elsässer gibt es keine Heimlichtuerei. Die liebende, verheiratete Frau schreibt, schon mitten in ihrer außerehelichen Geschichte steckend, ihrem Geliebten: „Ich bin zornig, weil Du
nicht wirklich verstanden hast, dass diese für mich unabdingbare Offenheit uns allen, allen gleichermaßen zusteht, unabhängig von

unseren Ängsten.“ Aber von vorne: Julia, verheiratete Lektorin, Mutter von drei schon großen Kindern, lernt auf einer Tagung Lino kennen. Aus den E-Mails und Briefen, die sie auszutauschen beginnen, entwickelt sich schnell Sympathie, dann Verliebtheit. Von Beginn an ergreift Julia die Initiative: Sie gesteht ihm ihre Liebe, sie thematisiert eine außereheliche Beziehung, sie treibt ihre Gemeinsamkeit voran. Lino bleibt der Zögernde, der Bedenken-Habende, der Abwartende. Sie treffen sich schließlich für mehrere Tage und aus der theoretischen Affäre wird eine auch körperliche.

Linos Partnerin trennt sich von ihm, als sie von Julia erfährt. Julias Mann denkt nicht an Trennung, nur bei ihm bleiben solle sie, sagt er. Seine Großzügigkeit liegt nicht nur darin begründet, dass er selbst vor Jahren eine Affäre hatte, nein, in dieser Ehe wird Treue anders verstanden. Treue bedeute nicht, das eigene Leben aufzugeben und sich im anderen festzubeißen, wird Hannah Arendt schon im Motto zum Roman zitiert.

Die Offenheit, die Julia verlangt und lebt, betrifft natürlich auch ihren Freundeskreis – und da ist es mit dem Verständnis schnell vorbei, man rät ihr zu Pfarrer und Psychiater, ihrem Mann natürlich dazu, sie zum Teufel zu jagen. Julias und Linos stürmische Liebesgeschichte endet nach sehr vielen Briefen und nicht allzu vielen Treffen in Freundschaft.

Von Offenheit, die allen gleichermaßen zusteht

Lisa Elsässer: „Fremd gehen“,
Edition Blau im Rotpunktverlag,
181 Seiten.

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