Wo die wilden Tiere wohnen

Kultur / 22.02.2017 • 19:28 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Blick in die Ausstellungshalle des Forums Würth mit Tiergemälden namhafter Künstler wie Robert Longo oder Xenia Hausner. Foto: Sammlung Würth
Blick in die Ausstellungshalle des Forums Würth mit Tiergemälden namhafter Künstler wie Robert Longo oder Xenia Hausner. Foto: Sammlung Würth

Das Forum Würth verschreibt sich den nächsten Verwandten des Menschen.

Rorschach. Nein, es bellt und miaut nicht, man hört kein Muh und kein Mäh, kein Hase hoppelt durch die Gänge, kein Pferd galoppiert übers Gelände und der Tiger ist zwar mächtig, aber auch er faucht nicht. Die „Menagerie“, mit der die große Tierschau ins Forum Würth in Rorschach lockt, versammelt in einer weitgefassten Auswahl vielmehr Gemälde, Zeichnungen, Grafik und Skulpturen aus der umfassenden Kollektion des Sammlerehepaars Carmen und Reinhold Würth.

Fotografisch inszeniert

Nach „Premiere“ und „Waldeslust“ ist „Menagerie“ die bereits dritte Ausstellung in der Ostschweizer Kunstdependance des internationalen Konzerns, der mit Schrauben nicht nur eine Erfolgsgeschichte geschrieben hat, sondern es zum Weltmarktführer gebracht hat. Von Weltrang ist auch die total rund 16.000 Positionen umfassende Sammlung Würth, die in Rorschach zwischen See und Bahnhof nun in einem Ausschnitt und auf 600 kostenlos zugänglichen Quadratmetern alles Mögliche, das quer durch die jüngere Kunstgeschichte kreucht und fleucht, zusammenführt.

Wie sehr sich unsere Vorstellungen vom Tier und unser Verhältnis zu unserem nächsten Verwandten und ältesten Begleiter über die Jahrhunderte kulturgeschichtlich gewandelt haben, davon zeugen gleich zu Beginn der Ausstellung die „Helden“ in den fotografischen Stillleben der Schweizer Künstlerin Nadin Marie Rüfenacht. Die irritierende Faszination des gejagten und getöteten Tiers und das moralisierende Moment als Nachdenken über die Vergänglichkeit werden von der Schweizer Künstlerin in hochartifiziellen Inszenierungen neu interpretiert. In einzelnen Ausstellungskapiteln werden die vielfältigen Aspekte des Themas gebündelt – wie die Rolle des Tieres im Surrealismus, die anhand einer umfassenden Werkgruppe von Max Ernst (1891–1976), darunter mit „Der Vogel Janus“ eine der letzten Bronzen des Künstlers oder die mit Schmetterlingen bemalten Holztüren aus dem Haus des französischen Dichters und Freundes Paul Eluard, in allen Facetten dargestellt werden.

Liebestod

Was passiert beim Transfer vom Foto in die Zeichnung?, fragt die auf den ersten Blick fotorealistische Kohlezeichnung des New Yorker Künstlers Robert Longo, die erschreckend real und doch seltsam anders in technischer Perfektion, Übergröße und dramatischem Hell/Dunkel den Kopf eines Tigers zeigt. Während Kunst für Longo die „Verlangsamung des Moments“ meint, setzt Pop-Art-Papst Andy Warhol, der sich im Spätwerk mit berühmten Renaissance-Gemälden befasst hat, auf Ausschnitthaftigkeit, wenn er farbenfroh Paolo Uccello zitiert, aber nicht den heiligen Georg in Ritterrüstung darstellt, sondern auf das Porträt der Prinzessin und ein Detail aus dem Drachenflügel fokussiert. Im Kapitel „Das Tier als Symbol“ sitzt der Bronze-Hase des walisischen Bildhauers Barry Flanagan als „Großer Denker auf Computer“, derweil zwei Art-Genossen durch den Skulpturenpark tänzeln. „Kein Mensch ist so treu wie sein Hund“, meinte der britische Maler David Hockney, und auch die österreichische Malerin Xenia Hausner (1951) inszeniert in ihrem Gemälde „Liebestod“ als Anspielung auf Richard Wagner farbstark und tatsächlich zum Sterben schön eine Szene mit Schäferhund. Eine persönliche Auseinandersetzung mit dem Tod des Vaters, spricht auch die Nähe der Künstlerin zum Theater aus dem beeindruckenden Format.

Ein Affe als Wappentier

Das Tier als Gefährte, speziell der Affe als Wappentier, begleitet auch den deutschen Maler Jörg Immendorff (1945-2007), der sich in erzählerisch angelegten Werken mit Gesellschaft, Politik und Kultur auseinandersetzt. Tief- und Abgründiges paaren sich in den eigenwilligen Werken des Österreichers Peter Sengl mit Humor, und auch Dieter Krieg, aus Lindau stammend, setzt auf die Nachahmungsfähigkeit des Affen und thematisiert zugleich die mimetische Funktion der Kunst. Dürers Hasen, umgesetzt als Skulptur „Karnickelköttelkarnickel“, eifert der großartige Dieter Roth (1930-1998), der die Schönheit des Verfalls, die Ästhetik von Schimmel und den Geruch von Schokolade in die Kunst brachte, in organischen Endprodukten nach. Weitere Kapitel befassen sich mit der Entfremdung des Tieres, mythologischen Themen, dressierten Tieren oder der Rolle von Mensch und Tier im Kreislauf der Natur und machen Würths Tierleben in der Schau zu einem sehenswerten und vor allem sehr unterhaltsamen Bestiarium, das nicht zuletzt auch viel über den Menschen verrät, der dicke Krokodilstränen weint, schimpft wie ein Rohrspatz oder schnurrt wie eine Katze.

Wo die wilden Tiere wohnen
Wo die wilden Tiere wohnen
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Wo die wilden Tiere wohnen

Geöffnet im Forum Würth, Churerstraße 10, in Rorschach, bis
3.Februar 2019, Oktober bis März, jeweils Di bis So, 11 bis 17 Uhr, April bis September, täglich, 10 bis 18 Uhr.

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