Hölle in der Welt der Worte gesichtet

Kultur / 23.02.2017 • 22:45 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
„Inferno“ von Rafael Spregelburd wurde gestern Abend im Kleinen Haus des Vorarlberger Landestheaters uraufgeführt. Foto: VN/Koehler
„Inferno“ von Rafael Spregelburd wurde gestern Abend im Kleinen Haus des Vorarlberger Landestheaters uraufgeführt. Foto: VN/Koehler

Das Landestheater darf sich ein „Inferno“ zumuten. Entsprechende Schauspieler hat es.

Bregenz. Am Ende erklingt eine Roy-Orbison-Schnulze und die Schauspieler gehen hinaus auf die Straße, mit dem iPhone in der Hand, mit dem die Szene mitgefilmt wird. Draußen, hinter dem Theater am Kornmarkt in der Nähe des Sees, ist es in der Tat Nacht, die Straßen sind regennass. Die Uraufführungsbesucher wurden am gestrigen Donnerstagabend aber in eine staubtrockene Föhnstimmung entlassen. War also doch alles Fake, alles Täuschung? Ist niemandem mehr zu trauen?

Ein Stück wie „Inferno“ von Rafael Spregelburd, in dem solche Fragen die zentralen Themen sind, derart platt enden zu lassen, funktioniert als Absicht, wenn die 90 Minuten zuvor schon reichlich überdreht werden bzw. immer so weit ins Surreale, Überzeichnete, Comichafte kippen, dass der nächtliche Gang nicht als Pointe erscheint, sondern wie ein Abspann, hinter dem kein Schlusspunkt steht, sondern lediglich Ungewissheit.

Theologische Fragen

In Vorarlberg ist Rafael Spre­gelburd (geboren 1970 in Buenos Aires) durch die Farce „Alles“ bekannt, die exakt vor einem Jahr vom Theater Kosmos präsentiert wurde. Der Dramatiker hat international auch mit theologischen Fragestellungen reüssiert, so inspirierte ihn Hieronymus Bosch zu einem Stückzyklus über die sieben Todsünden. Dem 500. Todestag des niederländischen Meisters im Jahr 2016 hatte das Vorarlberger Landestheater die vergangene Spielzeit gewidmet. Im Fokus stand das Triptychon „Garten der Lüste“. Ein paar Überhänger gab es, die laufende Saison wurde beispielsweise mit „Paradies oder Nach Eden“, einer Kammeroper von Nana Forte nach einem Text von Maja Haderlap, eröffnet und seit dem Donnerstagabend bildet das Kleine Haus am Kornmarkt nun das Tor zur Hölle. Rafael Spregelburd, mit dem vor allem Dramaturgin Dorothée Bauerle-Willert schon länger kommuniziert, hat „Inferno“ im Auftrag des Landestheater-Intendanten Alexander Kubelka geschrieben, und zwar im September und Oktober 2016, heißt es in der Übersetzung, die bereits einen Verlag gefunden hat.

Verunsicherung

Nächstenliebe, Glaube, Hoffnung, Tapferkeit oder Mäßigung gilt es zu beweisen, um der Hölle zu entkommen. Mit sieben Tugenden sind die einzelnen Kapitel übertitelt. Im ersten bekommt der Reisejournalist Felipe Besuch von zwei Missionarinnen, die ihn ermahnen. Doch auch das ist Unsinn, denn die Hölle gibt es nicht mehr, die Hölle, das sind auch nicht die anderen, wie wir es von Sartre gelernt haben, die Hölle sichten wir heute in der Welt der Worte. Das unrechtmäßige Aneignen eines Textes ist im Vergleich zu dem, was dann kommt, nur ein kleines Übel, Spregelburd lässt diktatorische Zustände hereinwehen, Verunsicherung. Im Großen wie im Kleinen, im Privaten wie in der Politik. Kafkaesk wären die Zustände, wenn er sie nicht mit so viel Humor durchzogen hätte. Das nicht mehr Festlegbare setzt er auch in die Sprache um. Samt Absturzgefahr, denn würde man versuchen, die momentane Fake-News-Thematik deutlich hervorzukehren, dann wär „Inferno“ wohl jene Moralpredigt, die keiner braucht.

Das Landestheater hat das Stück in die Hände von Steffen Jäger gegeben. Dort ist es gut aufgehoben, mit Luzian Hirzel, David Kopp, Laura Mitzkus und Bo-Phyllis Strube, also mit der ganz jungen Truppe des Hauses, gelingt ihm eine Spielweise, die zwischen Ernst und Groteske mäandert und am Kaffeetisch mit Blümchengeschirr, Hornbrillen, Lockenperücken, einem Dildo, sich öffnenden Luken und Bogart-Film-Einblendungen nie außer Acht lässt, dass man jedweder Hölle wohl am besten mit Kreativität und Fantasie entkommt. Wer das akzeptiert, durchlebt einen feurigen Abend und gottlob kein reinigendes Purgatorium.

Nächste Aufführung am 4. März und weitere bis 17. Juni im Kleinen Haus am Bregenzer Kornmarkt:
www.landestheater.org

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