Sitze nicht im Rollstuhl, ich nutze ihn

Kultur / 24.02.2017 • 18:35 Uhr / 12 Minuten Lesezeit
Sitze nicht im Rollstuhl, ich nutze ihn

Ich bin keine, die dir das alles in schönen Worten sagen kann. Einen universitären Bildungsweg hatte ich nicht, ich komme aus der feministischen Schule meiner Freundinnen und Freunde. Mich feministisch zu bilden, empfand ich als empowernd. Dabei hatte ich lange Angst vorm Feminismus. Noch nicht mal das Wort in den Mund genommen habe ich. Weil: Das heißt doch lesbisch sein und dass man findet, Männer seien hormongesteuert und böse. Oder? Eine Freundin hat geantwortet: Es gibt nicht nur einen Feminismus – such dir deinen aus oder erfinde einen neuen. Ich sage es hier auf Tonband, damit alle mich hören können: Ich bin keine Feministin, aber …, das geht mir dermaßen auf die Nerven! Ich bin eine Feministin, und aus! Männer können meiner Meinung nach ebenfalls feministisch sein, wenn sie erkennen, dass Feminismus die Torte einfach nur gerecht aufteilen will. Gesamtgesellschaftlich sind wir davon noch ein Jahrhundert entfernt.

Alle geben sich wahnsinnig emanzipiert, aufgeklärt und alternativ – aber sobald ein Kind da ist, gibt’s kein Happy End. Männer nehmen sich nicht gleichermaßen in die Verantwortung. Libussas sozialer Papa Piet ist Choreograph einer Tanzkompanie. Ich toure als Tänzerin mit meiner eigenen. Unsere Organisationskommunikation läuft so ab: Da, da und da kann ich nicht, sagt er. Ich antworte: Das war keine Diskussion, das war »Du sagst mir, wann ich zu können habe«. Die Arbeit des Mannes ist mehr wert als die der Frau? Die Mutter soll automatisch zurückstecken? Gleichberechtigung bedeutet gelungene Teilung. Wenn auch er weiß, wann das Kind Elternsprechtag hat, wenn auch er mal die Kinderbetreuung organisiert, falls beide nicht können. Selbst wenn wir im ersten Anlauf scheitern, im zweiten Anlauf kann ich das mit Piet ausdiskutieren. Sogar nach unserer Trennung. Er könnte ja auch sagen: Interessiert mich einen Schmarrn, du wolltest das Kind. Aber er sagt: Danke, dass ich Libussas Papa sein darf.

Als gehbehinderte Frau wurde mir nicht gerade nahegelegt, Tänzerin zu werden. Aber: Fürs Tanzen muss man nicht gehen können. Und: Wenn ich nicht tanze, bin ich hungrig. Abgesehen davon gilt in den Augen meiner Familie Kunst sowieso nicht als Arbeit: Kunst kann man machen, falls nach getaner Arbeit Zeit übrig bleibt. Den meisten ist Kunst nix wert, oft nicht mal denen, die selbst Kunst machen. Von einem künstlerischen Beruf, das weißt du wahrscheinlich selber, kann man nicht leben. Wäre ich nichtbehindert, würde ich kellnern, so verdiene ich mein Geld als Mediatorin, ich mache Einzelsettings und Gruppen. Mein Hauptberuf, mein Berufungsberuf ist aber das Tanzen.

Früher habe ich zu mir gesagt: Wenn du schon behindert bist, sei wenigstens was Besonderes. Also war ich tüchtig und fleißig wie meine Familie, in der du nur etwas giltst, wenn du arbeitest – und so habe ich mich regelmäßig überanstrengt. Wenn mir Job und Mutterschaft zu viel werden, reagiert mein Körper bis zur absoluten Bewegungsunfähigkeit. Nichtbehinderten Menschen ist ja auch mal was zu viel, ich muss dann gleich ins Spital: Infusionen und ein paar Tage Ruhe. Wir selbstbestimmten behinderten Leute mögen es gar nicht, Schwäche zugeben zu müssen, aber mit fast fünfzig habe ich gelernt, mir zu erlauben, müde sein zu dürfen. Zum Tanzen bin ich – wie auch sonst … – über einen Kurs gekommen. Dieser Kurs war der Himmel auf Erden! Seit ich tanze, ist mein Körper etwas Positives! Er ist Arbeitsmaterial. Und – wenn auch nicht gut – ich werde fürs Angestarrt-Werden bezahlt. Auf der Bühne bewege ich mich in einem geschützten Raum. Ich gebe die Bedingungen vor, und zwar viel mehr als im Alltag, wo ich für die meisten bloß die bemitleidenswerte »Behinderte« bin. Ich bin nicht bemitleidenswert. Ich habe unendlich viele Privilegien. Wer weiß, vielleicht wäre ich ohne Behinderung nie Künstlerin geworden, und Künstlerin sein zu können, empfinde ich als Geschenk. Dann selbstverständlich, dass ich weiß bin in einer rassistischen Gesellschaft und ich die Staatsbürgerschaft eines hierarchisch hochstehenden Landes besitze. Und dass mich Menschen lieben, egal wie ich aussehe, mit Morgenmundgeruch, unfrisiert oder behindert.

 

Früher wurdest du als behinderte Person sofort institutionalisiert. Du musstest in einer Parallelwelt leben. Deshalb bin ich sehr froh, dass du für dein Buch auch eine Frau mit Behinderung befragst. Es ist nur zirka zehn Jahre her, dass die Frauenbewegung angefangen hat, behinderte Frauen mitzudenken. Dabei ist es wichtig, dass nichtbehinderte Frauen diesen Kampf mittragen. Und auch Männer. Und Geschichte ist wichtig: Welche Kämpfe wurden für mich ausgefochten? Es gibt wahrscheinlich kein Recht, das aus Einsicht und Zuvorkommenheit eingeräumt wurde. Alle Rechte müssen erstritten werden. Eigentlich absurd, sogar die Menschenrechte. Johanna Dohnal hat gesagt, dass Frauen für ihre Rechte selber kämpfen müssen, weil geschenkt werde ihnen nix. Bis zur Familienrechtsreform Ende der Siebziger etwa hatte nur der Ehemann die Erziehungsberechtigung, »väterliche Gewalt« wurde das genannt. Grausig! Das hat Johanna Dohnal mitabgeschafft. Miteingeführt hat sie die Fristenlösung. Irgendwas drittes Wichtiges kommt auch von ihr, aber das fällt mir jetzt nicht ein. Johanna Dohnal unterstelle ich sowieso alles Gute: Alles Gute kommt von Dohnal, hundertmal Johanna Dohnal! Sie ist mein großes Vorbild. Als Frau, als politische Frau, als Vorkämpferin. Dabei hat mir ihr Name lange gar nichts gesagt. Ich komme aus einer schwarzen Familie: Lieber tot als rot. Solche Sprüche. Dohnal war eine Rote. Mein zweites Vorbild ist meine Mama. Meine Mama lernt ständig Neues und verändert sich. Sie ist wach und fasziniert, und sie kann Fehler eingestehen. Meine Mama ist erst mit der Zeit eine Mutter geworden. Verspätet versucht sie, das auch mir zukommen zu lassen. Sie hasst Kochen, deshalb weiß ich, dass ihr Schweinsbraten eine Liebeserklärung an mich ist. Mama, ich bin auf Diät, sage ich dann, aber wenn ich zu dir komme, mache ich eine Ausnahme.

Gerade beim Gewicht dürfen wir Frauen nicht so streng sein mit uns selbst. Das Gefühl, dass wir uns zu dick fühlen, bekommen wir eingetrichtert. Bei mir ist das noch aus einem anderen Grund Dauerthema, seit ich sechs Jahre alt bin. Mein Papa hat immer gesagt: Du darfst nicht schwerer werden, Esther, wenn du schwerer wirst, kann ich dich nicht mehr tragen und dann musst du ins Heim. Heute weiß ich, dass das Spaß war, aber damals mein Herz so: Bumm, bumm, bumm, bumm! Seitdem ist gespeichert: Ich darf nicht dick werden! Ich darf nicht dick werden! Ich darf aber tatsächlich nicht zu schwer werden, sonst können mich meine Beine nicht mehr halten. Dass ich eine Mutter bin, die über Diäten nachdenkt, konnte ich vor meiner Tochter leider nicht verbergen. Gott sei Dank mag Libussa überhaupt nicht, wenn man sie als dünn beschreibt. Jetzt denke ich mir gerade: Ich gewöhne mir dieses Thema ab. Ich spreche nicht mehr über Gewicht. Es ist einfach nur lästig! Okay, wechsle du mal die Batterien und ich bestelle noch was. Soll ich dir einen Kaffee mitbestellen?

Was? Nein. Auf diese Frage will ich dir nicht antworten. Bisher habe ich ja nichts gesagt, was irgendwer nicht wissen dürfte. Und wer weiß, vielleicht findet mich ja einer deiner Leser toll. Ich finde überhaupt, dass dieses Buch Frauen und Männer lesen sollten. Aber diese Frage beantworte ich dir nicht. Solchen Leuten darf man keine Bühne geben! Die haben ja keinen Tau von nix! Als behinderte Person muss ich mir so viel anhören: Zu behindert fürs Wahlrecht – dich hätten’s abtreiben sollen – damals hätten’s dich vergast … Behinderte Leute gelten als Randgruppe. Und warum? Weil man uns nicht Teil der Gesellschaft sein lassen will! »Randgruppe« ist vollkommen wörtlich zu verstehen. An einem Tisch wird jedes verdammte Mal der Stuhl an der Ecke weggeschoben, um meinen Rolli genau dort zu platzieren: am Rand. Dabei könnten auch zwei Stühle in der Mitte weggenommen werden. Ich fackel da nicht lange herum und quetsche mich demonstrativ dazwischen. Ich will Teilgruppe sein. In einer Gesellschaft, in der diskriminiert wird, wird auch mittels Sprache diskriminiert. Auch zu diskriminierungsfreier Sprache gibt es Kurse, und natürlich verschiedene Meinungen. Aber Sprache zu reflektieren ist jedenfalls wichtig. Wir alle gebrauchen und missbrauchen sie tagtäglich. Die kam ja nicht irgendwann aus dem Boden geschossen und ist seither unverändert geblieben. Einmal sind zwei Burschen an mir vorbeigegangen, der eine hat in dem Moment, aber ohne mich zu bemerken, den anderen angeschnauzt: Bist behindert oder was? Ich habe mich grinsend eingemischt: Klar bin ich behindert.

Das ist der erste Punkt: Behindert sollte bei Behinderung bleiben. Weiters hat man zu lernen, dass man »geistige Behinderung« nicht mehr sagt, genauso wenig wie »mongoloid« oder das N-Wort, diese Zeiten sind vorbei. Was gerade wieder kommt, und ich weiß nicht, warum niemand was dagegen sagt, ist »Handicap«. Während der ganzen Para-Olympics – die ich bewusst nicht nur Paralympics nenne – war zu hören: Sportlerinnen und Sportler mit Handicap. Dabei üben die diesen Sport in dem Moment aus, egal mit welcher Behinderung, warum also Handicap? Und physical challenge? Vergiss es! Disability finde ich ganz okay. Was gar nicht geht, ist »behindert« im Hauptwort. Ich bin nicht »die Behinderte«. Ich bin ein Mensch, ich bin eine Frau – und ich bin, als Zusatz, behindert. Man könnte auch jeden und jede einzeln fragen, wie es ihnen lieb wäre, genannt zu werden. Ich sitze außerdem nicht im Rollstuhl, sondern ich nutze einen. Der Rollstuhl ist nämlich – wie alle diese Geräte – mobilitätsfördernd, nicht -einschränkend.

Heute zum Beispiel hat er mir ermöglicht, in dieses Kaffeehaus zu kommen.

Zur Person

Nadine Kegele

Geboren: 1980 in Bludenz, lebt in Wien.

Ausbildung: Bürolehre, zweiter Bildungsweg, Studium der Germanistik, Theaterwissenschaft und Gender Studies.

Tätigkeit: Schriftstellerin, Arbeit als Basisbildungstrainerin für Geflüchtete an der Volkshochschule Wien.

Auszeichnungen: zahlreiche Preise und Stipendien, u.a. Projektstipendium des BKA, Theodor-Körner-Preis und Publikumspreis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2013.

Publikationen: u. a. „Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hause“, Roman

Aus: Nadine Kegele: „Lieben muss man unfrisiert“, Protokolle nach Tonband, Verlag Kremayr & Scheriau.

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