Es passiert, „weil die Menschen dumm sind“

Kultur / 10.03.2017 • 22:33 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die Premiere von „Jugend ohne Gott“ fand gestern Abend im Theater am Kornmarkt statt. Foto: LT/Köhler
Die Premiere von „Jugend ohne Gott“ fand gestern Abend im Theater am Kornmarkt statt. Foto: LT/Köhler

Jugendliche haben ein probates Gegenmittel, nämlich ein kluges
Theaterstück.

Christa Dietrich

Bregenz. Nach dem Schlussapplaus im gut besetzten großen Haus am Kornmarkt erfolgte zwar der Start zum Clubbing, bei dem es bereits während des Abfassens dieser Zeilen sicher hoch herging. Zu verarbeiten werden die Besucher wie auch manche Mitwirkende an der gestern Abend erfolgten Premiere am Vorarlberger Landestheater sicher noch einiges haben, nicht ohne Grund griffen in letzter Zeit mehrere deutschsprachige Bühnen zur dramatisierten Fassung des 1937 erschienenen Romans „Jugend ohne Gott“ von Ödon von Horváth. Intendant Alexander Kubelka übertrug das Werk nicht nur dem in Leipzig ausgebildeten Regisseur Hannes Ru­dolph, der eine eigene Fassung erstellte, er vertraute auch darauf, dass dieser die harte Thematik mit nur einem Profi, nämlich dem Deutschen Michael Ransburg in der Rolle des Lehrers, und den Mitgliedern des Theaterclubs 16+ herauszuschälen vermag.

Bei diesem Theaterclub handelt es sich um eine seit vielen Jahren bestehende Einrichtung, bei der Kinder und Jugendliche in Altersgruppen unterteilt mit Literatur und deren Umsetzung auf der Bühne vertraut gemacht werden. Während die rund 60 Mitwirkenden im Vorjahr in einer gemeinsamen Produktion vor ihr Publikum traten, ist dieses Wochenende sozusagen verschiedenen Auftritten gewidmet. Nachdem die Ältesten (darum also die Bezeichnung 16+) seit Wochen an „Jugend ohne Gott“ probten und noch einige Folgeaufführungen vor sich haben, präsentieren sich die über 13-Jährigen unter der Leitung von Barbara Urstadt am Sonntag unter dem Titel „Schneeweiß“ am Kornmarkt, und die über Zehnjährigen erobern unter Nina Fritsch den Bregenzer Martinsturm, wo sie am Samstag das zeigen, was sie zum geschichtsträchtigen Bauwerk zu sagen haben.

Einige der besten Aspekte der Produktion „Jugend ohne Gott“ findet man im Übrigen nicht nur auf der Bühne, wo der Text mit verschiedenen theatralischen Mitteln umgesetzt wird, sondern auch im Programmheft. Die Frage, inwieweit die Zustände, die Ödön von Horváth hier in den Jahren der Diktatur bzw. vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in Deutschland aufzeigt, auch heute sichtbar sind, beantworten die jungen Mitwirkenden sehr differenziert. Eine Tendenz zur Toleranz gegenüber antidemokratischen Bestrebungen gäbe es, heißt es da. Und es könne passieren, „weil die Menschen einfach dumm sind“. So, das sitzt.

Hohen Anspruch erfüllt

„Jugend ohne Gott“ ist ebenso eine Zustandsbeschreibung wie ein Kriminalroman. In Tableaus verweist Regisseur Hannes Rudolph, unterstützt von Choreografin Brigitte Jagg, auf Drill und Unterwerfung. Dass der Lehrer die Rolle des Erzählers nie verlässt, betont das Beispielhafte dieses Bildes einer Gesellschaft, der die Empathie abhanden gekommen ist. Dass wir dennoch nie das Interesse an der Handlung verlieren, unterstreicht die große Leistung des Teams, zu dem die Ausstatter Tobias Schunck und Birgit Künzler zählen, die Versatzstücke aus der Zeit sehr dosiert einsetzen und so mit den in unterschiedliche Rollen schlüpfenden Jugendlichen eine Aufführung gestalten, die mit gestischen Effekten, Dialekteinschüben, mit Chor­elementen und kleinen Einzelszenen, mit Spontaneität, Tanz oder überraschenden Auftritten aus der Versenkung hohe Ansprüche erfüllt. Und zwar hinsichtlich des Textes und hinsichtlich einer so gut wie nahtlosen Eingliederung von enorm begabten Amateuren in ein Profi-Team.

Weitere Aufführungen am 14. März im Theater am Kornmarkt. Nächste Jugendclub-Projekte: 11. März, 14 und 16 Uhr, im Bregenzer Martinsturm: www.landestheater.org