Auseinanderzentrifugierte Menschen

17.03.2017 • 18:08 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
„Kasimir und Karoline“ in der Regie von Philipp Preuss, ausgestattet von Ramallah Aubrecht. Foto: APA
„Kasimir und Karoline“ in der Regie von Philipp Preuss, ausgestattet von Ramallah Aubrecht. Foto: APA

Philipp Preuss und Ramallah Aubrecht durchleuchten „Kasimir und Karoline“.

Christa Dietrich

Wien, Bregenz. Die Liebe findet nur wenig Platz in den Stücken von Ödön von Horváth. Das gilt auch für das 1932 uraufgeführte Werk „Kasimir und Karoline“, das sich nach der Weltwirtschaftskrise der späten 1920er-Jahre am Münchner Oktoberfest abspielt. Der Ort kennzeichnet somit jegliche Vergnügungsstätte oder die Vorstellung davon, die Zeit ist immer gegeben. „Vor der Krise ist nach der Krise“, sagt der aus Vorarlberg stammende Regisseur Philipp Preuss. Im Vergleich zu den „Geschichten aus dem Wiener Wald“ desselben Autors haben die Voraussetzungen für Mann und Frau hier kein Ablaufdatum. Karoline ist nicht Opfer eines ihr verweigerten Mindestbildungsangebots. Man spüre so eine Sehnsucht in sich, meint sie und weiß schon, dass man danach wieder mit gestutzten Flügeln auf dem harten Boden der Realität landet. Karoline dennoch eine kleine Perspektive verliehen zu haben, ist ein Verdienst der Regiekonzeption. Man geht zumindest davon aus, dass sie die Erniedrigungen, die dieser Merkl Franz seiner Erna angedeihen lässt, nicht so hinnimmt wie diese, die mittlerweile in Kasimir einen Ansprechpartner gefunden hat. Wobei gerade die Kommunikationsfähigkeit das ist, was Ödön von Horváth seinen Figuren abspricht.

Für Preuss zeichnet sich hier, nämlich mit diesen Floskeln, die verwendet werden, der eigentliche Gehalt des Stückes ab. Zu Manierismen könnten sie verführen, das klammert der Regisseur auch nicht aus. So wie er die Videoeffekte einsetzt, wie seine Spieler direkt in die Kamera zu sprechen haben, entsteht bereits eine künstliche Ebene, ein Innenbild der Figuren sozusagen, dem man mit großem Interesse folgt, weil es dem bekannten Horváth-Mechanismus neue Aspekte hinzufügt.

Stets gegenwärtig

Subsumieren lässt sich das unter dem Begriff des stets Gegenwärtigen. Wirtschaftskrise, soziale Ungerechtigkeit, Menschenverachtung und eine Geschlechterkonstellation, die die Frau in die Rolle der in jeder Hinsicht Dienenden drängt, sind die Vorlagen, Menschen, die genausogut 80 Jahre später nach Ausweitung ihrer Möglichkeiten trachten, stehen nun im Wiener Volkstheater auf der Bühne, wo Stefanie Reinsperger als Karoline das jeweils vielschichtige Spiel auf die Spitze treibt, ohne die Balance zu gefährden. „Das Paar wird auseinanderzentrifugiert“, nennt es Preuss. Mit der Bregenzerin Ramallah Aubrecht, die mit ihm zahlreiche Produktionen an großen deutschen Theatern umsetzte, hat er allerdings eine Bühnenbildnerin, die Kirmes-Lichter mit LED umsetzt und damit eine Dichte und Kraft erreicht, die dieses Werk im wahrsten Sinne des Wortes neu durchleuchtet.

Nächste Auführung des Stücks am 21. März und zahlreiche weitere im Wiener Volkstheater: www.volkstheater.at