Britten weint man viele Tränen nach, Elgar eher wenige

20.03.2017 • 21:40 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
BBC Symphony Orchestra mit Julia Fischer und Juanjo Mena im Rahmen der Meisterkonzerte im Bregenzer Festspielhaus. Foto: Mathis
BBC Symphony Orchestra mit Julia Fischer und Juanjo Mena im Rahmen der Meisterkonzerte im Bregenzer Festspielhaus. Foto: Mathis

Das BBC Philharmonic Orchestra mit Begleitmusik zum Brexit bei den Meisterkonzerten.

Bregenz. Ist es ein Zufall, dass im Zeitalter des Brexit bei den Meisterkonzerten der Saison 2016/17 gleich drei britische Ensembles zu hören sind? Zuerst „The Sixteen“, nun das BBC Philharmonic mit einem fast ausschließlich englischen Programm und im April das London Symphony. Die BBC unterhält an verschiedenen Orten sechs Symphonieorchester, in Bregenz spielte das in der Region Manchester in Nordengland ansässige, das auf britische und zeitgenössische Musik spezialisiert ist, unter der Leitung seines spanischen Chefdirigenten Juanjo Mena.

Atemlose Spannung

In der einleitenden Ouvertüre zu Webers „Euryanthe“ gelang es noch nicht, die Qualitäten des Orchesters ins rechte Licht zu rücken, das Ganze geriet etwas beiläufig. Das änderte sich schlagartig mit den ersten Tönen des Violinkonzerts in d-moll von Benjamin Britten: Paukenschläge im Piano, samtig-geheimnisvolle Streicher und dann der makellose Geigenton von Julia Fischer – hier herrschte von Anfang bis Ende atemlose Spannung.

Das nicht allzu häufig gespielte Konzert ist kompositorisch höchst reizvoll und technisch schwierig – Haifetz hat es vor der Uraufführung 1940 in den USA für unspielbar erklärt –, sodass selbst eine Weltklassegeigerin wie Fischer nicht auswendig spielte. Die drei Sätze gehen ohne Pause ineinander über, geradezu überirdisch schön klang der Mittelteil mit den vielen Flageolettstellen, die der Solistin ebenso mühelos gelangen wie die raffinierten Glissandi, Doppelgriffe und Pizzicati mit der linken Hand. Der Klang ihrer Guadagnini-Geige von 1742 hat trotz aller Wärme etwas silbrig Schlankes, das besonders den elegischen Partien des Werkes sehr zugute kam. Nun war auch das Orchester in seinem Element: Hingewiesen sei nur auf das Wechselspiel der beiden Piccoloflöten mit der Sologeige. Viele im Publikum hatten sicher noch die „wilde“ Kopatchinskaya in Erinnerung, die im Jänner das Tschaikowskij-Violinkonzert effektvoll, aber manchmal geradezu überdreht gespielt hatte. Fischer ist ein ganz anderer Typus: seriös, hochkonzentriert und ganz im Dienst des Werkes. Das Publikum dankte mit Jubel und erhielt als Zugabe die Sarabande in d-Moll von Bach.

Kompositorische Schwächen

Diese Intensität zu halten gelang nach der Pause mit Elgars Symphonie Nr. 2 nicht mehr. Das ohnehin schon groß besetzte Orchester wurde auf acht Kontrabässe aufgestockt und mit zwei zusätzlichen Harfen versehen. Doch trotz der Neugier auf dieses unbekannte Werk, trotz des engagierten Spiels des Orchesters (hier taten sich besonders das tiefe Blech und die tiefen Streicher sowie die Oboe hervor) und des umsichtigen Dirigats von Mena, trotz mancher effektvoller Passagen wie der Schlagwerk-Attacke im 3. Satz kam keine rechte Begeisterung auf. Dazu ist das Werk kompositorisch zu wenig dicht; manchmal klingt es fast wie Filmmusik. Freundlicher, etwas müder Applaus. Die leider unverständlich angesagte Zugabe klang wie ein irisches Volkslied. Falls nach dem Brexit keine englische Musik mehr in Europa gespielt wird: Britten wird man viele Tränen nachweinen, Elgar etwas weniger.

Nächstes Bregenzer Meisterkonzert am 26. April mit dem London Symphony Orchestra unter Francois-Xavier Roth mit Werken von Debussy und Bruckner.