Einst selbst am Fließband gestanden

Kultur / 24.03.2017 • 22:24 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Vorarlberger Kunsthistoriker Rudolf Sagmeister hat mit renommierten Kollegen Österreich porträtiert.

Salzburg. (VN-cd) Er hatte ein Studium absolvieren können, aber Fabriksarbeit ist Rudolf Sagmeister nicht fremd. Aufgewachsen quasi im Fabrikshof eines
kleinen lebensmittelverarbeitenden Familienunternehmens, hat er Arbeitsbedingungen hautnah miterlebt. Auch der Werdegang war nicht nur privilegiert, in den Ferien stand er ebenso am Fließband wie viele Arbeiter und Kommilitonen, die ihre Ausbildung mitfinanzieren. Den Lkw-Führerschein zu machen, erwies sich als günstig, der mittlerweile seit Jahrzehnten als Kunsthistoriker, Autor, Forscher und Kurator am Kunsthaus Bregenz Tätige verdiente die ersten seiner Gehälter nicht als Wissenschaftler oder im Kunstbereich, sondern schön brav als Auslieferer von Konserven.

Das Gefühl für Lohnarbeit bei Körpereinsatz bzw. das Wissen um Arbeitsorganisation und Produktionsplanung nicht verloren zu haben, mag ihm im Kunsthaus Bregenz aber entgegenkommen. Man kennt Rudolf Sagmeister dort als einen, der mitanpackt und profitiert beim Produzieren von Projekten, Aufbauten und Podien von seinem Fachwissen über die Vorarlberger Industrie.

Österreich porträtiert

„ÖsterreichBilder“ heißt ein Projekt des Verlags Fotohof. Namhafte Fotokünstler, darunter Paul Albert Leitner, Nora Schoeller und Kurt Kaindl, sollten das Land für ein Buch, das nun mit Texten in Deutsch und Englisch aufliegt, porträtieren. Rudolf Sagmeister, der bislang kunsthistorische Themen fotografisch dokumentiert hat oder jeden Künstler im KUB bei Aufbauarbeiten porträtierte, wurde beauftragt, die Industriearbeit festzuhalten. Die Unternehmen kennt er sowieso, in Gesprächen mit den Arbeitern hat er das Vertrauen gewonnen und so lernen wir die Menschen kennen, die in Vorarlberg Maschinenteile, Stoffe, Kleidung oder Lebensmittel produzieren. Übrigens: Auf 700 Teigzöpfe kommen die Flechter im führenden Vorarlberger Backwarenbetrieb pro Stunde. Ihr Herkunftsland ist unter anderem Afghanistan. Individuelle Arbeitsplatzgestaltung ist nirgendwo, das heißt, auch beim Maschinenbauer oder Leuchtenhersteller mehr möglich. Ein wenig Individualität stellen die Arbeiter etwa durch bunte Kennzeichnung der zugelassenen Trinkwasserflaschen her.

Den „ÖsterreichBildern“ der Fotokünstler hat das Salzburg Museum, in dem schon vor Jahrzehnten eine Foto-Sammlung aufgebaut wurde, eine Ausstellung gewidmet. Sie ist so informativ wie überraschend und so berührend wie sehenswert.

Der Vorarlberger Kunsthistoriker und Fotokünstler Rudolf Sagmeister hat die Vorarlberger Industriearbeitswelt dokumentiert. Fotos: Sagmeister
Der Vorarlberger Kunsthistoriker und Fotokünstler Rudolf Sagmeister hat die Vorarlberger Industriearbeitswelt dokumentiert. Fotos: Sagmeister

Die Ausstellung ist im Salzburg Museum bis 14. Mai, Di bis So, 9 bis 17 Uhr, geöffnet. Bildband im Verlag Fotohof.