Weltgeschichte an den Schicksalen der Familie

24.03.2017 • 16:58 Uhr / 2 Minuten Lesezeit
Natascha Wodin wurde in Leipzig ausgezeichnet.  Foto: dpa
Natascha Wodin wurde in Leipzig ausgezeichnet. Foto: dpa

Natascha Wodin bringt Licht in ein Leben voller Schrecken in den Diktaturen Stalins und Hitlers.

Roman. Es ist mehr als ein halbes Jahrhundert her, dass sich Natascha Wodins von Nazis aus der Ukraine verschleppte Mutter das Leben nahm. Gut 70 Jahre nach ihrer Geburt begibt sich die Autorin auf eine späte Spurensuche. Wer war ihre Mutter, die als Zwangsarbeiterin aus der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg in ein Arbeitslager in Leipzig kam? Ihre Mutter, die in der Ukraine erst die Hungersnot unter Diktator Josef Stalin und dann Hitlers Krieg überlebte und sich 1956 im Alter von 36 Jahren in den Tod stürzte. In ihrem mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichneten Buch „Sie kam aus Mariupol“ zeichnet Wodin mit epochaler Sicht und sprachlicher Wucht Weltgeschichte an den Schicksalen ihrer Angehörigen nach. Ein Roman, der zutiefst erschüttert. „Um mich in den Augen der deutschen Kinder aufzuwerten, hatte ich ihnen erzählt, meine Eltern, für die ich mich so schämte, seien gar nicht meine wirklichen Eltern…“, schreibt Wodin. Lange haderte sie, die 1945 in Bayern als Kind heimatloser Ausländer zur Welt kam, demnach mit der eigenen Herkunft.

Über das Internet und mit Hilfe eines Stammbaumforschers spürt Wodin entfernte Verwandte in der Ukraine und in Russland auf. Puzzle um Puzzle entsteht das Bild einer Familie, die mit jedem Foto auch ihre eigene wird. Eine einst wohlhabende Familie, die im Zuge der Revolutionen vor 100 Jahren und der Machtergreifung der Kommunisten alles verliert. Diese Menschen machen in Mariupol Terror, Säuberungen, Hunger und Krieg durch.

Natascha Wodin: „Sie kam aus Mariupol“, Rowohlt,
368 Seiten