Dem Kitsch mit Witz begegnet

02.04.2017 • 18:58 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Szene aus „Fellinis Schiff der Träume“, neu inszeniert bzw. interpretiert am Vorarlberger Landestheater in Bregenz. Fotos: LT/Köhler
Szene aus „Fellinis Schiff der Träume“, neu inszeniert bzw. interpretiert am Vorarlberger Landestheater in Bregenz. Fotos: LT/Köhler

„Fellinis Schiff der Träume“ erfährt am Landestheater musikalische Aufwertung.

Christa Dietrich

Bregenz. Die Wagnerianer im Premierenpublikum dürften nicht glücklich geworden sein, doch um astreines Intonieren ging es weder Boris Fiala, der die Musik und die Arrangements für die Produktion „Fellinis Schiff der Träume“ verantwortete, noch Erwin Belakowitsch, der als Mitwirkender in der neuen Produktion des Vorarlberger Landestheaters auch Partien aus „Lohengrin“ oder „Tannhäuser“ kraftvoll kompetent anzustimmen hat. Wie klug man nun aus den hier etwas tiefer gelegten Abschiedsgesängen „Mein lieber Schwan!“ oder „O du, mein holder Abendstern“ wird, sei hintangestellt, in Kombination mit „La Paloma“ und anderen, nicht minder dummen, Schlagern wird bald klar, wohin die Reise geht.

Schon Federico Fellini verwies im Hinblick auf seinen 1983 präsentierten Film „E la nave va“ (übersetzt mit „Fellinis Schiff der Träume“) darauf, die im Jahr 1914 vorwiegend unter Bühnenkünstlern spielende Handlung nicht zu konkret als Untergangsszenario zu deuten. Der Truppe, die privilegiert lebt bzw. gelebt hat, sich auf eine Seereise begibt, um einer verstorbenen Primadonna des dreigestrichenen F zu huldigen und sich hier von der Realität nach und nach entfernt, haftet nicht unbedingt etwas Dekadentes an, aber auf jeden Fall etwas Skurriles, Humorvolles, Aberwitziges. Der Ton ändert sich zwar etwas, wenn serbische Schiffbrüchige an Deck kommen und daran erinnern, dass ein greiser Habsburger mit einer Kriegserklärung gerade ein großes Gemetzel in Gang gesetzt hatte, nach dem die Landkarte völlig anders aussah, so richtig zum Bruch kommt die Stimmung aber ohnehin nicht.

Gefahren umschifft

Die Fahrt der eitlen Selbstbespiegler, die das Ereignis wie erstaunte Kinder beglotzen, um bald darauf kein sonderliches Interesse mehr daran zu haben, mit der Situation im heutigen Europa zu vergleichen, ist nicht nur etwas kurz gegriffen, diese Sicht wäre auch banal. Nach mit viel Sozialkritik aufgeladenen Inszenierungen von „Fellinis Schiff der Träume“ an den Münchner Kammerspielen oder am Hamburger Schauspielhaus mag man bestenfalls zum Schluss kommen, dass es auch heute Theater- bzw. vor allem Musiktheaterleute gibt, die in einem geschützten Kokon leben. Die Frau Generaldirektor, die sich von ihrem Chauffeur zur Oper bringen lässt und damit die Gehälter der Intendanten und Regisseure sichert, repräsentiert lediglich einen winzigen Teil der Gesellschaft, den Bernd Liepold-Mosser auf seinem Dampfer, auf dem der Name „Europa“ prangt nun zwar auch im Visier hat, auf den er aber nicht wirklich zielt.

Fellinis Filmsprache hat verschiedene Ebenen, wird eine davon weggelassen, wird der Kitschfaktor rasch sichtbar. Um diese Gefahr zu umschiffen, gibt es neben Adaptierungen im Text ein musikalisches und choreografisches Konzept. Das Vorarlberger Ensemble Plus (bei der Premiere mit Michaela Girardi, Sabine Türtscher, Andreas Ticozzi und Julia Ammerer besetzt) nimmt vor dem abstrahierten und leicht in Schieflage geratenen Bug (Ausstattung: Karla Fehlenberg) wie ein Bordorchester Platz, spielt Mozart und Dvorak, Schumann oder Vivaldi und gebietet dem bornierten Maestro, der exaltierten Sängerin, dem überheblichen Sir Reginald oder der überspannten Lady Violet nicht nur Einhalt, die Musik wird zur Basis eines Theaters, mit dem Bernd Liepold-Mosser an Handke-Inszenierungen oder auch an dessen Regieanweisungen erinnert.

Choreografie-Theater-Profis

Was hat man davon? Neben der wunderbaren Begegnung mit Tamara Stern, die ihre Sologesangsnummer im perfekten Maß überzeichnet, enthält die Produktion bis hin zum Verdi-Chor enormen Witz, der uneingeschränkt genossen werden kann, wenn das gesamte Ensemble (neben den Erwähnten sind das Thomas Schmidt, Jele Brückner, Daniel F. Kamen, Katja Uffelmann, David Kopp, Alexander Ebeert und Luzian Hirzel) aus absoluten Choreografie-Theater-Profis besteht. Daraus bezieht die Inszenierung auch ihren Tiefgang.

Nächste Aufführung am 7. April im Theater am Kornmarkt in Bregenz und mehrere weitere: www.landestheater.org