Ein Pianist und ein Dirigent im Heimspiel unter Freunden

02.04.2017 • 18:58 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Guntram Simma und Aaron Pilsan waren Zugpunkte für ein
volles Kulturhaus.

DORNBIRN. Namen wie Guntram Simma und Aaron Pilsan haben bis heute nichts von ihrer Zugkraft verloren, das Kulturhaus ist beim Abo am Samstag wieder einmal voll besetzt. Abgesehen davon, dass die beiden in einem „Heimspiel unter Freunden“ live zu erleben waren, erfolgte die Uraufführung eines Werks des Vorarlbergers Wolfgang Lindner.

Diese war eigentlich dem Dornbirner Jugendsinfonieorchester zu einer Zeit zugedacht, als Simma dort noch residierte. Doch es kam nie zu einer Aufführung, vielleicht auch, weil die neue Komposition des seit 40 Jahren am Konservatorium als Dozent für Schlagzeug tätigen Wolfgang Lindner (65) für dieses Ensemble doch eine Nummer zu groß gewesen wäre. So hat Simma sein „Collegium Instrumentale“ mit Freunden, von denen die meisten wie viele heutige Profis durch seine Schule gegangen sind, auf ein stattliches Symphonieorchester von etwa 70 Musikern aufgestockt und damit die Basis geschaffen, damit diese „Selbstbetrachtungen“ für Tenor und Orchester nach Texten des Egger Autors Norbert Mayer nun ihre Feuertaufe bestehen können.

Idealbesetzung

Das Warten hat sich gelohnt. Es ist ein freches, kurzweiliges Orchesterlied mit viel philosophischem Wortwitz in Hochdeutsch und Dialekt über den römischen Kaiser Marc Aurel und dessen Weltbild, das im urigen Refrain „Nimm de sealb und luag rings um, los uf di und weaf net um!“ gipfelt. Lindner hat dazu Klänge gefunden, deren Wurzeln irgendwo zwischen Mahler und Ligeti liegen und weit über eine bloße Illustration hinausreichen. Die inhaltliche Auseinandersetzung des Schlagzeugers mit dem Text gibt zartesten Regungen Raum, gipfelt aber mit sechs Perkussionisten in der oft dominierenden Rhythmik, die in großer Eigenständigkeit den Sprachrhythmus unterstreicht. Das Stück verdankt seine Wirkung neben dem toll gemeisterten Orchesterpart auch der Idealbesetzung des Soloparts mit dem bei uns als Chorleiter und Pädagoge bekannten Martin Lindenthal. Er ist am Mikrofon der hellstimmige klassische Tenor ebenso wie der im Sprechgesang gewandte Rapper, garniert seine Stimmakrobatik mit „Beatboxing“ (Imitation von Drumcomputer-Beats), „Body-Percussion“ in Tarzan-Manier und einem Megaphon. Ein umwerfender Eindruck!

Ideales Gespann

Danach wird es dafür total klassisch, mit Beethovens drittem Klavierkonzert c-Moll, dessen auf Melodik und Dramatik ausgerichtete Spielweise dem Solisten Aaron Pilsan (22) ebenso ein Anliegen ist wie seinem Mentor Guntram Simma (68), an dessen Musikschule er bei Ivan Karpati den ersten Unterricht erhielt. Trotz des Altersunterschieds von zwei Generationen, Pilsans steiler Karriere und Simmas Unruhestand sind „Die Zwei“ ein ideales Gespann. Hier der im vollen Saft seiner Jugend befindliche angehende Starpianist mit großer Geste, Selbstbewusstsein und Bescheidenheit zugleich, dessen brillante Technik immer mehr einer zunehmenden Reife untergeordnet wird; dort der langjährige, erfahrene Orchestererzieher, der genau weiß, was er dem Solisten und den Musikern zumuten darf, um sie zu fordern, aber nicht zu überfordern. Das Ergebnis ist ein Beethoven, wie man ihn sich in solch kraftvoller Intensität, Kompetenz und Schönheit nur wünschen kann. Chopins Etüde op. 10/3 als Zugabe haben manche Zuhörer noch als Rudolf-Schock-Schnulze „In mir klingt ein Lied“ aus dem Wunschkonzert im Ohr und beginnen mitzusummen.

Bis ins Detail

Das Finale gehört dann ganz Guntram Simma und den Seinen, die mit César Francks Symphonie in d-Moll die Ansicht dieses Komponisten unterstreichen, dass man auch nach Beethoven durchaus noch etwas symphonisch Gültiges schreiben könne. Der Dirigent macht bis ins Detail die polyphone Verarbeitung deutlich, hält seine Musiker aber auch zu großer spätromantischer Klangentfaltung an. Dennoch hat Franck nach Beethoven und Pilsan beim Publikum einen schweren Stand, der Schlussapplaus bleibt bloß noch freundlich. Es geht für alle zum verdienten Getränk.

Pianist Aaron Pilsan mit dem Collegium Instrumentale, Komponist Wolfgang Lindner und Guntram Simma. JU
Pianist Aaron Pilsan mit dem Collegium Instrumentale, Komponist Wolfgang Lindner und Guntram Simma. JU

Nächstes Konzert Dornbirn Klassik: 27. April, 19.30 Uhr, Südböhmische Kammerphilharmonie Budweis unter Jan Talich, Christian Altenburger, Violine