Die Leiden der jungen Charlotte, die nie die Wahl hatte

Kultur / 04.04.2017 • 18:56 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Anna Stéphany als Charlotte und Juan Diego Flórez in der Titelrolle in „Werther“. Foto: Opernhaus/Prammer
Anna Stéphany als Charlotte und Juan Diego Flórez in der Titelrolle in „Werther“. Foto: Opernhaus/Prammer

Musikalisch hochkarätig und inszenatorisch spannend präsentiert sich Massenets „Werther“ .

ZÜRICH. (tb) Man sollte diesen „Werther“ nicht als Sakrileg an Goethe betrachten, wie das in Deutschland lange geschehen ist. Eine Neubewertung der 1892 uraufgeführten Oper des Franzosen Jules Massenet ist inzwischen freilich ohnehin geschehen, und welche Stärken diesem Werk tatsächlich innewohnen, lässt sich gerade jetzt in Zürich erleben.

Wie aus einer anderen Welt fällt bei der Regisseurin Tatjana Gürbaca die Titelgestalt in ein biederbürgerliches Wetzlar, um dort die allzu früh in eine Mutterersatzrolle gedrängte älteste Tochter des verwitweten Amtmanns, eines achtfachen Vaters, zum Objekt der Sehnsüchte zu machen. Wir werden zu Zeugen nicht nur der Leiden des Schwärmers, der sich selbst mindestens so sehr liebt wie die schon an den honetten Albert Vergebene, sondern auch der „Leiden der jungen Charlotte“. Bei Gürbaca wird deutlich, dass Charlotte, deren Mutter sie am Sterbebett hat schwören lassen, Albert zum Ehemann zu nehmen, nie die Möglichkeit besaß, selbst zu entscheiden, was sie aus ihrem Leben machen will. Von dem seltsam irrealen jungen Werther wird sie nun in Sehnsuchtsbezirke entführt, was bei ihr Schuldgefühle auslöst. Sie fühlt sich schließlich sogar verantwortlich dafür, dass Werther sich eine Kugel in den Kopf geschossen hat.

In der Raumkapsel durchs All

Klaus Grünberg hat für die Beengtheit in Wetzlar einen auch im Wortsinne engen Bühnenraum mit Holzwänden, Kassettendecke und Regalen bauen lassen. Wobei das Ganze eine Wunderkammer ist und sich weiten kann: indem plötzlich Ballgäste hereinschlüpfen, Schnee oder Glitter hereinweht und hinter einer Wand eine Orgel erscheint. Und vor allem: als in der finalen Szene der Raum zur Raumkapsel wird! Bei geöffneten Fenstern und Türen fährt diese durchs sternenübersäte All.

Die Titelpartie wird von Juan Diego Flórez gestaltet, und der vor allem als Rossini-Spezialist berühmt gewordene peruanische Starsänger vermag sie in seiner zweiten szenischen Vergegenwärtigung der Rolle in allen ihren Facetten auszuloten. Er benötigte am Premierenabend zwar eine kleine Aufwärmphase, um auf seinem Tenor-Instrument ganz geschmeidig und fokussiert zu „musizieren“, aber dann gelangen ihm auch schon ein balsamisches Legato und unforciert tragfähige Forte-Passagen. Anna Stéphany war Flórez eine singdarstellerisch ebenbürtige Partnerin und ließ in ihrem Rollendebüt als Charlotte einen bald strömend-fülligen, bald zu feinen Piani abschattierten, immer wunderbar sauber geführten Mezzosopran hören.

Der 37-jährige Cornelius Meister, ab 2018 Generalmusikdirektor an der Staatsoper Stuttgart, dirigiert hiermit bereits seine dritte „Werther“-Produktion. Und das war auch der Philharmonia Zürich anzuhören, die in dieser Erstinterpretation nach der quellenkritischen Ausgabe der Partitur gegen Vorurteile von einem parfümiert-sentimentalen Massenet anspielte. Die vielen kleinräumigen Wechsel in der Dynamik wurden sauber ausgehorcht. Und immer wieder ließ Meister hörbar werden, dass Massenet von Wagner gelernt hat.

Nächste Aufführung am 5. April und zahlreiche weitere:
www.opernhaus.ch
Dauer: ca. zweidreiviertel Std.