Sitzengelassenes aufgewertet

05.04.2017 • 17:46 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Für die neue Werkgruppe von Uta Belina Waeger, die im Vorarlberg Museum kolossal dargestellt wird, bilden gebrauchte Kleinmöbel als Fundobjekte die Basis. Foto: VN/Paulitsch
Für die neue Werkgruppe von Uta Belina Waeger, die im Vorarlberg Museum kolossal dargestellt wird, bilden gebrauchte Kleinmöbel als Fundobjekte die Basis. Foto: VN/Paulitsch

Die Künstlerin Uta Belina Waeger möbelt das Atrium des Vorarlberg Museums auf.

BREGENZ. Neues Design braucht das Land. Und Kunst sowieso. In Zeiten von schwindenden Ressourcen und wachsenden Müllbergen aber bitte möglichst ohne ökologischen Fußabdruck. Wie das gehen kann? Die Dornbirner Künstlerin Uta Belina Waeger macht es vor, verheißt gar Glücksgarantie und wagt sich künstlerisch auf neues Terrain, genauer gesagt, exakt an die Schnittstelle zwischen Kunst und Design. Für Uta Belina Waeger, seit rund drei Jahren mit der Erweiterung ihres eigenen Kunstbegriffs befasst und schon viel länger um Nachhaltigkeit und Wiederverwertung bemüht, stellt die Unternehmung „Von der Kunst zum Design und zurück. Ein unwiderstehliches Experiment“  und eine künstlerische Rundumerneuerung dar, deren Ergebnisse nun im Atrium des Vorarlberg Museums zu sehen sind.

Zweites Ich

Für die neue Werkgruppe, die unter dem eigens kreierten Label „Belina Re-Design“ entstanden ist, bilden gebrauchte Kleinmöbel als Fundobjekte die Basis. Von der Gesellschaft bereits Konsumiertes und wieder Ausgeworfenes, durchgesessene Stühle und sitzengelassene Sessel, ausgeleuchtete Lampen, auf Dachböden und Flohmärkten gesammelt und zusammengetragen, werden zu neuem Leben erweckt. Ihren zweiten Vornamen wie ein zweites Ich ins Spiel bringend, besinnt sich Uta Belina Waeger auf ihre Leidenschaft für Handwerk und Haptik, die ihr Künstlersein neben einem tiefen philosophischen Ansatz maßgeblich mitprägt.

„Ich brauche Hirn, Herz und Hand“, sagt sie und verwandelt gebrauchte Möbel in „Skulpturen mit Nutzwert oder Design mit künstlerischem Mehrwert“. Restauriert, aufgemöbelt zum Schauobjekt, bleibt die Funktion erhalten, oder wird gar verbessert. Nicht Zusammengehörendes wird vereint.

Defekte Sitzflächen werden komfortabel weich gepolstert oder aber durch Nespresso-Kapseln zur „Masseuse“, angefügte Taschen und Hüllen bieten Stauraum und zusätzlichen Gebrauchswert, Filzbälle fordern zur aktiven Teilnahme am „Kugelspiel“ auf, Krawatten umzingeln einen Barhocker, ein Pullover wird tatsächlich zum saisonal austauschbaren Überzieher, Stuhlbeine stecken in Stiefeln, Modell „Dessous“ gibt sich vielversprechend und „Hausdame und Herrendiener“ bilden ein illustres Paar.

Schoßhündchen

Neben der neu gewonnenen Freude am manuellen Tun, der ungewohnten Farbigkeit und ihrem ironischen Humor, führt Uta Belina Wager aber auch Elemente aus ihrem früheren Schaffen weiter, wie das Verhäuten und Umhüllen. Die Materialien erfahren hingegen eine fantasievolle Erweiterung. Vielfältig und bunt kommen Alttextilien, ausgemusterte Gürtel, Musterkollektionen vergangener Jahre, Fellreste, Filzabschnitte, aufbewahrte und jetzt in Streifen geschnittene und verhäkelte Plastiksäcke und vieles mehr zum Einsatz. Einzige Bedingung: Es soll sich um „grünes“, sprich gebrauchtes Zubehör handeln. Im Atrium auf einem umlaufenden, schrägen Podest sehr stimmig präsentiert, erfährt die multifunktionale, absurd-übersteigerte Stuhlherde durch eine Serie von Hockern, die zusammen mit früheren Arbeiten in einem nach oben offenen, hoch in den Raum ragenden Regal­system gezeigt werden, eine Erweiterung.

Wie vom Himmel gefallen

Da auch die Spender der Hocker mittels kleiner Fotografie vorgestellt werden, erfährt man, dass das „Schoßhündchen“ einst einer gewissen Rosmarie gehörte, oder Irmas alter Hocker nun mittels Geheimfach zum „Secret Service“ avanciert.

Wie auf eine andere, parallele Existenz der Dinge verweisen auch die Schatten der unfertigen, im großen Atrium von der Decke hängenden und wie vom Himmel gefallenen Objekte.

Zur Person

Uta Belina Waeger

Geboren: 1966 in Lustenau

Ausbildung: Akademie der bildenden Künste und Universität für angewandte Kunst in Wien, Pratt Institute New York

Laufbahn: seit 1992 zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland, Kunst-am-Bau-Projekte, 1. Preis beim Kunst-Kirche-Bewerb 2003, Stipendien u. a. für Prag, Tokyo

Tätigkeiten: zahlreiche internationale Lehraufträge, Symposiumsleiterin, Kuratorin

Wohnort: Dornbirn, München

Die Ausstellung wird im Vorarlberg Museum, Kornmarktplatz 1, in Bregenz, am Freitag, 7. April, um 17 Uhr eröffnet. Geöffnet bis 2. Juli, Di bis So, 10 bis 18 Uhr, Do, 10 bis 20 Uhr.