Von der Kunstkomfortzone bis in die Krisenregionen

06.04.2017 • 17:26 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Die nur alle fünf Jahre stattfindende Weltkunstschau documenta wurde gestern in Athen mit einer Performance eröffnet.  Foto: AFP
Die nur alle fünf Jahre stattfindende Weltkunstschau documenta wurde gestern in Athen mit einer Performance eröffnet. Foto: AFP

Ein raunender Chor hat die Weltkunstschau documenta eröffnet.

Athen, Kassel. Es raunt und stöhnt, grunzt und zischt. Auf der Bühne sitzen die Künstler der documenta 14 und die Verantwortlichen der größten Kunstausstellung der Welt. Bei der Voreröffnung am Donnerstag sind sie Teil einer Performance. Auch der künstlerische Leiter Adam Szymczyk gurgelt und gluckst mit.

Die Aktion ist gut gewählt, um eine documenta in ein Bild zu fassen, bei der fast alles anders ist als bisher. Zum ersten Mal seit 1955 wird die Ausstellung nicht in Kassel, sondern an einem anderen Ort eröffnet: in Athen. Das Kuratorenteam, das nach der Performance zwei Stunden lang sein Konzept erläutert, versteht das als politisches Statement: raus aus der Kunst-Komfortzone Mitteleuropas hin zum krisengeschüttelten Rand des Kontinents.

Gesellschaft von Menschen

Aber die eigenen Themen kommen mit. Freunde des 2006 in Kassel ermordeten NSU-Opfers Halit Yozgat treten beim Festakt ans Mikrofon und plädieren für eine Überwindung von Nationen und den Aufbau einer „Gesellschaft von Menschen“.

Ist das Kunst? Für den aus Polen stammenden Kopf der documenta 14 schon. Zum Programm gehören Musik und Tanz, Film und Debatten, Radiosendungen und Fernsehprogramme, politische Aktionen, Essen, Trinken, Spazierengehen und so viele Performances wie nie zuvor. Die ganze Stadt soll 100 Tage lang zur „sozialen Skulptur“ werden.

Der documenta-Stadtplan listet 37 Schauplätze auf, vier große Institutionen und massenhaft Off-Locations. Wer wann was wo macht in den nächsten 100 Tagen in Athen, muss der Besucher gründlich recherchieren, oder sich einfach treiben und überraschen lassen. Schon am ersten Tag stellen die meisten fest: macht Spaß. Im Hof des Konservatoriums stößt man auf die Installation „European Everything“ des samischen Künstlers Joar Nango: ein improvisiertes Zeltlager, das auf Fellen und Decken, in Zelten und Unterständen zum Chillen einlädt, Live-Rap inclusive. Im Keller hat die türkischstämmige Nevin Aladag ein Orchester aus zu Instrumenten umgebauten Möbeln aufgebaut.

Maria Lassnig

Nicht zuletzt ist, wie berichtet, Österreichs Kunst stark vertreten, etwa mit dem Tiroler Lois Weinberger, der nun in Griechenland ein „Trümmerfeld“  aus den persönlichen Ausgrabungen rund um sein Elternhaus im Tiroler Stams errichten wird. Und prominent im Rahmenprogramm rangiert die Malerin Maria Lassnig.

In Athen läuft die documenta bis 16. Juli, in Kassel findet sie vom 10. Juni bis 17. September statt: www.documenta14.de