Wiener Würstel sind (k)ein Klischee

06.04.2017 • 17:44 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
„Heldenplatz 2015“: Im September 2015 und im Februar 2016 war Martin Parr mit seiner Kamera in Wien unterwegs.  Foto: Museum/Martin Parr
„Heldenplatz 2015“: Im September 2015 und im Februar 2016 war Martin Parr mit seiner Kamera in Wien unterwegs. Foto: Museum/Martin Parr

Der britische Fotograf Martin Parr bringt „Cakes & Balls“ ins Flatz-Museum.

DORNBIRN. „Cakes & Balls“. Kuchen und Bälle. Kann man die klischeebehaftete Vorstellung der österreichischen Hauptstadt schöner als in diesen zwei Worten ausdrücken? Ja, man kann, und zwar in Fotos. Der dies tut, und so gar keine Angst vor Klischees hat, ihnen im Gegenteil um den ganzen Erdball hinterher reist, ist der britische Fotograf Martin Parr. Im September 2015 und im Februar 2016 war Martin Parr mit seiner Kamera in Wien unterwegs. Auszüge aus der dabei entstandenen jüngsten Fotoserie „Cakes & Balls“ sind nach dem Kunsthaus Wien nun im Dornbirner Flatz-Museum zu sehen.

Im Supermarkt um die Ecke

Seit den 1970er-Jahren, seit 1982 kompromisslos in Farbe, richtet der Magnum-Fotograf seinen scharfen Blick auf die Welt. Im Fokus seiner Betrachtungen stehen die Banalitäten, Extreme, Kuriositäten und tiefen Abgründe des Alltags. Das eigentlich nicht-Bildwürdige fängt Martin Parr schonungslos ein, entlarvt mit einer äußerst dezenten Prise britischen Humors unbarmherzig Klischees, um dann gnadenlos abzudrücken. Es wird nicht inszeniert oder beschönigt, die Schnappschüsse wirken irgendwie absichtslos, beiläufig, lassen schmunzeln, weil es Bilder und Szenen sind, die jeder zu kennen glaubt, und doch liegt ihnen eine bitterböse Wahrheit zugrunde, die auf den zweiten Blick häufig unangenehm peinlich berührt. Bekannt geworden ist Martin Parr in einer Zeit, als sich die Fotografie als Kunstform endgültig etablieren konnte. Seinen internationalen Durchbruch verdankte er der Serie „The last Resort“ aus der Mitte der 1980er-Jahre, für die er britische Strandurlaubsszenen auf seine schrecklich schöne Art, häufig mit Blitz, ablichtete. Dass es viele seiner Kollegen in die Krisen- und Kriegsgebiete zieht, lässt ihn unberührt. Ihn zieht es in den Supermarkt um die Ecke, in die Mitte der Gesellschaft. Oder er reist im Sog der Touristenströme um die Welt. Dort findet er jene Wirklichkeit vor, die er als Dokumentarist und Sozialkritiker zeigen möchte. Mit dem Einzug der Farbe in die Fotografie sind seine Fotos kritischer geworden. Sie zeigen fast food, Plastikverpackungen, halten Blicke und Gesten fest, verweisen auf Verschwendung und mangelnde Nachhaltigkeit. Immer aber ist der Mensch das eigentliche Motiv des Künstlers. Ob Martin Parr ein Menschenfreund ist, sei dahingestellt, wenn er sagt: „Es gibt nichts Komischeres, Schöneres und auch Gruseligeres, als Menschen zu beobachten.“

Chronist der Zeit

In Wien hat der Künstler gemäß seinem Konzept die klassischen, von Klischees besetzten Orte besucht: den Prater, den Stephansdom, das legendäre Gänsehäufel, einen Heurigen, die Kaffeehäuser und die Bälle. Er fotografierte unappetitlich große Schnitzel und das Würstel vor dem Dekolleté einer Ballbesucherin, den Kellner im Café Central oder die beiden Asiatinnen, die sich fünf Tortenstücke bestellt haben und sie auf dem Tisch abfotografieren. Er lichtet das Rosinenstriezel-Flechten in der Konditorei Aida ab, das Ehepaar Rudolf und Traude Strobl in der Kleingartensiedlung, die fotografierenden Touristen im Stephansdom, die Debütantinnen oder die schillernden Gäste des Rosenballs. Rund dreißig Arbeiten von der Fotosafari aus der österreichischen Hauptstadt sind in Dornbirn zu sehen, dazu eine Pappfigur des Künstlers, in dunklem Anzug und mit Mascherl, die anlässlich eines Ballbesuchs in Wien entstanden ist und sich nahtlos in jene Serie von skurrilen Selbstporträts fügt, die der Künstler seit vielen Jahren von sich selbst an den verschiedensten Orten der Welt macht. Für Kuratorin Verena Kaspar-Eisert vom Kunsthaus Wien stellt Martin Parr als Chronist unserer Zeit auch ein Bindeglied zwischen den Generationen in der Fotografie dar. Für die gebürtige Vorarlbergerin, die seit vielen Jahren in Wien lebt, wird es aber auch interessant zu beobachten, wie man den Wiener Klischees, seziert und unbarmherzig aufgetischt, wie das den Teller überlappende Schnitzel, im Ländle begegnet. Identifiziert man sich, kann man über das Gezeigte schmunzeln oder fühlt man sich ertappt und das Lachen bleibt einem im Hals stecken? Es ist wohl von allem ein bisschen, denn Gänsehäufel, Schrebergarten und Café Central sind überall.

Zur Person

Martin Parr

Geboren: 1952 in Epsom/London

Ausbildung: Manchester Polytechnic

Laufbahn: zahlreiche internationale Ausstellungen, Veröffentlichungen von Fotobüchern, seit 1994 Mitglied der renommierten Fotoagentur Magnum, Professur für Fotografie an der University of Wales Newport, Kurator und Sammler

Auszeichnungen: u. a. Eric Solomon Award, Baume et Mercier Award, Royal Academy Award

Wohnort: Bristol/GB

Die Ausstellung wird im Flatz-Museum, Marktstraße 33, in Dornbirn, heute Freitag, 7. April, eröffnet. Geöffnet bis 22. Juli, Fr, 15 bis 17 Uhr, Sa, 11 bis 17 Uhr, sowie nach tel. Vereinbarung unter 05572/3064839.