Einchecken im Künstlerhaus

07.04.2017 • 18:01 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Gschwendtner-Wölfle simuliert im Künstlerhaus eine Hotelsituation.
Gschwendtner-Wölfle simuliert im Künstlerhaus eine Hotelsituation.

Vier Künstler bieten eine unterhaltsame Reise durch das Palais Thurn und Taxis.

BREGENZ. Mit den Vorarlberger Künstlern Ruth Gschwendtner-Wölfle, Anton Moosbrugger, Irene Dworak-Dorowin und Christian Gerstenmayer sind im Bregenzer Künstlerhaus vier eigenwillige Statements zu sehen, die zwischen Hotelzimmer, Wälderbähnle, Ikonenmalerei und Graffiti eine unterhaltsame Reise durchs Haus, zwischen temporärem Verweil und Ankunft, versprechen.

Einchecken im „Peace­arthotel“ meint Ruth Gschwendtner-Wölfle. Die 1950 in Augsburg geborene, seit 1986 in Vorarlberg lebende, in vielen Bereichen, vom Gesang über Performance bis hin zur visuellen Poesie und Installation tätige Künstlerin simuliert im Künstlerhaus eine Hotelsituation. Ihre Themen, die sie mit Lust und Energie anpackt, sind keine geringeren als „Friede, Kunst, Leben“. Den Frieden nicht als gottgegeben betrachtend, sondern als Übung in Achtsamkeit und Wahrnehmung, zu der die Kunst und jeder Einzelne beitragen können, hat sich Ruth Gschwendtner erst einmal im Haus umgeschaut. Auf ihrer fotografischen Spurensuche hält sie Details wie Strukturen, Farbspiele der letzten Ausstellung, Risse in der Wand auf kleinformatigen Bildtafeln fest. Diese können sofort aus der Ausstellung mitgenommen werden, ebenso wie die in Acryl gegossenen Friedensnüsse, -fische oder -sprüche, die sie im Dining­room aufgetischt hat. Komplettiert wird das Angebot im „Peacearthotel“, durch einen mit Kunstwundertüten bestückten Kunstkiosk, eine Lounge, in der ein Begleitprogramm mit Jugendlichen stattfinden wird, oder aber einen Lese- und Meditationsraum. Die Ausstellung soll einen ersten Impuls geben, konkrete Kunst-am-Bau-Projekte wären eine mögliche Fortsetzung. Der Gedanke, an einem solchen Ort des Friedens einfach einchecken zu können, hat etwas Verlockendes, die Realität vor der Tür draußen ist (noch) eine andere.

Jüpplerinnen

In eine eigene Welt, bodenständig und fantastisch, entführt auch der Bregenzerwälder Künstler Anton Moosbrugger (1942). Das Vehikel dazu ist das Wälderbähnle, das sein Denken und Tun seit frühester Kindheit nachhaltig geprägt hat. Der „Bahnhof Juppental“ ist Verkehrsstrategie und Vision zugleich auf einer hölzernen Staffelei, die dem Vater Moosbruggers gehörte und wie so vieles ein Verweis auf die Biografie des Künstlers, die mit allem eng vernetzt ist. Die Passagiere im Zug sind Begleiter auf der Lebensreise, während die bretternen Jüpplerinnen aus sturmgefällten Fichten als Statistinnen das Bähnle und das Schaffen Moosbruggers seit einiger Zeit begleiten. Fromm, aber nicht glücklich, mit gepacktem Koffer, kollaborieren sie in jüngster Zeit mit Muslimas, verschleiert, mit Kopftuch zur internationalen Frauentruppe und im Kampf gegen jüngst gewählte Mächte (Donald Trump) lässt Anton Moosbrugger gar den Erzengel Michael aufmarschieren. Liebevoll gearbeitete Details, wie die von der Mellauer Trachtenstickerin Marianne Bischof gefertigte Bahnhofsuhr, konterkarieren den rustikalen Moosbrugger‘schen Modus und sorgen für noch mehr Komplexität.

Ikonenmalerei und Graffiti

Ganz in der Tradition der Ikonenmalerei, was Technik und Malweise anbelangt, entstehen die Bilder von Irene Dworak-Dorowin (geboren 1951 in Wien). Das Werk der in St. Gerold lebenden und arbeitenden Künstlerin, die neben Grafik und Malerei auch Theologie studiert hat, ist nicht-figurativ, von archaischen Grundformen und einer meditativen Grundstimmung getragen. Die Materialien sind symbolhaft: Erdfarben und Pigmente bilden einen Kontrast zu Blattgold, das entweder im Bild verarbeitet wird oder in Glasröhrchen der Oberfläche zu dreidimensionalen Effekten verhilft, Wachs verschmilzt unter Einwirkung von Hitze das scheinbar nicht miteinander zu Vereinbarende. Neben dem Tryptichon „Sacred Ground“, das als Hauptwerk die Ausstellung übertitelt und einen Rückzugsort markiert, hat Irene Dworak-Dorowin in der Black Box fast einen kleinen Andachtsraum eingerichtet, in dessen Zentrum drei Reise-Ikonen stehen.

Vogelmenschen

Das urbane Leben, die Stadt, stellt dagegen die Inspiration für Christian Gerstenmayer dar. Der 1963 geborene Bregenzer hat sich nach Jahren als Illustrator, Texter und Grafikdesigner wieder auf seine Ursprünge besonnen und widmet sich der Zeichnung und Malerei. Was ihn interessiert, sind die Inszenierung von Farbe, die Materialreaktionen von „billigem“ Packpapier, vor allem aber die Gegensätze zwischen dem exakt gezogenen, feinen Bleistiftstrich, dem breiten Duktus des Pinsels und dem spontanen Gestus der Spraydose. Der Ästhetik und der „Schnoddrigkeit“ von Graffiti verpflichtet, möchte der Künstler auch klassische Motive wie Akte ins Medium Graffiti übertragen, während Objekte wie die „Dornbirn“ ihren Namen wörtlich nehmen und Serien wie „Vogelmenschen“ und „Besserwisser“ zu kleinen Seitenhieben auf die Gesellschaft geraten.

In eine eigene Welt entführt auch Anton Moosbrugger.
In eine eigene Welt entführt auch Anton Moosbrugger.
In eine eigene Welt entführt auch Anton Moosbrugger.
In eine eigene Welt entführt auch Anton Moosbrugger.
Christian Gerstenmayer hat sich wieder auf seine Ursprünge besonnen und widmet sich der Zeichnung und Malerei. Fotos: ag
Christian Gerstenmayer hat sich wieder auf seine Ursprünge besonnen und widmet sich der Zeichnung und Malerei. Fotos: ag