„Noch ein klein Plaisir mir machen“

07.04.2017 • 16:55 Uhr / 6 Minuten Lesezeit

Sie sind so vergnüglich wie informativ und ob sie wirklich zusammenpassen, ist wurscht. 

Christa Dietrich

Wien. „Wenn ich den Tag schon opfre doch rein nur Vergnügens Sachen, so will ich wenigst‘ abends noch ein klein Plaisir mir machen. (. . .) Am Tage nämlich tu ich mal‘n und abends tu ich dichten.“ Der diesen genauso naiven wie von Selbstironie durchzogenen Reim verfasste, heißt Carl Spitzweg, lebte gut situiert in Bayern und hinterließ weniger Zeilen als Bilder. Mit diesen war er so erfolgreich, dass auch jenen Menschen Motive wie „Der Bücherwurm“, „Der arme Poet“ oder „Der Kaktusliebhaber“ ein Begriff sind, die ihre Kindheit nicht in mit Kalenderbildchen dekorierten Stuben verbrachten. Dass in den Szenen, die Bausparkassen, Versicherungen oder Einkaufsmärkte auf diesem Weg unters Volk brachten, mehr steckt als biedere Beschaulichkeit, ist längst wissenschaftlich kommentiert.Spitzweg (1808–1885) lernte brav den Beruf des Apothekers, mischte Tinkturen und Salben, um seine Zeitgenossen von allerlei Gebrechen zu kurieren, verlegte sich aber, sobald das finanzielle Polster ausreichte, aufs bissige Hantieren mit Stift, Pinsel und Farbe.

Der strickende Soldat

Die porträtierten Sehnsüchte fanden Gefallen und Absatz, blieb das Spöttische, das Sozialkritische oder gar Subversive (man betrachte nur einmal die strickenden Soldaten neben den bereits mit Moos bewachsenen Kanonen) hinter dem scheinbar Harmlosen doch sehr lange als explizit nicht Genanntes im Verborgenen.

Damit ist es längst vorbei.Dass Spitzweg Begierden darstellte oder die Abschottung des Spießbürgers von der Außenwelt ebenso aufzeigte wie die Sublimierung, bereitet beim Betrachten des „Kaktusliebhabers“ besonderes Vergnügen. Ein Angehöriger des Bürgertums schilt die Heuchelei und hält nicht verdeckt, auch aus eigenen Schwächen zu schöpfen. 

Lustiges über die Lust

Ist Carl Spitzweg somit ein Vorläufer von Erwin Wurm (geb. 1954) und damit jenes Bildhauers, der Österreich heuer bei der Biennale in Venedig vertritt? Eher nicht. Das Leopold Museum mit Kurator Hans-Peter Wipplinger wagt dennoch eine Gegenüberstellung und könnte auch ohne das auffallende Plakat, das Wurm mit einer Zitrone im Mund kniend in Anspielung auf eine umstrittene Hitler-Skulptur des italienischen Künstlers Maurizio Cattelan zeigt, davon ausgehen, dass das weiße Gebäude im Wiener Museumsquartier wieder einmal ein besonderer Anziehungspunkt ist. „Köstlich! Köstlich?“, so der Titel, bezeichnet sowohl die Mitglieder jener Schicht, die sich mehr oder weniger gebildet, an schönen Sachen delektieren und dabei gerade so viel Selbstkritik zulassen, wie es zum Amüsement gehört. Spitzweg ist damit recht gut getroffen, mitunter geht der Spott in seinen Bildern aber weiter.

Wenn wir den „Kaktusliebhaber“ aus dem Jahr 1850 betrachten, dann blicken wir ins Zimmer eines Eigenbrötlers, auf dessen Boden sich Magazine stapeln, die auf Bildungseifer schließen lassen. Das Augenmerk des Bewohners richtet sich aber nicht auf die Umwelt, sondern auf eine kleine rote Blüte. Das eigentliche Thema tritt im einige Jahre später entstandenen „Kaktusfreund“ noch viel deutlicher zu Tage. Hier hat sich ein alter Herr bereits gänzlich zurückgezogen. Hohe Mauern umgeben den Garten, in dem ebenfalls ein stacheliges Ding blüht. Die Form mag Aufschluss geben, Spitzweg macht sich lustig über die Lust, Erwin Wurm spricht die Dinge aus. „Ärgerbeule“ heißt eine 2007 entstandene Skulptur, die einen Kopflosen zeigt, während der Grund für die zu eng gewordene Hose eindeutig erfahrbar ist. Dass die Kakteen des Malers, der in der Kunstgeschichte die Rolle eines Einzelgängers einnimmt, in der groß angelegten Ausstellung mit den berühmt gewordenen Gurkerln von Wurm in Verbindung gebracht werden, mag man nachvollziehen. Das naturgetreu nachgebildete Gemüse ist bei Wurm eindeutig sexuell konnotiert, er bezeichnete die vor knapp zehn Jahren entstandene Skulpturenserie aber auch als Selbstporträts.

Gar nicht bieder

Dass man irgendwann zu dem werde, was man isst und dass viele viel zu fett sind, zählt zu den oftmals getätigten Aussagen des Österreichers, der Menschen wie Autos Speckwülste angedeihen ließ, der eine Kartoffel als Nahrungsmittel der Ärmeren als Riesenskulptur aufblähte und bei dem Polizistenkappen ein bedrohliches Ausmaß annehmen. Gibt es bei Spitzweg und Wurm überhaupt Gemeinsamkeiten? Nicht wirklich, aber während der eine Begierden, Enge und Ängste subtil in die Szenen aus Stadt, Land und Jagd mischte, thematisiert der andere neben der weitaus schärferen Sicht auch den Kunstbegriff an sich. Sein „Narrow House“, seine bildgewordene Verlogenheit, die man unter anderem bereits im Kunstraum Dornbirn betrachten konnte, hat mittlerweile etwas Ikonenhaftes. Im Vorfeld von Wurms Auftritt in Venedig sind Ausstellungen mit seinen Arbeiten (zu denen auch jene im Kunsthaus Graz zählt) genauso ein Coup wie das Angebot zur Begegnung mit einer Fülle von Spitzweg-Bildern, die weit mehr sind als ein Plaisir.

Strickende Wachposten schon 1855, Spitzwegs Spaziergänger, Kaktusblüten und Wurms „Adorno als Oliver Hardy“ und „Wittgenstein‘s Space Warp“.  Foto: Leopold Museum, VN/Dietrich
Strickende Wachposten schon 1855, Spitzwegs Spaziergänger, Kaktusblüten und Wurms „Adorno als Oliver Hardy“ und „Wittgenstein‘s Space Warp“.  Foto: Leopold Museum, VN/Dietrich

Die Ausstellung ist im Leopold Museum in Wien bis 19. Juni täglich
10 bis 18 Uhr geöffnet.