Schnapsschüsse oder Wie die Nacht die Form verliert

07.04.2017 • 16:55 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Von Katharina Klein wird ein zweites Kurzdrama im Kosmodrom des Kosmos Theaters uraufgeführt. Foto: VN/Paulitsch
Von Katharina Klein wird ein zweites Kurzdrama im Kosmodrom des Kosmos Theaters uraufgeführt. Foto: VN/Paulitsch

Wir sitzen auf Plastikstühlen in einem fremden Kinderzimmer und trinken Wein aus Plastikbechern wenn dein Herz ein Gemälde wäre sagt einer und schaukelt mit dem Stuhl Bahnen in die Luft auf denen wortlos Gedanken gehen meins wäre sagt er ohne abzuwarten Weintrauben gepresste gestampft gegärt schlagen gegen den Gaumen Waiting von Lucio Fontana denke ich während Weinstein kantig und rau meine Zunge beschneidet die flink und weich Worte blutet die in meinen Becher tropfen dahin zurück woher sie gekommen sind hinunterschlucken, ich der Wiederkäuer

Ich will tanzen schreit ein anderer und stößt tanzend gegen einen Körper der nicht der eigene ist Kettenreaktion und die Stille fällt wie Dominosteine Was sagst du da Ich hasse mein Studium Tanzen Habs geschmissen Forelle Barsch ne nicht mehr ganz so grelle Schauspiel studieren Schluck Schnaps Ich glaub ich werd krank Tanzen He ich kenn dich doch du bist doch Leiser die Nachbarn das Baby Das ist doch gar nicht Wohnst du hier Jetzt hast du den Korken lass mich mal Leiser Schnaps Leiser verdammt Ich geh tanzen Im Rückenmark sitzt das schlechte Gewissen wie ein Blutschwamm saugt die Atmosphäre auf staut sie in kleinen geschlossenen Bläschen die sich immer weiter aufblähen, ich zupfe mein T-Shirt zurecht, damit nicht jeder gleich alles von Innen sieht was sich drunter abspielt Muskelfrakturen Körperlinien die spröde vor sich hin brechen, ich kann nicht mehr gerade sitzen und rutsche unruhig auf meinem Plastikstuhl hin und her macht quietschende Laute Körpersprache

Jemand wirft eine Weinflasche aus dem Fenster Fahrradbremsen quietschen wie mein Plastik denke ich ein Fluchen ein Hund bellt Bist du noch wach eingesunken im Delirium vom Raum fast vergessen Da sind welche im Lift stecken geblieben erinnert sich der Raum an mich Und andere von der Dachterrasse geflogen wie die Vögel sagst du und lächelst Wie die Vögel breitest die Arme aus und schlägst mit den Flügeln

In der Ecke sitzt einer unter einem Lampenschirm seine Glatze glänzt wie der Supermoon umgeben von kleinen Staubpartikeln die im Licht umher flirren wie Planetenringe um seinen Kopf kreisen Das ist David sagst du und fliegst davon ich setze mich daneben um meinen Rücken in der Wand zu verstecken und starre auf seine Unterarme die Pulloverärmel Grobstrick hochgekrempelt alles wund rote Schlieren die sich unter die Haut fressen und aussehen wie Eingravierungen kryptischer Schriftzeichen Unter seinen Fingernägeln klebt rosiges Blut und der abgeschrubbte Rest einer Oberfläche Hör doch auf zu kratzen hör auf damit denke ich aber er hört meine Gedanken nicht Er kratzt sich noch weg wie die Nacht die dünn und abgeschabt langsam ihre Form verliert. 

(Anmerkung: Katharina Klein hat ihren Text fast ohne Satzzeichen verfasst. Dieser literarischen Freiheit hat die Redaktion auch bei der Veröffentlichung entsprochen.)

Zur Person

Katharina Klein

Geboren: 1996 in Bregenz

Ausbildung: Matura, Studium, Workshops von Literatur Vorarlberg

Werke: Hörspielproduktion „Pforten der Wahrnehmung“, Prosatexte, ein Drama „Denn wir wissen nicht, was wir tun“, UA beim Theater Kosmos im Kosmodrom in Bregenz

Wohnort: Wolfurt, Wien

“Warum die Hunde bellen / Da legen wir einfach die Süddeutsche drüber“ wird am 13. April im Bregenzer Theater Kosmos uraufgeführt.