Die Aufklärung hat immer noch nicht stattgefunden

09.04.2017 • 18:25 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Günter Franzmeier in der Titelrolle von Lessings „Nathan der Weise“ mit der Nathan-Puppe von Nikolaus Habjan am Volkstheater. Foto: APA
Günter Franzmeier in der Titelrolle von Lessings „Nathan der Weise“ mit der Nathan-Puppe von Nikolaus Habjan am Volkstheater. Foto: APA

Habjan lässt die erschreckende Aktualität von Lessings „Nathan“ wirken. Und sie wirkt.

Christa Dietrich

wien. Gotthold Ephraim Lessings 1783 uraufgeführtes Dramatisches Gedicht „Nathan der Weise“ ist mit seinem Appell für Humanismus und Toleranz aktueller denn je, fast ein Stück der Stunde. Diese Bemerkung ist allenthalben zu vernehmen, man nickt, müsste an sich aber erschrecken. Das Wiener Volkstheater präsentiert seit Beginn der Osterferien, also zu einer Zeit, in der religiöse Symbole im Alltag etwas präsenter sind als sonst, eine Neuinszenierung. Mit Nikolaus Habjan führt jener Puppentheatermacher Regie, der im Vorjahr mit dem Vorarlberger Simon Meusburger im Rahmen der Bregenzer Festspiele die „Staatsoperette“ von Franz Novotny und Otto M. Zykan erstmals umsetzte und mit „F. Zawrel“, einem Stück über die Menschenverachtung in einer Zeit, die auf den Austrofaschismus folgte, große, weit über Wien hinausreichende Bekanntheit erlangte. (Dass Meusburger mittlerweile mit dem Feldkircher Team von „Musik in der Pforte“ ein Haydn-Projekt realisierte, das unter anderem auf Habjans Puppenspiel fußt, sei erwähnt.) Der gebürtige Grazer empfiehlt sich inzwischen als Regisseur auf größeren Bühnen, wird demnächst an der Bayerischen Staatsoper in München Carl Maria von Webers „Oberon“ inszenieren.

Pathos abgewehrt

Am Volkstheater kommen nun nur zwei Puppen zum Einsatz und zwar in gegensätzlicher Funktion. Der Jude Nathan erhält ein zweites Selbst sozusagen als einzigen Freund, denn mit allen anderen ist keine Kommunikation auf Augenhöhe möglich, oder er muss sie fürchten. Günter Franzmeier hat weniger den Weisen, Aufgeklärten zu spielen, als den Getriebenen, Vertriebenen bzw. Einsamen. In der Umgebung Nathans wird Toleranz und Vernunft entweder gänzlich abgelehnt oder nur in Ansätzen gelebt. Dazu brauchen Habjan und seine Ausstatter auch keine Soldaten oder Generalsuniformen, Funktion und Status werden beim Tempelherrn oder dem Sultan angedeutet. Der Patriarch als eigentlicher Fundamentalist taucht nur als Puppe auf, die von den Darstellerinnen der Sittah, der Daja und der Recha geführt wird. In unterschiedlicher Ausprägung tragen alle drei, also die eher machtorientierte Schwester des Sultans, die bigotte, eigennützig handelnde Haushälterin und das naiv-unüberlegt agierende junge Mädchen etwas von seiner Starrheit in sich. Eingebettet in eine Rahmenhandlung, die die Vorgeschichte ins Bild rückt, nämlich die Ermordung von Nathans Familie durch Christen, und in den Zimmern einer einzigen Brand­ruine erfährt Lessings Gedicht Kompaktheit. Am Ende lodern die Flammen wieder auf. Die sich als verbrüdert erkannten, sind alle tot. Wir schaffen es nicht, gemeinsam in einem Haus zu leben oder zu erkennen, dass wir alle miteinander verwandt sind. Habjan lässt große Gesten zu, besteht aber auf exakt ausbalanciertem Artikulieren, wehrt damit Pathos ab und bringt das Stück zur Wirkung.

Nächste Aufführung am 15. April, 19.30 Uhr und zahlreiche weitere. www.volkstheater.at