Erfahren, wie böse die Brüder Grimm wirklich waren

11.04.2017 • 17:01 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Herbert Fritsch hat 60 Texte ausgewählt und in bunter Kulisse zugerüstet. Foto: Schauspielhaus/Dorendorf
Herbert Fritsch hat 60 Texte ausgewählt und in bunter Kulisse zugerüstet. Foto: Schauspielhaus/Dorendorf

Regisseur Herbert Fritsch zieht uns am Schauspielhaus Zürich in (s)eine ganz eigene Märchenwelt.

ZÜRICH. (tb) Die Bühne ist ein golden ausgeschlagener Guckkasten mit einer Hüpfburg aus Kunststoffblachen. Die Landschaft ergibt ein riesiges buntes Kissen, in das auch ein Trampolin eingearbeitet ist. Ein Traum für Kinder, die sich austoben wollen. Also die ideale Arena für einen Theaterabend des Deutschen Herbert Fritsch. So tollen denn in dieser Uraufführung der neusten Fritsch-Kreation die Darsteller auf der Pfauenbühne herum; klettern, rutschen, springen in die Luft, sausen in ein Loch, schlagen krachend an Decke oder Wand, bilden, sich bei den Händen fassend, einen Kreis, sprechen und singen, grimassieren und machen große Augen. Gegeben wird das Körper- und Musiktheaterstück „Grimmige Märchen“, in dem selbst der Text – zur Hauptsache ein Verschnitt und eine Verknüpfung von Märchen der Brüder Grimm – körperhaft ausgestellt und musikalisiert wird. Das reicht von einer gemächlich die Silben dehnenden, knarzenden Vortragsweise bis hin zum Schnellsprech, in dem die Wörter Purzelbäume schlagen und Salti mortali vollführen.

Fritsch hat 60 Texte ausgewählt und zugerüstet. Man darf da für sich aus den Ineinander-Verflechtungen, Ein-Satz-Zitaten und Nonsens-Kapriolen ein heiteres Märchenraten veranstalten. Oder sich auch einfach – und wohl besser – in einen Fritschschen Metamärchenkosmos ziehen lassen, wo es, manchmal grundiert von einem grotesk knarrenden Soundtrack, um die Freisetzung spielerischer Urenergien geht. Der Regisseur und Bühnenbildner in Personalunion zeigt hierbei auch, wie „grimmig“ Grimms Märchen vielfach sind. So hat Fritsch zum Beispiel im Märchen „Marienkind“geblättert, wo die Holzhackerstochter erst auf dem brennenden Scheiterhaufen ihr Vergehen gesteht, einen verbotenen Schlüssel benutzt zu haben, oder er hat sich für die bitterarme Fünffach-Mutter in „Gottes Speise“ interessiert, die mit der Steinhärte ihrer Schwester zusammenprallt. „Der gescheite Hans“ wird in eine hart-akrobatische und fulminant dargebotene Slapstick-Nummer überführt. Zwischen die nach langem Schlaf getane Selbstbefragung „Bin ich’s oder bin ich’s nicht?“ des Catherlieschens in „Der Frieder und das Catherlieschen“ und der Antwort „Ich bin’s nicht!“ ist eine pantomimisch aufgeladene Bedenkzeit eingebaut.

Bravourös und hochpräzise

Hierzu passen die oft „grimmig“-erstaunten Gesichter der vom Tutti bis zum Solo hochmotiviert, bravourös und detailpräzise aufspielenden vier Schauspielerinnen und vier Schauspieler, die in wechselnde Lichter von Blutrot bis Giftgrün getaucht werden. Victoria Behr hat die Achterschar in opulente Kostüme gesteckt, mit ausladendem Haar und Kopfputz versehen und ausgestattet mit Verweisen auf Figuren wie König Drosselbart oder Rapunzel. Nicht immer stimmt Fritschs Timing ganz, indem er gewisse Einfälle ein bisschen überdehnt ausspielen lässt. Zu einem kuriosen Kabinettstück gerät kurz vor Ende eine Nummer, in der Markus Scheumann einen (Aschenputtel-)Schuh als Smartphone für ein raumgreifendes Gespräch nutzt und für die Lektüre einer bereits online gegangenen imaginären Premierenkritik dieses noch nicht einmal mit dem Schlussapplaus gekrönten Abends.

Nächste Vorstellungen am 13., 17., 20., 23. und 28. April. Zu weiteren Daten: www.schauspielhaus.ch.