Wer es kann, kann mit dem jungen Schiller viel anfangen

12.04.2017 • 20:19 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Unter dem Titel „Schiller - ein Lustspiel“ präsentiert das Theater im Keller eine Politsatire von Martin Wanko. Foto: VN/cd
Unter dem Titel „Schiller – ein Lustspiel“ präsentiert das Theater im Keller eine Politsatire von Martin Wanko. Foto: VN/cd

Sich mit der „Verschwörung des Fiesco zu Genua“ zu beschäftigen, lohnt sich.

Christa Dietrich

Graz, Bregenz. Stehen Schillers „Die Räuber“ auf dem Programm oder „Kabale und Liebe“, ist es weiter nicht schwer, neben den Klassiker-Freunden auch junges Publikum ins Theater zu locken. Beim 1783 uraufgeführten Trauerspiel „Die Verschwörung des Fiesco zu Genua“ dürfte man erst einmal Irritation wahrnehmen. Der überwiegend in Graz und gelegentlich in Vorarlberg lebende Autor und Dramatiker Martin Wanko (geb. 1970) tat gut daran, sich keinen Deut um den niedrigen Bekanntheitsgrad des Stücks aus den frühen Schaffensjahren von Friedrich Schiller (1759-1805) zu scheren, ihm war weder das Durchackern des Riesenkonvoluts zu mühsam, noch schreckte ihn die vielfach kritisierte Passage ab, in der die Demokratie abgelehnt wird, weil sie die Herrschaft der Dummen bedeuten könnte. Vielmehr behandelt Wanko, von dem wir Stücke wie „Who killed Arnie?“ oder „Der Tag, an dem der Euro starb“ kennen, ohnehin den scheinbar demokratischen Aufstieg und (vermutlichen) Fall eines Populisten. 

Politsatire

Doch Obacht, Brecht stand nicht Pate. Was das Grazer Theater im Keller (TiK) jüngst unter dem Titel „Schiller – Ein Lustspiel“ zur Uraufführung brachte, ist eine Politsatire, in die Schiller nicht nur höchst amüsant, sondern auch bestens mit dem Text verwoben und gegebenenfalls in Zitaten auftaucht. Diese entnehmen die Akteure gerne auch jenem Reclam-Heftchen, dessen jedem bekannter gelber Einband, die für die Kostüme zur Anwendung gekommene Farbpalette perfekt ergänzt. Eine drehbare Bank, ein paar verschiebbare Wände, ein kluger Kopf am Beleuchtungspult und fertig ist eine transportable Ausstattung, mit der sich die Produktion auch für Gastspiele empfiehlt.

Sofern das TiK, das eine lange Tradition hat, sich als Ur- und Erstaufführungsbühne versteht und in der nun wieder bedienten Reihe „Classics in the basement“ vermittelt, was im Großen und Ganzen die Basis deutschsprachigen Theaters ist, eine Tournee überhaupt in Betracht zieht.

Lockerer Humor

Sechs Figuren sind bei Wanko aus der „Fiesco zu Genua“-Vorlage mit weit mehr als einem Dutzend Personen geblieben. Schauplatz der Verschwörung ist nicht Italien, sondern Wien. Dass wir uns nicht in der Zeit der Renaissance, sondern in der Gegenwart befinden, versteht sich von selbst und dass die „Sturm und Drang“-Zeit immerhin mit einem Franz Mohr (oder Moor) zitiert wird, sei nach der Auseinandersetzung mit der Inszenierung von Alfred Haidacher erwähnt. Abgesehen davon, dass er mit Katrin Ebner, Laura Koch, Matthias Dielacher, Christian Krall und Alexander Kropsch ein Team hat, das wie aufgezogen zwischen geerdetem Spiel und überhöhtem Kabarett agiert, entsteht auch dann keinerlei Bruch, wenn erstens in mehrere Rollen geschlüpft werden muss und zweitens die Parallelen zu real agierenden Protagonisten von Bürgermeistern bis Ministern und Parteiobmännern ziemlich klar werden.

Allzu Eindeutiges vermieden zu haben, ist eine weise Regieentscheidung, die der Autor bestens pariert, obgleich er weiß, dass sein Stück ob der deutlichen Bezüge eben auch ein Verfallsdatum hat. Während Schiller mit großer Geste den Verzicht thematisiert, tut Wanko gut daran, mit dem ihm eigenen, lockeren Humor einiges offen zu lassen. Wer das so gut beherrscht, der kann das so machen. Bei der jüngsten Aufführung stimmte ihm das Publikum jedenfalls uneingeschränkt zu.

Schiller oder Goethe? Bei näherer Betrachtung hat Schiller mit der feineren Klinge gearbeitet.

Martin Wanko

Weitere Aufführungen ab 20. April im Theater im Keller in Graz. www.tik-graz.at