Den größten Lustgewinn hat sowieso das Publikum

Kultur / 14.04.2017 • 17:10 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Henriette Blumenau und Mathias Lodd in „Orlando“ nach Virginia Woolf. Foto: Schauspielhaus/Spuma
Henriette Blumenau und Mathias Lodd in „Orlando“ nach Virginia Woolf. Foto: Schauspielhaus/Spuma

Wenn Virginia Woolf wieder ein Thema ist, spielt auch dieser „Orlando“ vorne mit.

Christa Dietrich

Graz, Bregenz. Welche Lust ist größer? Die des Mannes oder die der Frau? Die ausgesprochene Frage wirkt wie ein humorvolles Einsprengsel in der Aufführung von „Orlando“ am Grazer Schauspielhaus, wo Regisseur Jan Stephan Schmieding gemeinsam mit zwei Schauspielern den 1928 erschienenen Roman von Virginia Woolf (1882–1941) für die Bühne erarbeitet hat. Mann oder Frau? Wer Woolfs Text nicht mehr ganz präsent hat, vor dessen Auge laufen wahrscheinlich zumindest Bilder aus dem Film von Sally Potter ab, der ob der Leistung von Tilda Swinton Geschichte geschrieben hat.

Orlando, der elisabethanische Adelige, durchläuft, wie wir wissen, nicht nur mehrere Epochen, er ändert auch das Geschlecht und ist somit die perfekte Figur für die Absicht Virginia Woolfs, die Identität selbst zum Thema zu machen und damit die Anziehung unter den Geschlechtern sowie die Beziehung der Einzelperson zu einer Gesellschaft, die sich verschiedene Regeln auferlegt hat. Nicht zu verzopft daherzukommen und auch keineswegs frivol, das ist – abgesehen von der Textfülle und der Reduktion auf zwei Personen – die Herausforderung, die sich dem Schauspielhaus-Team stellte. Dass man ein hochintelligentes und dabei auch ungemein unterhaltsames Stück realisiert hat, dürfte sich gleich nach der Premiere herumgesprochen haben. „Orlando“ wird in Graz auf der kleinen Bühne gespielt, die Plätze für eine weitere Aufführungs­serie im Mai werden wohl äußerst begehrt sein.

Nie überspannt

Auf Schaukästen, die zugleich Eisschollen sein könnten, unternehmen Henriette Blumenau und Mathias Lodd die Fahrt durch wechselnde Epochen und Beziehungen. Weiße Tücher markieren eine Landschaft oder eine Schlafstätte, Beengtheit und viktorianische Strenge oder wiederum vollkommene Freiheit, die aber Entscheidungsfähigkeit und Entschlossenheit fordert. Die Gefühlspalette ist groß, doch nie wirkt auch nur irgendeine dieser kleinen, geschickt in den Fokus gestellten Szenen überspannt oder manieriert. Welche Lust ist größer? Egal, den größten Lustgewinn hat sowieso das Publikum. Virginia Woolf ist somit wieder Thema auf den Bühnen. Olga Neuwirth vertont „Orlando“ für die Wiener Staatsoper, die den Uraufführungstermin im Jahr 2019 angesetzt hat. Die Bregenzer Festspiele haben Woolfs Roman „To the Lighthouse“ von Zesses Seglias vertonen lassen. Im Sommer wird man das Werk mit einem Libretto von Ernst Marianne Binder präsentieren. „Orlando“ würde sich als ergänzendes Gastspiel empfehlen, Einstimmung oder Genuss bietet es jedenfalls.

„Orlando“ steht in Graz ab 5. Mai wieder auf dem Spielplan. „To the Lighthouse“ hat in Bregenz am ­
16. August Premiere.