Was alles in nur drei Stunden möglich ist

14.04.2017 • 17:10 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Um 9.30 Uhr mit dem Bus nach Frastanz, Gräberpflege, und der Plan, nachher zu Fuß über die „ Sponda“ nach Feldkirch zu wandern.

Eva schrieb, auf einer Bank im Gemeindepark sitzend, eine SMS, als Elvira, eine Bekannte aus dem gemeinsamen Arbeitsverhältnis vor vierzig Jahren im Krankenhaus Feldkirch, auf sie zukam. Jede der Frauen hatte ein Kind an Krebs verloren. Bei Eva war es elf Jahre her, als der Sohn mit 48 Jahren, bei Elvira sieben Jahre, dass die Tochter, damals Mutter zweier kleiner Kinder, verstarb.

Die Schwerkranken reiften durch die Krankheit zu weisen Menschen heran. Evas Sohn sagte zu seiner Mutter, dass er nun wisse, er hätte sich der Sucht in eigener Entscheidung hingegeben, nun gehe er daran, zu lernen, sich selbst zu vergeben. Er bereue jetzt bitter, aber nun sei es für ihn zu spät. Dies sich selbst zu vergeben, sei das schwerste, das man sich abzufordern hat. Er bat seine Mutter mehrmals um Verzeihung, weil er ihr, seiner Mutter, jetzt diesen Weg, ihn zu begleiten, zumuten müsse. In dieser Zeit war Versöhnung möglich, sagte Eva zu Elvira, ab da hätten sich Sohn und Mutter ausgezeichnet verstanden, was in früheren Jahren nicht möglich gewesen war.

Dann erzählte Elvira, ihre Tochter hat auch davon gesprochen, dass sie weiß, dass sie sterben wird. Es tue ihr unendlich weh, jetzt, mit nicht einmal vierzig Jahren, gehen zu müssen. Sie sei sich aber sicher, dass sie von einer anderen Ebene aus ihre Kinder, Eltern und Geschwister begleiten und ihnen helfen wird. Die zwei Frauen umarmten sich, fühlten sich wohl in der Geborgenheit der anderen und versprachen, sich wieder zu treffen.

 

Dann ging Eva wie meditierend den Waldrand am Spondaweg in Richtung Feldkirch, sie bedankte sich dafür, was sie soeben erlebt hatte.

Am Nachmittag meldete sich bei Eva ein früherer Nachbar, der vor nun sieben Jahren mit seiner thailändischen Gattin Velia in deren Heimat gezogen war. Die Entscheidung damals, von Österreich nach Thailand zu ziehen, war ein langer Prozess gewesen. Für Eva überraschend, drängte damals eher der Gatte dazu, auszuwandern, denn Velia hatte es in Vorarlberg ausnehmend gut gefallen, sie hatte kein Heimweh nach ihrer thailändischen Heimat.

Wilfried erwähnte, dass sie vorhaben, irgendwann zurückzukommen. Es gehe ihnen in Thailand sehr gut, die Lebenshaltungskosten sind im Vergleich zu Österreich sehr günstig, sie leben hauptsächlich von Gemüse und Früchten aus dem eigenen Garten.

Beim Vergleichen der Lebenshaltungs- und Mietkosten zwischen Vorarlberg und Thailand müsse man genau überlegen, ob und wann sie ihre Zelte in Thailand abbrechen werden. Wilfrid hat in Thailand zwei Häuser gekauft, die für unsere Begriffe einen „Pappenstil“, das heißt, einen Bruchteil kosten. Seine Pension, in Vorarlberg um vieles weniger „wert“, wäre schneller aufgebraucht. Andererseits hat er in Vorarlberg bereits eine Wohnung gekauft, die er vorübergehend vermietet. Was ihn zur Rückkehr bewegen könnte ist, dass er sich nie völlig dazugehörend fühle, obwohl er die Sprache gut, aber nicht alles, verstehe. Die Regenzeit mache ihm zu schaffen, und Erinnerungen an Kinder und Jugendzeit, wo er mit der Mutter und vielen Geschwistern hier in den Wäldern Beeren und Schwämme gesucht hat. Velia vermisse seine große Familie, sie wurde damals von seiner Familie mit offenen Armen aufgenommen. Kein Wunder, sagte Eva zu Wilfried, bei ihrer Schönheit und dem Charme.

 

Eva und Wilfried saßen in einem Gastgarten, er genoss die heimatlichen Dialektausdrücke seiner Landsleute, er genoss das Gespräch und dass ihm jemand mit ungeteilter Aufmerksamkeit zuhörte, mit ihm Argumente auflistete, genaue Fragen stellte und ihn ernst nahm. Immer wieder betonte Eva, dass sie sich freuen werde, falls sie zurückkämen. Er möge dies Velia mit den herzlichsten Grüßen ausrichten. Er sei für diese Begegnung sehr dankbar, sagte er beim Abschied. Sichtlich beschwingt eilte er zu seiner nächsten Verabredung. Spannend, dachte sie, spannend, wie viel Wesentliches in kurzer Zeit geschehen kann.

Zur Person

Elisabeth Amann

Geboren: 1936 in Altenmarkt, seit 1955 in Vorarlberg

Tätigkeit: in verschiedenen sozialen Berufen, Autorin, als „Artist in Residenz“ wird Elisabeth Amann sowie der syrische Autor Ayman Jndi das Programm des Theaters am Saumarkt in Feldkirch ein Jahr lang schriftstellerisch begleiten.

Publikationen: „Dieses bisschen Glück“, „Mit bloßen Füßen Kind sein“, „Frühere Hände“, „Mandala“

Familie: verwitwet, sechs Kinder